e-Gesundheit in der Praxis

Administration of the Nenets Autonomous Okrug, Russian Federation

e-Gesundheit verbessert die Gesundheitsversorgung in der gesamten Europäischen Region der WHO, auch für die nomadische Bevölkerung im Autonomen Okrug Nenets in der Russischen Föderation.

Was ist e-Gesundheit?

e-Gesundheit ist ein breit gefasstes Konzept, das als die Nutzung des elektronischen Mediums für die Bereitstellung gesundheitsrelevanter Informationen, Hilfsmittel und Leistungen definiert wird. Der Komplex e-Gesundheit umfasst eine Vielzahl von Konzepten:

  • elektronische Patientenakten;
  • mobile Gesundheit oder m-Gesundheit (z. B. Apps, tragbare Technologien, medizinische Geräte);
  • Telemedizin (wenn ein Patient z. B. per Computer, Tablet oder Telefon ärztlichen Rat einholt);
  • gesundheitsbezogenes e-Learning (Nutzung von Technologien und Medien für die Ausbildung und Schulung des Gesundheitspersonals und die Aufklärung der Allgemeinheit);
  • soziale Medien für Gesundheit (informelle, Online-Kommunikationskanäle);
  • Analyse von Gesundheitsdaten und Big Data (Umwandlung von Daten zur Gewinnung von Erkenntnissen und Evidenz für politische Entscheidungsprozesse).

Von der ärztlichen Überwachung für nomadische Rentierzüchter bis zur Ausbildung und Schulung mit mehrsprachigen, virtuellen simulierten Patienten: Technologie wird in der Europäischen Region zunehmend zur Erbringung und Verbesserung der Gesundheitsversorgung herangezogen. Ein neuer Bericht bietet einen Überblick über aktuelle Entwicklungen im Bereich e-Gesundheit und die Vorteile aus ihrer Nutzung und schildert insgesamt 29 Fallbeispiele aus allen Teilen der Europäischen Region.

Die nachstehend geschilderten Beispiele veranschaulichen verschiedene Arten der Nutzung von e-Gesundheit.

Verbesserung der Terminvereinbarungssysteme in der Ehemaligen jugoslawischen Republik Mazedonien

Vor 2011 mussten Patienten in Skopje bei Arztbesuchen und Diagnosetests mit langen Wartezeiten rechnen. Inzwischen können sie mit dem System MojTermin Termine online buchen und sich per SMS an diese erinnern lassen. Entscheidungsträger können auf einer Live-Armatur Überweisungen, Verschreibungen und Anträge in Echtzeit abrufen. MojTermin beinhaltet auch die elektronische Patientenakte und die Gesundheitskarte. Das System war so erfolgreich bei der Reduzierung der Wartezeiten, dass es sich schnell von einem Pilotprojekt zu einem zentralen Bestandteil der staatlichen und privaten Gesundheitsversorgung in Mazedonien entwickelte.

Unterstützung von Patienten mit seltenen Erkrankungen

RareConnect ist ein Online-Forum, das Patienten mit seltenen Erkrankungen, ihre Familien und ihre Betreuer miteinander verbindet. Es verfügt auch über eine Plattform für gegenseitige fachliche Unterstützung, die es Angehörigen der Gesundheitsberufe ermöglicht, bei der Behandlung seltener Erkrankungen Informationen und Erfahrungen in Bezug auf Therapie, Prognose, Symptome und Bewältigungsstrategien auszutauschen und so Erkenntnisse zu gewinnen und länderübergreifende Kontakte zwischen Gesundheitsfachkräften aufzubauen. Eine unter Mitgliedern durchgeführte Umfrage ergab, dass 76% der Patienten der Meinung waren, ihre Erkrankung besser zu verstehen, dass 72% das Gefühl hatten, besser mit ihren Problemen umgehen zu können, dass 41% der Mitglieder mit HIV-Infektion angaben, sich weniger riskant zu verhalten, und dass 22% der Personen mit Stimmungsstörungen das Gefühl hatten, nach Inanspruchnahme der Website weniger stationäre Leistungen zu benötigen.

Erstes landesweites System elektronischer Patientenakten 

Estland startete sein System elektronischer Patientenakten im Jahr 2008 und führte als weltweit erstes Land ein System flächendeckend ein, bei dem eine Akte jeweils die gesamte medizinische Geschichte der betreffenden Person von der Geburt bis zum Tod beinhaltet. 2009 übertrug Estland im Zuge eines Informationsaustauschs im Gesundheitswesen alle medizinischen Aufzeichnungen in das System. Diese Nutzung von e-Gesundheit ist gesetzlich verankert: das Gesetz über das Gesundheitsinformationssystem (2007) und das Staatliche Regulierungsgesetz für den Austausch von Gesundheitsinformationen (2008). Inzwischen sind Informationen über die Gesundheit von 1,35 Mio. Menschen (98% der Bevölkerung) in das System eingegeben worden, und 98% aller Verschreibungen erfolgen auf elektronischem Wege. Das System der elektronischen Patientenakten ist Bestandteil einer umfassend angelegten elektronischen staatlichen Verwaltung unter dem Schlagwort eEstonia, die zusätzlich zur e-Gesundheit auch die Bereiche e-Steuern, e-Schulen, e-Handelsregister und e-Wahlen beinhaltet.

Ausbildung von Medizinstudenten im Umgang mit einem mehrsprachigen, virtuellen simulierten Patienten

Ein Projekt, bei dem mehrsprachige, virtuelle simulierte Patienten in allen Teilen der Europäischen Region zu Ausbildungszwecken herangezogen werden sollen, ermöglicht ein höheres Maß an Flexibilität beim Lernen. Die in elf Ländern der Region durchgeführte Initiative sieht die Schaffung eines mehrsprachigen, virtuellen simulierten „Patienten" vor, der ebenso reagiert und sich ebenso verhält wie ein echter Patient in der primären Gesundheitsversorgung. Dieses Modell kann von Medizinstudenten in verschiedenen Ländern mit verschiedenen Sprachen benutzt werden. Das System simuliert ein Arztgespräch mit einem virtuellen Patienten, der mit Symptomen einer oder mehrerer Krankheiten ärztlichen Rat sucht. Es kann während des Gesprächs Stimmungen ausdrücken, die sowohl an die Krankheit des virtuellen Patienten als auch an das Verhalten der Studenten angepasst werden können. Solche rollenspielartigen Szenarien helfen nicht nur den Studenten dabei, Erkrankungen zu erkennen, sondern wirken sich auch positiv auf die Vermittlung von Kommunikationsfähigkeiten aus und verringern die Abhängigkeit von Akteuren, deren Hinzuziehung zeitlich aufwändig und kostspielig sein kann.

Ausdehnung der Gesundheitsversorgung in der Russischen Föderation durch e-Gesundheit

Telemedizin ist in der Russischen Föderation bereits gut etabliert, doch gibt es Probleme im Bereich der beruflichen Weiterbildung und bei der Schaffung eines rechtlichen Rahmens für derartige Angebote. Deshalb wurde eine Kooperation zwischen dem norwegischen Zentrum für integrierte Gesundheitsversorgung und Telemedizin und der Verwaltung des Autonomen Okrug Nenets eingerichtet, um die Gesundheitsversorgung für die nomadische Bevölkerung und die Bewohner entlegener Gebiete zu verbessern, auch durch Nutzung von Telemedizin zur Gesundheitsförderung und zur Prävention und Früherkennung von Krankheit, etwa durch Vereinbarung von Arztterminen für nomadische Rentierzüchter, wenn sie in Dörfern Halt machen. Andere Initiativen dienten der Ermutigung von Gesundheitsfachkräften zur Nutzung von Technologien und der Anwerbung, Schulung und Einbindung neuer Beschäftigter. Das Projekt befasste sich auch mit der Nutzung von Technologie für die gesundheitliche Überwachung von Schwangeren und Neugeborenen im ersten Lebensjahr, wodurch die Vermeidung langer Wege zu Krankenhäusern möglich würde.