Höhepunkte von Tag 4 des RC64 – Lagebericht zum Ebola-Ausbruch, Annahme des Aktionsplans Nahrung und Ernährung und Erörterung von sechs Fortschrittsberichten für die Europäische Region

Video – Overview of 64th session of the Regional Committee for Europe

Annahme des Europäischen Aktionsplans Nahrung und Ernährung (2015–2020)

Der letzte Tag der 64. Tagung des WHO-Regionalkomitees für Europa (RC64) begann damit, dass drei weitere Mitgliedstaaten den Aktionsplan begrüßten. Ein Land forderte eine neue Definition der Begriffe Übergewicht und Adipositas.

Einige nichtstaatliche Organisationen riefen alle Mitgliedstaaten auf, weitreichende Maßnahmen zur Umsetzung der Empfehlungen der WHO in Bezug auf die Vermarktung von Lebensmitteln und nichtalkoholischen Getränken an Kinder zu ergreifen.

Das Regionalkomitee nahm den Aktionsplan an.

Angelegenheiten, die sich aus Resolutionen der Weltgesundheitsversammlung ergeben

Hepatitis und Malaria

Dr. Hiroki Nakatani, Beigeordneter Generaldirektor der WHO für HIV/Aids, Tuberkulose, Malaria und vernachlässigte Tropenkrankheiten, schilderte die weltweite Herausforderung durch Hepatitis sowie die Arbeit der WHO zur Entwicklung einer Strategie für den Zeitraum 2016–2020, in der Prioritäten identifiziert und globale Zielvorgaben für eine koordinierte globale Antwort festgelegt würden. Er erläuterte auch in groben Zügen die globale Fachstrategie zur Bekämpfung von Malaria (2016–2030).

Dr. Nedret Emiroglu, Stellvertretende Direktorin der Abteilung Übertragbare Krankheiten, Gesundheitssicherheit und Umwelt, schilderte die durch Hepatitis bedingte Krankheitslast in der Europäischen Region, insbesondere im östlichen Teil der Region. Das Regionalbüro unterstütze die Mitgliedstaaten beim Erwerb bzw. bei der Aufrechterhaltung ihrer Zertifizierung als malariafrei. So seien 2013 nur noch 37 Fälle aus lediglich zwei Ländern gemeldet worden.

Die Vertreterin Deutschlands erkundigte sich nach den Kosten für die Behandlung von Hepatitis und wünschte sich weitere Empfehlungen von der WHO an die Mitgliedstaaten.

Ergebnisse der Tagung der Generalversammlung auf hoher Ebene über die Prävention und Bekämpfung nichtübertragbarer Krankheiten

Dr. Oleg Chestnov, Beigeordneter Generaldirektor für nichtübertragbare Krankheiten und psychische Gesundheit, schilderte, wie die Regierungen sich im Rahmen der Tagung auf hoher Ebene zu einer Intensivierung ihrer Anstrengungen für eine Welt ohne vermeidbare nichtübertragbare Krankheiten entschlossen hätten. Dr. Gauden Galea, Direktor der Abteilung Nichtübertragbare Krankheiten und Lebensverlauf, stellte fest, dass die Europäische Region vereinbart habe, die Festlegung nationaler Zielvorgaben für nichtübertragbare Krankheiten zu prüfen und bis 2014 ressortübergreifende Konzepte und Pläne in den Ländern auszuarbeiten und bis 2016 Maßnahmen mit den größten Erfolgsaussichten zur Bekämpfung der Risikofaktoren für nichtübertragbare Krankheiten umzusetzen.

In der anschließenden Aussprache schlug ein Delegierter vor, die Bezeichnung „nichtübertragbare Krankheiten“ in „langwierige, verhütbare und kontrollierbare Krankheiten“ zu ändern. Dr. Galea entgegnete, die bisher gebräuchliche Bezeichnung sei gewissermaßen ein Markenname: „Wir brauchen einen Begriff, der mit dem Markennamen vereinbar ist, einen Bezug zur psychischen Gesundheit aufweist und die Hoffnung auf eine Lösung ausdrückt.“ Eine derartige Debatte könne eine unübersichtliche Vielzahl zusätzlicher Begriffe zur Folge haben.

Lagebericht zum Ebola-Ausbruch

Der über eine Video-Verbindung zugeschaltete Beigeordnete Generaldirektor für Gesundheitssicherheit, Dr. Keiji Fukuda, beschrieb die Situation in Westafrika als „einen Ausbruch, der sich zu einer erstrangigen Herausforderung für die Gesundheitssicherheit in der Region und weltweit entwickelt hat.“ Bisher habe es über 5000 Erkrankungsfälle infolge des Ebola-Virus gegeben, davon 2600 mit tödlichem Ausgang; betroffen seien überwiegend fünf Länder: Guinea, Liberia, Nigeria, Senegal und Sierra Leone. Neben den gesundheitlichen Folgen litten die Länder unter der fehlenden Handlungsfähigkeit ihrer Gesundheitssysteme, dem Mangel an Lebensmitteln und der schweren Schädigung ihrer Volkswirtschaft. Mittlerweile habe sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass sich diese Notlage nicht bewältigen lasse, ohne die Haushalte, die Bürger und die Führer der örtlichen Gemeinschaften zu befähigen. Als neuer Ansatz für die Unterbindung der Übertragung sei vorgeschlagen worden, gemeindenahe Zentren zur Versorgung von Ebola-Patienten einzurichten, in denen vor Ort geschulte Kräfte arbeiten. Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen berate derzeit über einen Resolutionsentwurf zu der Ebola-Krise.

Die Delegation des Vereinigten Königreichs hob das Versagen das Marktes hervor; es fehlten Medikamente und Impfstoffe zur Bekämpfung des Ebola-Fiebers. Es müsse eine Lösung gefunden werden, nicht nur mit Blick auf Ebola, sondern auch in Bezug auf fehlende neue Antibiotika und den Kampf gegen antimikrobielle Resistenzen und vernachlässigte Tropenkrankheiten.

Internationale Gesundheitsvorschriften (IGV)

Dr. Florence Fuchs, Koordinatorin für IGV-Kapazitäten beim WHO-Hauptbüro, stellte fest, dass weltweit 63 Mitgliedstaaten nach eigenen Angaben über die zur Umsetzung der IGV benötigten Kernkapazitäten verfügten, während 75 (darunter nur acht Länder der Europäischen Region) eine zweite Fristverlängerung für die Entwicklung dieser Kapazitäten beantragt hätten. Der Prüfungsausschuss der IGV habe um Rückmeldung von den Mitgliedstaaten zu seinen Vorschlägen für eine beschleunigte Umsetzung gebeten, in denen die Festlegung von Minimalstandards für die Umsetzung und die Einrichtung eines globalen Überprüfungsgremiums mit Vertretung der Regionen vorgesehen seien. Die Beratungen würden bis Mai 2015 fortgesetzt.

Dr. Emiroglu unterstrich die Bedeutung der Struktur für den Informationsaustausch zwischen den nationalen Ansprechpersonen und dem WHO-Regionalbüro für Europa.

Die Mitgliedstaaten seien sich über die zentrale Bedeutung der IGV sowie die Notwendigkeit der Stärkung und Forcierung der Anstrengungen zu ihrer Umsetzung vollkommen einig. Mehrere Delegierte forderten, ein solches globales Gremium müsse flexibel und beweglich sein.

Entwicklung eines globalen Aktionsplans zur Bekämpfung antimikrobieller Resistenzen

In der Resolution der Weltgesundheitsversammlung zur Bekämpfung von AMR aus dem Jahr 2014 wurde zur Ausarbeitung eines globalen Aktionsplans aufgerufen. Dr. Charles Penn vom WHO-Hauptbüro erläuterte einige der zentralen Punkte des dazu ausgearbeiteten Entwurfs, etwa die Einbeziehung zusätzlicher Zielvorgaben für die Umsetzung sowie quantifizierbare Ziele. Die WHO arbeite den Plan zusammen mit der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) und der Weltorganisation für Tiergesundheit (OIE) aus. Die Mitgliedstaaten würden dazu im Oktober befragt.

Dr. Emiroglu hob die Führungsrolle zahlreicher Mitgliedstaaten aus der Europäischen Region bei der Annahme und Umsetzung des Strategischen Aktionsplans zur Bekämpfung von AMR sowie bei der Sensibilisierung für die Thematik und beim Vorantreiben von Maßnahmen hervor. Zu den wichtigsten Neuerungen gehörten das Netzwerk CAESAR (Surveillance antimikrobieller Resistenzen in Zentralasien und Osteuropa), zu dem Länder aus der Europäischen Region gehörten, die nicht Mitglieder der EU sind.

Das RC64 sprach sich nachdrücklich für die Ausarbeitung eines globalen Aktionsplans zur Bekämpfung von AMR aus.

Umsetzung des Plans zur Polioeradikation mit einer Polio-Endspielstrategie für den Zeitraum 2013–2018

Mit diesem 2013 gebilligten Plan sollen die Intensivierung der globalen Anstrengungen zur kompletten Ausrottung der Polioviren und die Zertifizierung der übrigen WHO-Regionen als poliofrei bis Ende 2018 erreicht werden. Zwar sei der Typ 2 des Polio-Wildvirus seit 1999 und der Typ 3 seit 2012 nicht mehr in Zirkulation, doch sei Poliomyelitis (Polio/Kinderlähmung) in Afghanistan, Nigeria und Pakistan noch endemisch. In den beiden erstgenannten Ländern würden die Fallzahlen sinken, in dem dritten dagegen steigen. 2014 sei das Polio-Wildvirus vom Typ 1 für 171 gemeldete Polio-Fälle verantwortlich gewesen.

Wegen der auffallenden Zunahme der internationalen Verbreitung des Poliovirus seit April 2013 habe die Generaldirektorin der WHO jedoch am 5. Mai 2014 eine gesundheitliche Notlage von internationaler Tragweite gemäß den IGV festgestellt und zeitlich befristete Empfehlungen für Staaten ausgesprochen, aus denen derzeit Polio-Wildviren eingeschleppt werden bzw. in denen zwar Infektionen auftreten, aber ohne dass Polio-Wildviren exportiert werden.

Dr. Emiroglu stellte fest, dass die oralen Polio-Impfstoffe (OPV) zurückgezogen und durch einen inaktivierten Polio-Impfstoff (IPV) ersetzt worden seien. Dadurch würden die mit dem Rückzug des OPV-Impfstoffs gegen Typ 2 verbundenen Risiken vermindert, und es würden die Bekämpfung von Ausbrüchen und die Unterbrechung der Polio-Übertragung erleichtert und außerdem die Eradikation beschleunigt.

Fachinformationssitzung zum Thema Gesundheit von Frauen

Diese Sitzung war der Verbesserung der sexuellen und reproduktiven Gesundheit und der Prävention von Gewalt gegen Frauen und Mädchen gewidmet. Die Leiterin des Programms für sexuelle und reproduktive Gesundheit, Dr. Gunta Lazdane, begrüßte die ideale Gelegenheit, Themen zu erörtern, die auf der Weltfrauenkonferenz in Peking im September 2015 zur Beratung anstünden.

Peggy Maguire, Generaldirektorin des Europäischen Instituts für die Gesundheit von Frauen (EIWH) und Präsidentin der European Public Health Alliance (EPHA), erläuterte das Beziehungsgeflecht zwischen biologischem und sozialem Geschlecht, bestehende Ungleichheiten und der Gesundheitsversorgung, Gewalt gegen Frauen und Fragen der sexuellen und reproduktiven Gesundheit. Sie empfahl:

  • Investitionen in geschlechtersensible Forschung, Prävention und Gesundheitsversorgung;
  • Einbeziehung von Rechten auf Reproduktionsgesundheit sowie Aspekten der sexuellen Gesundheit und der Gewalt gegen Frauen in Gesundheitsplanung und Gesundheitsprogramme;
  • Meldung von Fällen von Diskriminierung in der Gesundheitsversorgung;
  • Verbesserung der Gesundheitskompetenz von Frauen.

Sie lobte die am Vortag vom RC64 angenommene Strategie der Europäischen Region zur Förderung der Gesundheit von Kindern und Jugendlichen.

In einer Podiumsdiskussion mit Vertretern Italiens und Tadschikistans sowie der Frauengesundheitsbeauftragten der Stadt Wien wurde über die Arbeit zur Förderung der Gesundheit von Frauen in diesen Ländern berichtet.

Fortschrittsberichte

Es wurden sechs Fortschrittsberichte zur Beratung vorgelegt: HIV/Aids, Antibiotikaresistenz, Verringerung des schädlichen Alkoholkonsums, Verletzungsprävention, Gesundheit und Entwicklung von Kindern und Jugendlichen und Prozess Umwelt und Gesundheit in Europa.

Das RC64 begann mit der Erörterung der Umsetzung des Europäischen Aktionsplans HIV/Aids (2012–2015) und des Strategischen Aktionsplans zur Bekämpfung von Antibiotikaresistenzen in der Europäischen Region. Ein Vertreter der AIDS Healthcare Foundation brachte seine Besorgnis angesichts der anhaltenden Epidemie im östlichen Teil der Europäischen Region sowie der Ungleichheiten beim Zugang zu Diagnose und Therapie zum Ausdruck.  

Prof. Michel Kazatchkine, der Sondergesandte des Generalsekretärs der Vereinten Nationen für Aids in Osteuropa und Zentralasien, stellte fest, die Epidemie sei im östlichen Teil der Region auf dem Vormarsch, während sie in vielen anderen Teilen der Welt bereits auf dem Höhepunkt angelangt oder schon wieder auf dem Rückzug sei. Der Zugang zu Präventionsangeboten sei unzureichend, insbesondere in Bezug auf Schadensminderung.  

Vinay Saldanha, Regionaldirektor für Osteuropa und Zentralasien des Gemeinsamen Programms der Vereinten Nationen für HIV/Aids (UNAIDS), erklärte, dass die globalen Anstrengungen zur Bekämpfung von Aids nachließen, dass sich aber in schweren Zeiten mit wenig mehr erreichen lasse.

Weitere Fortschrittsberichte wurden zum Europäischen Aktionsplan zur Verringerung des schädlichen Alkoholkonsums (2012–2020), zur Verletzungsprävention in der Europäischen Region, zur Strategie der Europäischen Region zur Förderung der Gesundheit und Entwicklung von Kindern und Jugendlichen und zum Prozess Umwelt und Gesundheit in Europa präsentiert.

  • Ein Vertreter Estlands erklärte auch im Namen Dänemarks, Finnlands, Litauens, Lettlands, Norwegens, Schwedens und Sloweniens, dass der Alkoholkonsum insgesamt rückläufig sei, und drängte die anderen Mitgliedstaaten, zeitnahe Daten über den Alkoholkonsum vorzulegen.
  • Frankreich kommentierte, dass Umwelt und Gesundheit miteinander verknüpft seien und dass dieser Themenkomplex für das Gesundheitswesen stets von Bedeutung sei. 
Dr. Gauden Galea, Direktor der Abteilung Nichtübertragbare Krankheiten und Lebensverlauf, stimmte zu, dass solche Daten für Überzeugungsarbeit, Bedarfsanalysen und Erfolgskontrolle unverzichtbar seien, auch wenn die WHO um eine Minimierung der Berichtslasten bemüht sei. Er stellte fest, dass trotz eines Rückgangs des Alkoholkonsums in der gesamten Region dieser sich weiterhin auf sehr hohem Niveau bewege.

Ort und Zeitpunkt künftiger Tagungen des WHO-Regionalkomitees für Europa

Das RC65 werde vom 14. bis 17. September 2015 in Vilnius (Litauen) und das RC66 im September 2016 in Kopenhagen stattfinden.

Abschluss der Tagung

Der Repräsentant Portugals brachte im Namen aller Teilnehmer seine Dankbarkeit für die fruchtbaren Diskussionen und Einigungen auf dem RC64 zum Ausdruck und bezeichnete die Nominierung von Zsuzsanna Jakab für eine zweite Amtszeit als WHO-Regionaldirektorin für Europa als „großartig“.

Die Regionaldirektorin bedankte sich zum Abschluss der Tagung bei allen für ihre aktive Beteiligung und zeigte sich besonders beeindruckt von den Maßnahmen der Länder zur Umsetzung von „Gesundheit 2020“.

„Es ist klar, dass schon viel erreicht worden ist. Aus meiner Sicht ist dies auf den partizipatorischen Ansatz zurückzuführen, mit dem Gesundheit 2020 entwickelt wurde, der Ihnen ein stärkeres Gefühl der Eigenverantwortung vermittelt hat“, sagte sie.