Regionalkomitee: Höhepunkte des vierten Tages

WHO/Martin Attard

Am letzten Tag der 62. Tagung des WHO-Regionalkomitees für Europa verabschiedeten die Mitgliedstaaten die Strategie und den Aktionsplan für gesundes Altern in der Europäischen Region (2012–2020) (nach der Erörterung dieses Dokuments am dritten Tag) sowie den Europäischen Aktionsplan zur Stärkung der Kapazitäten und Angebote im Bereich der öffentlichen Gesundheit.

Europäischer Aktionsplan zur Stärkung der Kapazitäten und Angebote im Bereich der öffentlichen Gesundheit

In seiner Vorstellung des Aktionsplans sagte Dr. Hans Kluge, Direktor der Abteilung für Gesundheitssysteme und öffentliche Gesundheit, dass dies ein großartiger Moment sei, „weil die Thematik öffentliche Gesundheit in der Europäischen Region wieder mit Leben gefüllt“ werde. Er führte aus, dass der Plan in umfassenden Konsultationen in der Absicht entwickelt worden sei, die integrierte Leistungserbringung für Gesundheitsschutz, Krankheitsprävention und Gesundheitsförderung zu stärken.

Angesichts der Veränderungen der Gesellschaften des 21. Jahrhunderts (Globalisierung, Überalterung der Bevölkerung, Klimawandel) sei eine erneute Betonung der öffentlichen Gesundheit zeitlich und inhaltlich angebracht, weil so trotz knapper Kassen optimale gesundheitliche Ergebnisse möglich seien.

Der Plan sei in Übereinstimmung mit dem Rahmenkonzept „Gesundheit 2020“ aufgestellt worden und baue auf einer soliden Grundlage aus Erkenntnissen auf, unter anderem durch Untersuchungen zu den Angeboten im Bereich der öffentlichen Gesundheit in 41 der 53 Mitgliedstaaten. Das Kernstück des Aktionsplans bildeten die zehn überarbeiteten grundlegenden gesundheitspolitischen Maßnahmen (EPHO):

  1. Surveillance von Gesundheit und Wohlbefinden der Bevölkerung
  2. Beobachtung von Gesundheitsgefahren und gesundheitlichen Notlagen und Gegenmaßnahmen
  3. Gesundheitsschutzmaßnahmen (u. a. in den Bereichen Umwelt-, Arbeits- und Nahrungsmittelsicherheit)
  4. Gesundheitsförderung, einschließlich Maßnahmen in Bezug auf soziale Determinanten und gesundheitliche Benachteiligung
  5. Krankheitsprävention, einschließlich Früherkennung
  6. Gewährleistung von Politikgestaltung und Steuerung für mehr Gesundheit und Wohlbefinden
  7. Gewährleistung einer ausreichenden Zahl von fachkundigem Personal im Bereich der öffentlichen Gesundheit
  8. Gewährleistung von nachhaltigen Organisationsstrukturen und Finanzierung
  9. Überzeugungsarbeit, Kommunikation und soziale Mobilisierung für die Gesundheit
  10. Förderung der Forschung im Bereich der öffentlichen Gesundheit zwecks Anwendung in Politik und Praxis

Dr. Kluge erläuterte die zentralen Punkte des Resolutionsentwurfs: Weiterarbeit mit dem Aktionsplan als dem Grundpfeiler der Umsetzung von „Gesundheit 2020“, Kenntnisnahme der überarbeiteten EPHO und der Notwendigkeit ihrer Bewertung durch die Länder und Zusammenarbeit in der Umsetzung mit Anleitung und Unterstützung durch die WHO. Ein Selbstbewertungs-Instrument, das in Zusammenhang mit dem Plan entwickelt worden sei, werde weiter verfeinert und vereinfacht.

Während der umfassenden Konsultation mit den Mitgliedstaaten, der Europäischen Kommission und den nichtstaatlichen Organisationen seien Anpassungen vorgenommen worden, so dass ein größeres Gewicht auf die sozialen Determinanten von Gesundheit gelegt, der Zeitplan in Übereinstimmung mit dem von „Gesundheit 2020“ gebracht und ein gemeinsames Glossar der Begrifflichkeiten erstellt werden könne.

Erörterung des Aktionsplans durch die Mitgliedstaaten

Zypern drückte im Namen der Mitgliedstaaten der Europäischen Union (EU) breite Unterstützung für den Plan aus und regte kleinere Änderungen an, durch welche die Bedeutung von Partnerschaften (mit Zivilgesellschaft, Privatwirtschaft und Öffentlichkeit durch die Befähigung der Patienten zum selbstbestimmten Handeln), primärer Gesundheitsversorgung und Freiwilligkeit aller Handlungen und Maßnahmen stärker betont wurde.

Andere Länder wiederholten ihre Unterstützung und ihre Entschlossenheit, ihre Angebote im Bereich der öffentlichen Gesundheit weiter zu überprüfen und die überarbeiteten EPHO in ihre nationalen Strategien und Systeme zu integrieren.

Dr. Maria Ruseva, die das Regionalbüro kürzlich verlassen hatte, wurde für ihr Engagement für die öffentliche Gesundheit und ihre entscheidende Rolle in der Entwicklung des Plans gewürdigt.

Eine Länderstrategie für das WHO-Regionalbüro für Europa (2012-2014)

Dr. Lucianne Licari stellte die Länderstrategie des Regionalbüros vor, die nun zum ersten Mal nach über zehn Jahren einer Revision unterzogen werde. Die Strategie solle durch neue Arbeitsweisen flexibler, initiativenreicher und relevanter für jeden Mitgliedstaat in der Region werden. Sie betone auch die Bedeutung der Zusammenarbeit zwischen den Ländern und rege Wege des Informationsaustausches unter ihnen sowie eine engere Art der Zusammenarbeit mit den Ländern ohne Länderbüro an.

Obwohl die vorgelegte Strategie nur eine Zwischenlösung sei, werde ihre Vision in den kommenden Jahren Bestand haben und werde für die Gestaltung der langfristigen Strategie gemäß den Erwartungen der Mitgliedstaaten hilfreich sein. Nach den regelmäßigen Beratungen der vergangenen zwei Jahre mit den Mitgliedstaaten und nach drei subregionalen Konsultationen zu diesem Punkt zeigte sich Dr. Licari aufgrund der engen Zusammenarbeit, die sie hierbei erlebt hatte, zuversichtlich, dass die Strategie die Ansichten und Gedanken der Mitgliedstaaten gut widerspiegele.

Ein zentrales Element der Länderstrategie sei die freiwillige Entwicklung der Länder-Kooperationsstrategien (CCS) mit denjenigen Ländern, die keine zweijährigen Kooperationsvereinbarungen (BCA) mit dem Regionalbüro geschlossen hätten. Dr. Licari wies darauf hin, dass die Schweiz bereits ein CCS vorbereite und dass andere Länder Interesse am Prozess bekundet hätten.

Antworten der Mitgliedstaaten

Mehrere Mitgliedstaaten gaben ihre Unterstützung für die Länderbüros und ihren Dank für deren Arbeit zum Ausdruck. Dies wurde von den anwesenden Leitern der Länderbüros mit Dank zur Kenntnis genommen und einige von ihnen brachten ihre volle Unterstützung für den Resolutionsentwurf zum Ausdruck. Allerdings betonten die Mitgliedstaaten der EU, dass die WHO im Rahmen ihres Reformprozesses noch die angemessene Aufgabenverteilung zwischen den drei Ebenen der Organisation, von denen die Länderebene eine sei, untersuche. Sie sagten, dass Konsultationen in den zurückliegenden zwei Jahren unterschiedliche Ansichten und nur wenige Übereinstimmungen über die Zukunftsvision bzw. die Notwendigkeit einer Zwischenstrategie zutage gefördert hätten, was sich ja auch im Resolutionsentwurf widerspiegele. Sie regten an, die Resolution mit den wichtigsten Punkten, die eine Fortsetzung der Arbeit des Regionalbüros erlaubten, anzunehmen, ohne die Strategie an sich zu billigen. Die EU-Mitgliedstaaten schlugen eine erhebliche Zahl von Änderungen vor, durch welche die Resolution diese Anregungen widerspiegeln solle.

Nach weiteren Kommentaren aus den Mitgliedstaaten erklärte Dr. Licari, dass die BCA Aktionspläne wären, wohingegen es sich bei den CCS um Strategien handele. Die Regionaldirektorin Zsuzsanna Jakab bekräftigte, dass das Regionalbüro die Reform der WHO in all ihren Handlungen berücksichtige und dass dies einer der Gründe dafür gewesen sei, diese vorläufige Länderstrategie vorzubereiten. Die CCS würden nicht nur eine Zusammenarbeit zwischen den Ländern und den drei Ebenen der WHO erlauben, sondern es den Ländern auch ermöglichen, zur Gesundheitsentwicklung auf globaler und regionaler Ebene beizutragen.

Die Delegierten erhielten während der Mittagspause Gelegenheit zur Prüfung des Resolutionsentwurfs mit den substanziellen Änderungsvorschlägen durch die EU-Mitgliedstaaten. Die Resolution wurde mit diesen Änderungen angenommen.

Stärkung der Rolle der Außenstellen des Regionalbüros für Europa

In der Europäischen Region der WHO gibt es derzeit drei Außenstellen:

  • In Deutschland das Büro Bonn zu Umwelt und Gesundheit
  • In Italien das Büro Venedig zu den sozialen Determinanten der Gesundheit
  • In Spanien das Büro Barcelona zur Finanzierung von Gesundheitssystemen

In Griechenland ist die Etablierung des Büros Athen zu nichtübertragbaren Krankheiten noch anhängig.

Frau Jakab erläuterte, dass die Außenstellen finanziell substanziell zum Aufbau der fachlichen Kapazitäten in zentralen strategischen Bereichen beitrügen, wie es anders nicht möglich sei. Sie dankte den Ländern, die auf diese Weise die Arbeit des Regionalbüros unterstützen.

In den letzten beiden Jahren sei zum ersten Male seit einem Jahrzehnt die Rolle der Außenstellen in einer externen Überprüfung untersucht worden. Dabei sei festgehalten worden, dass die Außenstellen fachlich hochwertige Arbeit leisteten, dass ihre Abstimmung mit dem Regionalbüro jedoch verstärkt und die Rolle des gastgebenden Landes stärker anerkannt werden solle. Seit Beginn der Untersuchung wären diese Themen vom Regionalbüro aufgegriffen worden.

Der Sonderberater der Regionaldirektorin Arun Nanda führte aus, dass mit der erörterten Strategie für die Außenstelle bezweckt werde, ihre Rolle zu definieren, zu klären und zu stärken. Danach seien Voraussetzungen für die Existenz oder Schaffung von Außenstellen:

  • ihre Nachhaltigkeit (Finanzierung in Höhe von 2 Mio. US-$ für zehn Jahre und zehn Planstellen,
  • ein fachlicher Schwerpunkt,
  • die geografische Ausgewogenheit ihrer Lage in der Region,
  • ihre Unterstützung durch weitere Mitgliedstaaten,
  • ihre Schaffung oder Schließung nur nach vollständiger Bewertung der Betriebserfordernisse.

Daneben würden in der Strategie drei neue Bereich genannt, in denen die Schaffung einer Außenstelle denkbar sei: humanitäre Hilfe und Notlagen, Stärkung der Gesundheitssysteme sowie Gesundheitsinformationssysteme und Wissensmanagement.

Plenardiskussion der Mitgliedstaaten

Auf die Vorstellung der Strategie eine ausführliche Debatte der Mitgliedstaaten. Die Länder nannten unterschiedliche Haltungen zur Frage, ob die Entscheidung über die Schaffung einer neuen Außenstelle vom Ständigen Ausschuss des Regionalkomitees (SCRC) und dem WHO-Sekretariat getroffen werden könne oder dem Regionalkomitee vorgelegt werden müsse. Außerdem baten Delegierte um mehr Transparenz sowohl in der Ausweisung der Fachgebiete, für die eine neue Außenstelle benötigt würde, als auch in Verfahren zu ihrer Schaffung.

Nach längerer Diskussion vereinbarten die Mitgliedstaaten die WHO mit der Schaffung einer Außenstelle in einem dafür kandidierenden Land zu beauftragen, sollte Griechenland nicht der Gastgeber hierfür sein können. Sie baten die WHO außerdem darum in Konsultation mit dem SCRC Geschäftsmodelle in den Fachgebieten primäre Gesundheitsversorgung und humanitäre Krisen zu entwickeln und auf der nächsten Tagung des Regionalkomitees zur Annahme vorzulegen.

Fachinformationssitzung: Gesundheitsförderung und Prävention altersbedingter chronischer Erkrankungen.

Während dieser Informationsveranstaltung in der Mittagspause referierten Fachleute über die Herausforderungen für die Gesundheitssysteme angesichts einer überalternden Bevölkerung und die Konsequenzen für die Handhabung multipler chronischer Erkrankungen. In mehreren Mitgliedstaaten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) litten viele Menschen im Alter von 65 Jahren und darüber an drei oder mehr chronischen Erkrankungen. In Westeuropa werde für den Zeitraum von 2010 bis 2050 ein Anstieg der Demenzerkrankungen um 93% vorausgesagt.

Viele Anregungen zur Bewältigung der Problematik der Multimorbidität wurden aufgrund der Erfahrungen in den Ländern gemacht.

  • Es sei wichtig zu erkennen, dass chronische Morbidität früh im Leben einsetze und dass Gesundheitsförderung während des gesamten Lebensverlaufs daher wichtig sei.
  • Man benötige weitere Forschung zur negativen Wechselwirkung von Medikamenten.
  • Außerdem müssten weitere Erkenntnisse zu Komorbidität gesammelt und die derzeitige Konzentration der Forschung auf einzelne Erkrankungen überwunden werden.
  • Multidisziplinäre Teams, welche die Patienten ins Zentrum rücken, seien für den einzelnen Menschen am besten.
  • Wirksame Informationstechnologie (IT-Systeme) kann viel dazu beitragen, die Patienten zu begleiten und die gefährdeten zu erkennen, damit sie auf Ebene der Gemeinde besser und früher versorgt werden können.
  • Es sei sinnvoll weitere Untersuchung der Arbeiten zur Unterstützung von Einzelpersonen in der Selbstversorgung im eigenen Zuhause durchzuführen.
  • Gesundheitsfachkräfte müssten für die Arbeit in Teams ausgebildet werden, wobei Hausärzte als Lotsen für Patienten denkbar seien.
  • Es sei erforderlich die Haltungen zu ändern und das soziale Stigma in Bezug auf psychische Erkrankungen zu beseitigen.

Evaluation des Europäischen Forums für Gesundheitspolitik auf der Ebene hochrangiger Regierungsvertreter

Arun Nanda führte in die Thematik mit der Vorstellung einer Evaluierung des Hochrangigen Forums ein, das nach RC60 als strategiebezogenes Forum für die Konsultation mit Mitgliedstaaten für die Entwicklung von „Gesundheit 2020“ geschaffen worden war. Das Forum habe 2011 und 2012 insgesamt dreimal getagt und die Teilnehmer seien um eine Bewertung der Nützlichkeit des Forums gebeten worden. 81% der Befragten hätten geantwortet und es habe eine allgemeine Einigkeit über die Nützlichkeit des Forums gegeben. Die Mehrzahl der Antworten (63%) seien für eine Fortsetzung des Forums ein- bis zweimal jährlich, wohingegen 23% sich für eine Fortsetzung bei Bedarf und 14% sich für eine Beendigung nach der Erfüllung seines Zwecks aussprachen.

Antwort des SC RC und der Mitgliedstaaten

Dr. Ray Busuttil teilte die Ansichten des SCRC zur Thematik mit und bekräftigte, dass die Ziele des Forums erreicht und die Formulierung von „Gesundheit 2020“ unterstützt worden seien. Er trug die Ansicht vor, dass das Forum beibehalten, aber nur einberufen werden sollte, wie der SCRC dies für notwendig erachte, etwa zu konkreten Themen. Die EU-Mitgliedstaaten sahen keine Notwendigkeit für ein derartiges Gremium und würden es vorziehen, die bestehenden Organe zu nutzen. Sie äußerten Bedenken, dass es zu Überschneidungen in der Arbeit kommen könne und fragten, ob der schriftliche Austausch nicht eine kosteneffektive Alternative zu hochrangigen Veranstaltungen seien könnten.

In ihrer Antwort betonte die Regionaldirektorin die Notwendigkeit eines solchen Gremiums etwa für die Prüfung evidenzbasierter Studien. Sie sagte, dass das Regionalbüro auch spontan Tagungen und Konferenzen einberufen könne, dass das Forum jedoch bei Bedarf einfacher zu nutzen sein könne.

Angesichts des fehlenden Konsenses regte der Exekutivpräsident an, zum nächsten Tagesordnungspunkt überzugehen.

Zeitpunkt und Ort der kommenden Tagungen des Regionalkomitees

Die Mitgliedstaaten vereinbarten, dass die Tagungen des Regionalkomitees folgendermaßen abgehalten werden sollten:

  • 63. Tagung: Portugal, 16.-19. September 2013
  • 64. Tagung: Kopenhagen (Dänemark), 15.-18. September 2014
  • 65. Tagung: Ort noch offen, 14.-17. September 2015
  • 66. Tagung: Kopenhagen (Dänemark), Zeitpunkt noch offen

Abschluss der Tagung

Im Namen aller Mitgliedstaaten fasste ein Delegierter der Russischen Föderation die Ergebnisse der 62. Tagung zusammen.

„Ein maltesisches Sprichwort besagt, dass das Wort eines Maltesers mehr wert ist als das Versprechen eines Königs. In diesem Sinne haben wir uns alle wie Malteser verhalten, die Verantwortung für unsere Worte übernommen und vereinbart sie in Handlung umzusetzen.“

Indem sie die Annahme von Gesundheit 2020 als historisch bezeichnete, dankte die Regionaldirektorin Zsuzsanna Jakab den Mitgliedstaaten für ihr Engagement, dem SCRC für seine detaillierten Vorbereitungen und der maltesischen Regierung für ihre Gastgeberrolle bei dieser erfolgreichen Tagung des Regionalkomitees.