Länder der Europäischen Region stellen sich der Herausforderung „Gesundheit 2020“

WHO/Montasir Rahman

Mit „Gesundheit 2020“ sollen die nicht hinnehmbaren gesundheitlichen Ungleichheiten in der Europäischen Region abgebaut werden, erläutert die WHO-Regionaldirektorin für Europa, Zsuzsanna Jakab (Dritte von rechts). Foto: WHO/Montasir Rahman

In Andorra hat am 9. März 2011 die Erste Tagung des Europäischen Forums für Gesundheitspolitik auf der Ebene hochrangiger Regierungsvertreter begonnen. Mit ihr wird ein zweijähriger Prozess eingeläutet, der der Ausgestaltung der neuen europäischen Gesundheitspolitik „Gesundheit 2020“ dient. An der Tagung nehmen hochrangige Vertreter nahezu sämtlicher 53 Mitgliedstaaten der WHO aus der Europäischen Region teil. Aus einer Vielzahl von Anliegen und Fragen über den Prozess ergab sich ein reger Austausch, in dem Ideen, Erfahrungen und vorsichtige Hoffnungen geäußert wurden.

Die Tagung wurde vom andorranischen Ministerpräsidenten Jaume Bartumeu eröffnet, der das Recht des Menschen auf Gesundheit und die Notwendigkeit effizienter und wirksamer Lösungen für die gegenwärtigen Probleme unterstrich. Er fügte hinzu, die Bedürfnisse wie auch die Wünsche der Gesellschaft müssten gebührend berücksichtigt werden.

„Gesundheit 2020“: Ein Höchstmaß an Führungskompetenz für die Gesundheit

Regionaldirektorin Zsuzsanna Jakab begründete die Notwendigkeit von „Gesundheit 2020“. Sie erklärte, die Zeiten seien nun vorbei, in denen das Thema Gesundheit primär unter dem Gesichtspunkt zunehmend kostspieliger Gesundheitseinrichtungen diskutiert worden sei. Gesundheit sei ein wesentliches Menschenrecht. Sie werde durch eine Vielzahl von Determinanten bestimmt und sei eine der wichtigsten Antriebskräfte für den Fortschritt von Mensch und Gesellschaft sowie eines von dessen wichtigsten Ergebnissen. Investitionen in Gesundheit und Gesundheitssysteme seien von entscheidender Bedeutung, würden nun aber differenzierter betrachtet. Gesundheit sei für den Einzelnen immer wichtig gewesen, der Gedanke an Krankheit habe etwas Erschreckendes und die Gesundheitsversorgung werde immer eine wesentliche Rolle spielen.

Dennoch sei angesichts neuer Herausforderungen und Entwicklungen ein Umdenken erforderlich. Gesundheit müsse künftig als eine gesamtstaatliche Aufgabe verstanden werden. „Gesundheit 2020“ biete eine neue Zukunftsvision, einen praktischen Ansatz und Instrumente, die der Region dabei helfen sollten, sich gezielt mit Gesundheitspolitik und ihrer Entstehung auseinanderzusetzen. Es sei an der Zeit, eine abgestimmte Reaktion auf die gegenwärtige Situation in die Wege zu leiten und für die nächsten zehn Jahre zu planen. Es würden neue, innovative Konzepte benötigt, die danach ausgerichtet seien, was machbar und wünschenswert sei; den Gesundheitssystemen komme dabei eine sektorübergreifende Führungsrolle zu. Gesundheit gehe alle an, deshalb müssten hier auch alle Verantwortung übernehmen. Der Erfolg oder Misserfolg von „Gesundheit 2020“ werde durch Partnerschaften und Bündnisse bestimmt; er liege in den Händen der Mitglieder des Forums und sei von deren Fähigkeit zur Mobilisierung ihrer Länder und Bürger für Ausgestaltung und Umsetzung des Rahmenkonzepts abhängig. Viele Menschen in der Region verfügten nicht über das Maß an Gesundheit, das mit dem heutigen Stand von Wissen und Technik erreichbar sei. „Gesundheit 2020“ erhebe den Anspruch, diese nicht hinnehmbare Situation zu verändern.

Abschließend nannte Frau Jakab die wichtigsten strategischen Stoßrichtungen der Arbeit des Regionalbüros: „Gesundheit 2020“ und Stärkung der Gesundheitssysteme mit einem starken Akzent auf der Komponente öffentliche Gesundheit; Umsetzung der Charta von Tallinn; und Forcierung der Bekämpfung nichtübertragbarer Krankheiten. Für diese Arbeit würden neue, starke Führungspersönlichkeiten benötigt, die der Komplexität der Thematik gewachsen seien, ehrgeizige, aber realistische Ziele verfolgten und sich auf das Erreichbare konzentrieren und gleichzeitig nach den Visionen griffen, mit anderen Worten: ein Höchstmaß an Führungskompetenz für die Gesundheit.

„Gesundheit 2020“: Förderung von Gesundheit und Wohlbefinden

Die Mitgliedstaaten äußerten ihre ersten Eindrücke zu „Gesundheit 2020“ und befassten sich mit den Zielen, den zu erwartenden Ergebnissen und dem Potenzial des Rahmenkonzepts. Dr. Agis Tsouros, Leiter der Grundsatz- und Querschnittsprogramme und Sonderprojekte der Regionaldirektorin beim WHO-Regionalbüro für Europa, nannte als Ziel von „Gesundheit 2020“ die Förderung von Gesundheit und Wohlbefinden. Es gebe Gesprächsbedarf in Bezug auf eine nachhaltige Finanzierung, Epidemien und Bevölkerungsgesundheit sowie die Frage, wie und wann angesichts der wachsenden Evidenz über Gesundheitsdeterminanten die Komponente öffentliche Gesundheit als Trumpf ausgespielt werden solle. Die Zusammenarbeit mit anderen Politikbereichen sei zwar schwierig, aber unverzichtbar.

Auf die rapiden Veränderungen in der Welt müssten die Regierungen mit innovativen Konzepten reagieren. Dies sei ein pragmatischer Ansatz, bei dem die Ökonomie der Gesundheit gebührend berücksichtigt werde. So gelte es Lösungen zu finden, die zu einer Entlastung der Gesundheitssysteme von den Anforderungen einer alternden Bevölkerung führten. „Gesundheit 2020“ werde als einheitliches, auf Werten gestütztes, übergeordnetes Rahmenkonzept aus einem wahrhaft partizipatorischen Prozess hervorgehen und traditionelle Grenzen überschreiten.

Die Mitglieder des Forums müssten umsichtige Lösungen für komplexe Probleme finden, dabei die geeignetsten Interventionen bestimmen und Weichenstellungen für die nächsten zehn Jahre vornehmen und vorhandene Ungleichheiten abbauen, gleichzeitig aber auch darüber nachdenken, welche Rolle die WHO spielen solle. Die wichtigsten Ergebnisse dieses Prozesses seien ein zentrales Grundsatzdokument, eine Reihe von Grundsatzpapieren mit Evidenz, Argumenten und Werkzeugen sowie die Berichte über die Untersuchung der sozialen Determinanten von Gesundheit und die Politikgestaltung und Steuerung für mehr Gesundheit in der Europäischen Region.

Gesundheit 2020: Eine neue, mutige und ethisch fundierte Gesundheitspolitik

Verschiedene Teilnehmer erläuterten die gegenwärtigen Gesundheitspläne ihrer jeweiligen Länder und befürworteten das Konzept einer mutigen und ethisch fundierten neuen Vision in der Gesundheitspolitik. Dabei schilderten sie ihre eigenen Erfahrungen, Reaktionen und Eindrücke. Es bestehe ein Interesse am Erfahrungsaustausch über Erfolge und Misserfolge auf nationaler und lokaler Ebene. Die WHO befinde sich in einer einzigartig günstigen Position, um hier die nötigen Verknüpfungen herzustellen.

In der abschließenden Sitzung des Tages wurde über die Einbindung der Mitgliedstaaten in den Prozess „Gesundheit 2020“ diskutiert. Hierzu wurden vier Hauptstrategien vorgeschlagen: Überzeugungsarbeit, Wissensgewinnung, Kapazitätsaufbau und Beteiligung als „Pfadfinder für Gesundheit 2020“. Die Vielzahl der eingebrachten Ideen und die rege Beteiligung inner- wie außerhalb des Konferenzsaals zeugten davon, dass das Forum sich mit dieser Aufgabe bereits aktiv auseinandersetze.