Public Health steht wieder auf der politischen Tagesordnung der Europäischen Region

Der zweite Tag des Europäischen Forums für Gesundheitspolitik in Andorra stand im Zeichen von Gesundheitssystemen und Bevölkerungsgesundheit. Die Länder schilderten ihre Fortschritte mit Gesundheitsreformen, die seit der Annahme der Charta von Tallinn: „Gesundheitssysteme für Gesundheit und Wohlstand“ im Jahr 2008 unter zum Teil schwierigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen durchgeführt werden mussten.

Die WHO-Regionaldirektorin für Europa, Zsuzsanna Jakab, erinnerte an einen Ausspruch Gandhis: “In Gesundheit liegt der eigentliche Reichtum, nicht in Gold oder Silber.” Die WHO setzt sich für ein gesamtstaatliches Vorgehen und für die Förderung von Gesundheit in allen Politikbereichen ein. Statt eines Systems von Anweisungen und Kontrollen werde nun ein stärker partizipatorischer Ansatz angestrebt. Ferner erhalte das Thema Public Health wieder einen höheren Stellenwert. Die WHO dokumentiere die seit der Charta von Tallinn erzielten Fortschritte und werte sie für das WHO-Regionalkomitee für Europa aus.

Dr. Hans Kluge, Direktor der Abteilung Gesundheitssysteme und öffentliche Gesundheit beim Regionalbüro, schilderte einige der ergriffenen Maßnahmen, die den Prinzipien der Charta entsprächen: Chancengleichheit, Solidarität, zielgenauer ausgerichtete öffentliche Gelder und verbesserte Leistungserbringung für schwer erreichbare Bevölkerungsgruppen. Eine Reihe von Ländern (u. a. Belgien, Bulgarien, Tschechische Republik, Georgien, Kirgisistan, Republik Moldau, Serbien und andere Länder Südosteuropas) hätten konkrete Fortschritte in einer Vielzahl von Bereichen erzielt, darunter Erweiterung der Gesundheitsversorgung, verbesserte Angebote für einzelne Bevölkerungsgruppen wie die Roma, Bewertung der Leistungsfähigkeit der Gesundheitssysteme, Patientenrechte und Internet-Hotlines sowie Reduzierung von Eigenleistungen. Länder wie Estland, Lettland und Armenien hätten die Wirtschaftskrise als Chance zur Sammlung von Erkenntnissen genutzt und durch Priorisierung die wichtigsten Bereiche geschützt und ihre Gelder wirkungsvoller eingesetzt.

Gesundheitspolitische Herausforderungen in der Europäischen Region

Dr. José Martin-Moreno erörterte die gesundheitspolitischen Herausforderungen in der Europäischen Region und ging zunächst auf die zunehmende Prävalenz nichtübertragbarer Krankheiten ein, die inzwischen für mehr als 85% der Krankheitslast in der Europäischen Region der WHO verantwortlich sind. Zur Bewältigung dieser Herausforderung und der entsprechenden lebensstilbedingten Risikofaktoren müssen die Bürger direkt einbezogen werden. Sie haben ein Recht auf Gesundheit; deshalb gilt es die Gesundheitssysteme und die Bevölkerungsgesundheit aufrechtzuerhalten. Doch die Gesundheitsversorgung ist nur ein Teil davon. In vielen Ländern sind die Angebote des Gesundheitswesens unzureichend und in Bezug auf Gesundheit wie auch Chancengleichheit hochproblematisch.

Eine eindeutige Definition des Begriffs „Public Health“ ist bisher nicht gelungen. Public Health bezeichnet eine Wissenschaft, die Prävention von Krankheit, die Verlängerung des Lebens und die Förderung von Gesundheit. Auch wenn eine Evidenzgrundlage unverzichtbar ist, so muss doch selbst in einer Situation der Ungewissheit gehandelt werden. Die Gesundheitsminister sind nicht nur für die Gesundheitsversorgung, sondern auch für den gesamten Themenkomplex Public Health verantwortlich, aber auch für Überlegungen zur Lebensqualität. Dr. Martin-Moreno zählte insgesamt zehn wesentliche gesundheitspolitische Maßnahmen auf und wies auf die Notwendigkeit hin, die Kommunikationswege im Lichte der heutigen Möglichkeiten zu verbessern. Fachkräfte aus den Bereichen Bevölkerungsgesundheit und primäre Gesundheitsversorgung arbeiteten eng zusammen, und die Gesundheitssysteme könnten ihre Arbeit auf dem Gebiet der Bevölkerungsgesundheit erneuern.

Schließlich erörterte er die Rolle der WHO bei der Unterstützung der Mitgliedstaaten in ihren strategischen Entwicklungen zur Verbesserung der gesundheitlichen Ergebnisse und appellierte an die Teilnehmer: „Wir stehen im Dienst der Bürger, ob sie gesund oder krank sind, denn alle sind potenzielle Patienten, Personen mit einem Gesicht, mit Menschenwürde und mit Gefühlen. Sie stehen im Mittelpunkt unseres Auftrages.“

Notwendigkeit messbarer Indikatoren und standardisierter Daten

Vertreter der Länder berichteten über ihre Erfahrungen mit einem systematischen Herangehen an die Dienste und Angebote für die Bevölkerungsgesundheit und wiesen darauf hin, wie wichtig messbare Indikatoren im Hinblick auf Überzeugungsarbeit gegenüber anderen Sektoren seien. Standardisierte Daten ermöglichten Vergleiche mit anderen Ländern, die Entscheidungsträger beeinflussen könnten. Die neue Abteilung des Regionalbüros für Informationen, Evidenz, Forschung und Innovation arbeite mit der Europäischen Union und der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) an einem integrierten Gesundheitsinformationssystem für die Europäische Region der WHO. Das Regionalbüro pflege seine Datenbank „Gesundheit für alle“ und habe einen Atlas der sozialen Ungleichheiten veröffentlicht.

Leistungsbewertung für eine bessere Rechenschaftsablage

Prof. Peter Smith (Business School and Centre for Health Policy, Imperial College London) stellte den Nutzen von Leistungsbewertung als Werkzeug für eine bessere Rechenschaftsablage dar. Leistungsbewertung veranschauliche die Ergebnisse des Gesundheitssystems und sei der Schlüssel zu dessen reibungsloser Nutzung und Entwicklung. Seine Forschung verdeutliche, dass nur 10% der Variation in den gesundheitlichen Ergebnissen unmittelbar auf die medizinische Versorgung zurückzuführen seien, 40% dagegen auf Verhalten und 15% auf die sozialen Umstände. Um die Gesundheitssituation zu verbessern, müssten die Länder die Determinanten in Angriff nehmen, die sich verändern ließen. Prof. Smith hob sechs Bereiche konkret hervor: Bevölkerungsgesundheit und Leistung der Gesundheitsdienste, Bedarfsgerechtigkeit, finanzielle Absicherung, Chancengleichheit und Produktivität (Effizienz).

Welche praktischen Schritte könnten die Länder dann angesichts der verschiedenen Instrumente und Erkenntnisse unternehmen? Nutzten die Länder die Bewertung der Leistungsfähigkeit ihres Gesundheitssystems effektiv? Vertreter verschiedener Länder gaben in ihren Antworten unterschiedliche Erfahrungen wider, von denen die meisten positiv waren. Allerdings sei eine Bewertung durch externe Experten etwa der WHO wirksamer als eine durch lokale Experten allein, selbst wenn die jeweils erteilten Ratschläge gleich seien.

Viele Länder erlebten eine rapide Veränderung der politischen oder ökonomischen Verhältnisse. Man bewege sich weg von der komplexen, zentralisierten Leistungssteuerung und einer Kultur der Zielausrichtung und hin zu einer Schwerpunktlegung auf gesundheitliche Ergebnisse und auf Anreize. Die sektorübergreifende Zusammenarbeit stelle nach wie vor eine Herausforderung dar, und die Versorgung alter Menschen und die Erhaltung ihrer Gesundheit seien dringende Aufgaben.

Die letzte Sitzung befasste sich mit der Arbeit der Regionalbüros zur Entwicklung eines Europäischen Aktionsplans gegen nichtübertragbare Krankheiten. Der Direktor der Abteilung Nichtübertragbare Krankheiten und Gesundheitsförderung beim Regionalbüro, Dr. Gauden Galea, nannte neun Bereiche, deren Aufnahme in Frage komme und in denen konkrete Maßnahmen etwas ausrichten könnten: Salzreduktion, Eliminierung von Transfettsäuren, sekundäre kardio-metabolische Risikobewertung, Krebsvorsorgeuntersuchungen und hier vor allem gegen Kolorektal, Gebärmutterhals- und Brustkrebs. Das Regionalbüro werde auch einen Aktionsplan zum Thema Alkohol entwickeln. Zum Thema nichtübertragbare Krankheiten finde 2011 in Moskau eine wichtige globale Konferenz statt; zum gleichen Thema sei später eine Konsultation der Vereinten Nationen auf hoher Ebene in New York geplant. Es gebe noch viel Diskussionsbedarf, und Kommunikations- und Informationsstrategien seien von entscheidender Bedeutung; dabei seien insbesondere junge Menschen wichtig, da Gewohnheiten sich in der Jugend entwickelten und in dieser Phase Manipulation leicht möglich sei. Die Teilnehmer begrüßten die Entwicklung des Aktionsplans gegen nichtübertragbare Krankheiten, den sie als dringend notwendig bezeichneten.