Pilotprojekt in Belarus weist den Weg zur patientenorientierten Tuberkuloseversorgung

Anna Handoshko

Belarus ist eines der neun Länder in der Europäischen Region der WHO mit dem höchsten Anteil an multiresistenter Tuberkulose (MDR-Tb). In der Region Brest im Südwesten von Belarus ist die multiresistente Tuberkulose ein bei Ärzten und Gesundheitsämtern wohlbekanntes Problem. Die Behandlung ist schwierig und langwierig und führt bei Patienten, ihren Familien und den Gesundheitssystemen oftmals zu finanziellen Härten.

Aus diesem Grund schloss sich die Region Brest im Jahr 2017 ohne Zögern dem Pilotprojekt des belarussischen Gesundheitsministeriums zur Umgestaltung der Tuberkuloseversorgung an, mit dem die patientenorientierte Versorgung verbessert werden soll.

„Innerhalb kurzer Zeit analysierten wir die Situation, um das Ausmaß des Problems abschätzen und Ziele zur Umgestaltung der Tuberkuloseversorgung hin zu einer patientenorientierten Versorgung setzen zu können“, erinnert sich Dr. Svetlana Krapivina, die Leiterin der Tuberkuloseklinik der Region Brest.

Das WHO-Regionalbüro für Europa und seine Partnerorganisationen leisten im Rahmen des Tuberkuloseprojekts der Europäischen Region für Osteuropa und Zentralasien (Tb-REP) fachliche Unterstützung für das Pilotprojekt. Gemeinsam mit ihren Partnerorganisationen half die WHO bei der Organisation von Dialogen mit maßgeblichen Interessengruppen, um die politischen und fachlichen Aspekte der Umgestaltung der Tuberkuloseversorgung zu erörtern.

Verlagerung von stationärer zu ambulanter Versorgung

Im derzeitigen Modell der Tuberkuloseversorgung in Belarus werden Tuberkulosepatienten in der Regel ins Krankenhaus eingewiesen – oftmals unnötigerweise. Dies belastet familiäre Beziehungen ebenso wie die Gemeinden. Mit dem neuen Versorgungsmodell soll die Zahl der Krankenhauseinweisungen reduziert und so Finanzmittel und Personal für andere, effektivere Behandlungsformen freigesetzt werden.

Im Rahmen dieser Veränderung wurden zum 1. Januar 2018 zwei Tuberkulosestationen geschlossen und die Anzahl der für Tuberkulosepatienten vorgesehenen Betten von 484 auf 355 reduziert. Das hochqualifizierte Personal aus diesen Stationen wurde in die ambulante Versorgung verlegt und die zuvor für die Tuberkulosebehandlung vorgesehenen Betten werden seitdem für andere medizinische Zwecke genutzt. „Die verfügbaren Finanzmittel aus der Europäischen Region haben uns in die Lage versetzt, die freigesetzten Mittel sinnvoll in der ambulanten Versorgung einzusetzen und das ambulante Versorgungsmodell auszubauen“, erklärt Dr. Krapivina.

Patienten reagieren positiv auf patientenorientierte Versorgung

Um ein nachhaltiges System aufzubauen, ist es wichtig, den Menschen die Gründe und den Hintergrund für die Reform zu vermitteln. Dr. Krapivina zufolge bestand die größte Herausforderung darin, die Einstellung der Menschen gegenüber der Tuberkulosebehandlung zu verändern und den Patienten klar zu machen, wie wichtig die Einhaltung des Behandlungsplans ist. „In der Gesellschaft herrschen oft die gleichen alten Denkweisen vor“, sagt Dr. Krapivina. „Doch unsere Patienten sind für Veränderungen bereit, insbesondere, wenn dies bedeutet, dass sie weniger Zeit im Krankenhaus verbringen müssen.“

Die Zukunft der Tuberkuloseversorgung in Belarus

Seit Projektbeginn Anfang 2018 ist in der Region Brest auch eine Umleitung der Patientenströme zu verzeichnen. Zukünftige Pläne für den Ausbau des Projekts sehen einen Kapazitätsausbau bei den für die ambulante Versorgung ausgelegten Tageseinrichtungen der Tuberkuloseklinik sowie bei der häuslichen Behandlung vor, um die Tuberkuloseversorgung patientenorientierter zu gestalten. Es wird bereits aktiv an der Gewährleistung der Versorgungsqualität und der Reduzierung der Transportkosten für Patienten gearbeitet, die weitere entscheidende Weichenstellungen darstellen.

Im Rahmen der Aktivitäten, die im Fahrplan für die Umstellung der Tuberkuloseversorgung auf eine patientenorientierte Versorgung vorgesehen sind, stellt die Kombination von Leistungen wie etwa narkologische und psychiatrische Betreuung oder HIV-Behandlung mit der Tuberkuloseversorgung eine Möglichkeit dar, um Patienten eine Vielzahl von Leistungen an einem Ort zugänglich zu machen und die Behandlung somit für sie ebenso wie für die Gesundheitsfachkräfte einfacher zu gestalten.

Dr. Krapivina ist überzeugt, dass eine derartige Umgestaltung der Tuberkuloseversorgung auch in anderen belarussischen Regionen begrüßt werden würde, da diese Art der Reform dringend notwendig ist und ein patientenorientiertes, ambulantes Versorgungsmodell viele Vorteile für Tuberkulosepatienten wie Gesundheitssysteme bringt.

Hintergrund

Das Pilotprojekt in Belarus wird vom Tuberkuloseprojekt der Europäischen Region für Osteuropa und Zentralasien (Tb-REP) unterstützt, das der Stärkung der Gesundheitssysteme für eine wirksame Bekämpfung von Tuberkulose und resistenten Tuberkuloseformen dient und vom Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria finanziert wird. Neben Belarus beteiligen sich 10 weitere Länder der Europäischen Region der WHO an dem Projekt.

Im Jahr 2017 wurden vom belarussischen Gesundheitsministerium ein Dekret über „Maßnahmen zur Verbesserung der Wirksamkeit von Konzepten zur Bekämpfung der Tuberkulose“ sowie ein Beschluss über die Standards erlassen, die für medizinisches und anderweitiges Personal der im Bereich stationäre und ambulante Tuberkuloseversorgung tätigen öffentlichen Gesundheitsdienste gelten. Diese Erlasse schafften die Grundlage für das Pilotprojekt zur Umgestaltung der Tuberkuloseversorgung in Belarus im Jahr 2018. Die Vorbereitungen des Pilotprojekts in Belarus begannen im Mai 2017.