Delegierte auf der Weltgesundheitsversammlung vereinbaren neuen fünfjährigen Strategieplan

WHO/Laurent Cipriani

Die Delegierten der Weltgesundheitsversammlung haben einen ehrgeizigen neuen Strategieplan für die nächsten fünf Jahre vereinbart. Das Dreizehnte Allgemeine Arbeitsprogramm der WHO (GPW 13) soll der Welt dabei behilflich sein, bis 2030 die Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDG) – und namentlich das SDG 3: „Ein gesundes Leben für alle Menschen jeden Alters gewährleisten und ihr Wohlergehen fördern“ – zu erfüllen.

Im GPW werden drei Ziele festgelegt. So sollen bis 2023: eine Milliarde Menschen mehr Zugang zur Gesundheitsversorgung erhalten; eine Milliarde Menschen mehr wirksamer vor gesundheitlichen Notlagen geschützt werden; und eine Milliarde Menschen mehr eine Verbesserung von Gesundheit und Wohlbefinden erleben. Nach Schätzungen der WHO könnten bei Erfüllung dieser dreifachen Milliarden-Zielmarke 29 Mio. Menschenleben gerettet werden.

Punkte von besonderem Interesse für die Europäische Region

Am zweiten und dritten Tag der 71. Weltgesundheitsversammlung befassten sich die Delegierten mit einem breiten Spektrum von Gesundheitsthemen, und die Mitgliedstaaten aus der Europäischen Region waren umfassend an diesen Diskussionen beteiligt. Ferner fanden eine Vielzahl von Fachinformationssitzungen, Nebenveranstaltungen und bilateralen Gesprächen statt.

Beiträge im Plenum

  • Dreizehntes Allgemeines Arbeitsprogramm: Ein Großteil der Diskussionen am 22. und 23. Mai entfiel auf den Entwurf des GPW 13. Dabei brachten Länder aus allen Teilen der Europäischen Region ihre feste Unterstützung für diesen Strategieplan zum Ausdruck und unterstrichen namentlich, dass dessen Zukunftsvision eng mit der Verwirklichung der SDG verknüpft sei und konkret zu dieser beitrage. Die Länder waren sich einig in ihrer entschlossenen Unterstützung des Ziels einer allgemeinen Gesundheitsversorgung, und viele schilderten anhand von konkreten Beispielen, wie sie bereits Gesundheitsreformen und -konzepte eingeführt haben, die sie diesem Ziel näher bringen. Sie unterstrichen die Bedeutung einer Stärkung und grundlegenden Umgestaltung der Gesundheitssysteme unter besonderer Schwerpunktlegung auf die primäre Gesundheitsversorgung und erkannten generell den Wert der Entwicklung chancengleicher Gesundheitssysteme an, in denen niemand zurückgelassen wird. Die Delegierten wiesen jedoch auch darauf hin, dass die WHO eine Reihe strategischer Veränderungen vornehmen müsse, um die in dem GPW genannten Ziele zu erreichen, speziell durch Ausbau ihrer Führungskompetenz im Bereich der öffentlichen Gesundheit, die Verlagerung des Schwerpunkts auf die Länder und die Gewährleistung, dass die Menschen auf zuverlässige und strategische Informationen über ihre Gesundheit betreffende Fragen zugreifen können. An den beiden Tagen ergriffen folgende Länder der Europäischen Region das Wort: Albanien, Belarus, Bulgarien (im Namen der Europäischen Union), Dänemark, Estland, Georgien, Griechenland, Island, Israel (im Namen des Südosteuropäischen Gesundheitsnetzwerks (SEEHN)), Italien, Kasachstan, Kirgisistan, Litauen, Luxemburg, Malta, Monaco, Norwegen, Republik Moldau, Rumänien, San Marino, Schweden, Slowakei, Slowenien, Spanien, Tschechische Republik, Türkei, Turkmenistan, Ukraine und Usbekistan.
  • Gesundheit, Umwelt und Klimawandel: Mehr als 50 Mitgliedstaaten und ein Dutzend nichtstaatlicher Akteure befassten sich mit dem Themenkomplex Gesundheit, Umwelt und Klimawandel und brachten ihre überwältigende Unterstützung für den Lösungsansatz der WHO in diesem wesentlichen Bereich der Gesundheitspolitik zum Ausdruck. Die Länder erkannten die Bedeutung eines ressortübergreifenden und bevölkerungsbezogenen Ansatzes für umweltbedingte Risikofaktoren an, und viele hoben hervor, Belange des umweltbezogenen Gesundheitsschutzes müssten in nationale Handlungskonzepte und Strategien einbezogen werden. Die Länder unterstrichen auch die starke Verknüpfung zwischen nichtübertragbaren Krankheiten und Umweltfaktoren, und manche wünschten sich eine weitere Intensivierung der Anstrengungen, um dieser Verknüpfung gerecht zu werden. Die Länder begrüßten den Fahrplan für erweiterte Maßnahmen der Weltgemeinschaft gegen die schädlichen gesundheitlichen Auswirkungen der Luftverschmutzung und die bevorstehende globale Konferenz zum Thema Luftverschmutzung in Genf. Aus der Europäischen Region meldeten sich folgende Länder zu Wort: Aserbaidschan, Bulgarien (im Namen der Europäischen Union), Israel, Monaco, Niederlande, Norwegen, Österreich, Russische Föderation, Schweiz und Spanien.
  • Vorsorge- und Sofortmaßnahmen im Bereich der öffentlichen Gesundheit: Die Delegierten der Weltgesundheitsversammlung wurden von Dr. Peter Salama, dem Stellvertretenden Generaldirektor der WHO für Vorsorge und Reaktion auf Notlagen, über den Ebola-Ausbruch in der Demokratischen Republik Kongo informiert. Er bezeichnete den Ausbruch als „epidemiologisch gesehen auf Messers Schneide“, lobte jedoch die Anstrengungen der Partnerorganisationen und Geldgeber zur Ermöglichung einer schnellen Antwort. Ferner begann die Debatte über Bereitschaftsplanung im öffentlichen Gesundheitswesen, bei der u. a. ein Bericht des Unabhängigen fachlichen Aufsichts- und Beratungsausschusses an das Programm der WHO für gesundheitliche Notlagen geprüft wurde. Der Ausschuss berichtete, das Programm habe in den letzten beiden Jahren seine Bedeutung für die Unterbindung der Ausbreitung von Infektionskrankheiten über nationale Grenzen hinweg sowie für die Federführung bei gesundheitlichen Gegenmaßnahmen während zahlreicher humanitärer Krisen
    unter Beweis gestellt. Er räumte aber ein, dass noch weitere Fortschritte benötigt würden. Bisher haben Belgien, Deutschland und das Vereinigte Königreich sich zu diesem Tagesordnungspunkt zu Wort gemeldet und dabei ihre – auch finanzielle – Unterstützung für die Arbeit der WHO zur Bewältigung von Notlagen zum Ausdruck gebracht. Die Debatte in der Weltgesundheitsversammlung dauert noch an.
  • Gesundheitliche Bedingungen in dem besetzten palästinensischen Gebiet: Die Weltgesundheitsversammlung befasste sich mit den gesundheitlichen Bedingungen in dem besetzten palästinensischen Gebiet einschließlich Ost-Jerusalems und auf dem besetzten syrischen Golan. Die Delegierten bekräftigten die Notwendigkeit einer vollständigen Gesundheitsversorgung und erkannten an, dass der akute Mangel an finanziellen und medizinischen Ressourcen den Zugang der Bevölkerung zu kurativen und präventiven Leistungen gefährde.
  • Bekämpfung der weltweiten Engpässe bei Arzneimitteln und Impfstoffen und Verbesserung des Zugangs zu ihnen: Die Länder erkannten den dringenden und besorgniserregenden Charakter der weltweiten Engpässe bei Arzneimitteln und Impfstoffen sowie eine Reihe anderer Probleme in Bezug auf den Zugang zu ihnen an. Sie begrüßten allgemein den Beschlussentwurf, in dem die WHO um Ausarbeitung eines fünfjährigen Fahrplans zur Verbesserung des Zugangs zu Arzneimitteln und Impfstoffen gebeten wird, der 2019 der Weltgesundheitsversammlung vorgelegt werden soll. Insbesondere baten die Länder die WHO, bei der Förderung des Austauschs von Erfahrungen und vorbildlichen Praktiken in Bezug auf den Zugang zu Arzneimitteln behilflich zu sein, und mehrere Länder unterstrichen die Notwendigkeit eines die gesamte Wertschöpfungskette von Arzneimitteln umfassenden Konzeptes. Die Länder betonten auch, dass ein gleichberechtigter Zugang zu bezahlbaren und hochwertigen Arzneimitteln und Impfstoffen ein wesentlicher Bestandteil einer allgemeinen Gesundheitsversorgung und eine wesentliche Zielvorgabe im Rahmen der SDG sei. Folgende Länder der Europäischen Region ergriffen zu diesem Thema das Wort: Deutschland, Griechenland, Niederlande, Österreich, Russische Föderation, Schweiz und Vereinigtes Königreich.
  • Öffentliche Gesundheit, Innovation und geistiges Eigentum: Die Delegierten prüften den Bericht über die Bewertung des Programms der Globalen Strategie und des globalen Aktionsplans für öffentliche Gesundheit, Innovation und geistige Eigentumsrechte und drängten auf eine Umsetzung der darin enthaltenen Empfehlungen durch alle maßgeblichen Akteure. Die Delegierten baten den Generaldirektor, im Jahr 2020 der Weltgesundheitsversammlung über Fortschritte auf diesem Gebiet Bericht zu erstatten.

Bilaterale Gespräche

  • Israel: Im Mittelpunkt des Gesprächs zwischen dem Regionalbüro und Israel standen die bevorstehende Eröffnung eines WHO-Länderbüros in Israel sowie die Rolle des Landes in leitenden Organen wie dem Exekutivrat der WHO.
  • Kasachstan: In diesem Gespräch wurden die Rolle Kasachstans als Vizepräsident der 71. Weltgesundheitsversammlung und seine Mitgliedschaft in anderen leitenden Organen erörtert. Weitere Themen waren Kasachstans Vision für die Verwirklichung einer allgemeinen Gesundheitsversorgung und die Zusammenhänge zwischen dieser und der Stärkung der primären Gesundheitsversorgung. Darüber hinaus wurde ein Lagebericht über die Vorbereitungen auf die bevorstehende Konferenz zum 40. Jahrestag der Unterzeichnung der Erklärung von Alma-Ata präsentiert. Die Zusammenarbeit zwischen Kasachstan und der WHO in den Bereichen Gesundheitsinformationssysteme, Digitalisierung, Stärkung der Gesundheitssysteme und primäre Gesundheitsversorgung wurde weiter erörtert, wobei Kasachstan seine Zufriedenheit über das in Almaty angesiedelte Europäische Zentrum der WHO für primäre Gesundheitsversorgung zum Ausdruck brachte.
  • Republik Moldau: Der Vertreter des Ministeriums für Gesundheit, Arbeit und soziale Sicherheit bedankte sich für die wesentliche strategische Unterstützung der WHO für sein Land und für die Bemühungen und Maßnahmen des SEEHN, insbesondere bei der Bewältigung der Personalprobleme im Gesundheitswesen. Er unterstrich die Entschlossenheit der Republik Moldau, sich weiterhin aktiv am SEEHN zu beteiligen und das GPW 13 zu unterstützen. Weitere Schwerpunkte seines Gesprächs mit der WHO-Regionaldirektorin für Europa, Dr. Zsuzsanna Jakab, waren der Beitrag der Republik Moldau zu der vor kurzem in Sitges (Spanien) abgehaltenen Konferenz über die Reaktion der Gesundheitssysteme auf nichtübertragbare Krankheiten und ihre potenzielle Beteiligung an weiteren ähnlichen Veranstaltungen in nächster Zeit.
  • Vereinigtes Königreich: In einem Gespräch mit der Generaldirektorin für öffentliche Gesundheit lag der inhaltliche Schwerpunkt auf möglichen Bereichen für eine Zusammenarbeit zwischen der WHO und dem Vereinigten Königreich, wie etwa Surveillance, den SDG und nichtübertragbaren Krankheiten. Weitere Gesprächsthemen waren Fragen der Politiksteuerung und das GPW.

Nebenveranstaltungen und Fachinformationssitzungen

Die Länder der Europäischen Region nahmen am 22. und 23. Mai an einer Reihe von Nebenveranstaltungen teil, die sich u. a. mit folgenden Themen befassten: Pandemievorsorge zum Schutz von Gesundheit für alle; neue Dimensionen der Einbindung der Zivilgesellschaft zur Verwirklichung des GPW 13; und auf dem Weg zu einer allgemeinen Versorgung im Bereich der HIV-Prävention und der dazu erforderlichen medizinischen Güter.

Fachinformationssitzung über primäre Gesundheitsversorgung als Schlüssel zur Verwirklichung der allgemeinen Gesundheitsversorgung

Auf einer Fachinformationssitzung diskutierten Praktiker im Bereich der primären Gesundheitsversorgung zusammen mit Ministern und Vertretern der internationalen Gesundheitspolitik über die Frage, wie die primäre Gesundheitsversorgung zur Verwirklichung der allgemeinen Gesundheitsversorgung beitragen kann. Dr. Jakab sprach für viele, als sie betonte, dass die in der 1978 unterzeichneten Erklärung von Alma-Ata über primäre Gesundheitsversorgung propagierten Werte – Chancengleichheit und das Recht auf Gesundheit – immer noch so aktuell seien wie damals, dass nun aber erneute Anstrengungen erforderlich seien, diese Wertvorstellungen umzusetzen und dabei die heutigen Rahmenbedingungen gebührend zu berücksichtigen.

Spontanveranstaltung – Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der primären Gesundheitsversorgung: Alma-Ata wird 40

Wie können wir die primäre Gesundheitsversorgung neu beleben und zeitgemäß gestalten und auf die Anforderungen künftiger Generationen vorbereiten? Auf einer interaktiven Diskussionsveranstaltung hielten vier renommierte Experten (Dr. Yelzhan Birtanov, Gesundheitsminister von Kasachstan; Dr. Hans Kluge, Direktor der Abteilung Gesundheitssysteme und öffentliche Gesundheit beim WHO-Regionalbüro für Europa; Vidhya Ganesh, Stellvertretende Direktorin der Programmabteilung des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen (UNICEF); und Dr. Edward Kelley, Direktor für Leistungserbringung und Sicherheit beim WHO-Hauptbüro) einen Gedankenaustausch über das Vermächtnis der Erklärung von Alma-Ata und ihre Vorstellungen für die Zukunft der primären Gesundheitsversorgung und warben für eine umfassende Beteiligung insbesondere junger Menschen an der Internationalen Konferenz zur primären Gesundheitsversorgung am 25. und 26. Oktober 2018 in Astana.

Nebenveranstaltung über die Arbeit der WHO in Rumänien

An dieser Veranstaltung, die den Mitgliedstaaten anhand des Falls Rumänien die lebenswichtige Rolle und den Mehrwert von Länderbüros der WHO vor Augen führen sollte, nahmen Dr. Jakab, der rumänische Gesundheitsminister und die Repräsentantin der WHO in Rumänien teil. Die insgesamt 22 anwesenden Länder erhielten die Chance, sich ein genaueres Bild von der Tätigkeit der WHO und von der Zusammenarbeit auf der Länderebene zu verschaffen. Die Länder bezeichneten die Länderbesuche, die das Regionalbüro seit Februar mit Mitgliedern des Exekutivrates aus der Europäischen Region sowie Mitgliedern des Ständigen Ausschusses durchführt, als nützlich.

Die 71. Weltgesundheitsversammlung endet am 26. Mai 2018.