Estland: bezahlbare und zugängliche Arzneimittel für alle

WHO/Gerli Sirk

Tiiu, die im Süden Estlands lebt, kümmert sich um ihren Mann Wiktor, der zur Behandlung seiner Herz-Kreislauf-Erkrankung, Diabetes und Schuppenflechte verschiedene Medikamente benötigt. Tiiu und Wiktor sind Rentner und hatten bisher die Zuzahlungen zu ihren Medikamenten als zu hoch empfunden, obwohl es dafür staatliche Zuschüsse gibt und ihnen wegen Wiktors hoher Rezeptkosten eine zusätzliche Kostenerstattung zusteht. Obwohl sie möglicherweise seit Jahren einen Anspruch auf zusätzliche Kostenerstattung haben, waren Tiiu und Wiktor sich dessen nicht bewusst und stellten deshalb nie einen Antrag.

„Letztes Jahr erlebte ich eine erfreuliche Überraschung, als ich die Dauerrezepte in der Apotheke abholte und man mir erklärte, dass ich wegen der in diesem Jahr aufgelaufenen Zuzahlungen in Höhe von über 100 € weit weniger bezahlen müsste als erwartet. Mit dem neuen Mechanismus ist es sehr praktisch und einfach“, sagt Tiiu.

Alle Patienten in Estland erwarten, für ihre Rezepte in der Apotheke Zuzahlungen leisten zu müssen. Doch vor 2018 mussten die einkommensschwächsten und ältesten Menschen teilweise viel Geld zahlen, um die benötigten Arzneimittel zu erhalten. Erschwert wurde das Problem durch allzu bürokratische Erstattungsregeln, sodass viele die ihnen zustehende Kostenerstattung gar nicht beantragten.

Ein bürgernaher Ansatz

All dies änderte sich 2018, als die Regierung einen bürgernäheren Ansatz einführte, der Zahlungen für Rezepte leichter und billiger für die Patienten macht. Bezahlbarkeit – die Gewährleistung eines Zugangs zur Gesundheitsversorgung für alle, ohne finanzielle Not zu verursachen – ist ein wesentlicher Aspekt einer allgemeinen Gesundheitsversorgung. Heute profitieren in Estland alle Bürger von einem reibungslosen Erstattungssystem für verschriebene Arzneimittel, das sie wirksamer schützt. Überschreiten ihre Ausgaben für Arzneimittelrezepte innerhalb eines Jahres 100 €, so übernimmt der Staat sofort die Hälfte aller weiteren Kosten, bis die Patienten insgesamt 300 € bezahlt haben, wonach der Staat fast alle weiteren Kosten (90%) trägt. Anders als im vorigen System müssen die Patienten diese Leistung nicht beantragen und dann auf eine Erstattung warten, sondern diese erfolgt automatisch durch das IT-System der Apotheke.

Dank dieses verbesserten Systems sind die Zahlungen aus eigener Tasche für verschreibungspflichtige Medikamente deutlich gesunken, und die Zahlen sprechen für sich. Während 2017 nur 3000 Menschen von einer zusätzlichen Erstattung profitierten, stieg diese Zahl 2018 auf 134 000. Die Zahl der Menschen, die jährlich mehr als 250 € für ambulant verschriebene Arzneimittel ausgeben, fiel von
24 000 im Jahr 2017 (2,8% der Bevölkerung) auf 1000 im Jahr 2018 (0,1%).

„In der Vergangenheit war die zusätzliche Erstattung von dem Wissen der Patienten und ihrer Fähigkeit, sie zu beantragen, abhängig. Das heutige System ist da viel gerechter. Denn die Leistung wird automatisch berechnet, und die betreffende Person muss nicht größere Beträge aus eigener Tasche zahlen, um die benötigten Arzneimittel zu erhalten“, erklärt Riina Sikkut, die ehemalige estnische Gesundheitsministerin.

Bezahlbare Arzneimittel

Das neue Verfahren in Estland hat den Zugang zu verschreibungspflichtigen Arzneimitteln grundlegend verändert und ist ein gutes Beispiel dafür, wie fortschrittliche Maßnahmen einem Land wirklich dabei helfen können, eine allgemeine Gesundheitsversorgung zu verwirklichen. Gesundheitsfachkräfte erkennen sofort den Unterschied, der sich daraus für Gesundheit und Wohlbefinden der Menschen ergeben kann.

„Das ist eine wirklich positive Veränderung. Einerseits hat sie direkte Auswirkungen, indem die Ausgaben der Patienten für Arzneimittel sinken, was zu einer besseren Therapiebefolgung führt und die Gefahr unerwünschter Ereignisse verringert. Andererseits ist der automatische Charakter der Leistung positiv, vor allem wenn man das Alter der wichtigsten Zielgruppe in Betracht zieht“, erklärt Diana Ingerainen, eine Allgemeinärztin aus Tallinn.

Schneller zu einer allgemeinen Gesundheitsversorgung

Obwohl Estland einen bezahlbaren Zugang zu Arzneimitteln wollte, ließ das bisherige System doch gerade diejenigen im Stich, die diesen Zugang am dringendsten benötigten. Die WHO hat zusammen mit der Regierung Estlands darauf hingearbeitet, eine reibungslose Umgestaltung zu ermöglichen und diese zu beeinflussen.

2010 baten der staatliche Krankenversicherungsfonds und das Ministerium für Gesundheit und Arbeit die WHO, das estnische Gesundheitssystem auf seine finanzielle Nachhaltigkeit zu überprüfen. Dazu befragte die WHO insgesamt 28 verschiedene Nutzer des Gesundheitssystems, um zu erfahren, wie sie dessen Nachhaltigkeit und Wertvorstellungen einschätzten und was sie in dem System für bewahrenswert hielten. Die Ergebnisse zeigten, dass die finanzielle Absicherung für die Haushalte verbesserungsbedürftig war.

Eine neuere Untersuchung der WHO kam zu dem Schluss, dass das Ausmaß finanzieller Härten in Estland im Vergleich zu anderen Ländern der Europäischen Union hoch ist. Dies sei hauptsächlich dadurch bedingt, dass die Menschen aus eigener Tasche für ambulant verschriebene Arzneimittel bezahlen müssten. Seit Jahren wirbt die WHO sanft für ein gerechteres Zuzahlungssystem, das die Perspektive des Patienten in den Mittelpunkt des Umgestaltungsprozesses rückt und allmähliche Fortschritte hin zu einer allgemeinen Gesundheitsversorgung ermöglicht. Die Regierung verstand, dass sich etwas ändern musste, und ergriff 2018 die Initiative, indem sie ein verbessertes Zuzahlungssystem einführte.

Diese Verbesserungen stehen im Einklang mit der Charta von Tallinn: Gesundheitssysteme für Gesundheit und Wohlstand, einer weitreichenden Erklärung, die 2008 von allen Mitgliedstaaten in der Europäischen Region der WHO, vom Regionalbüro für Europa und von anderen Entwicklungspartnern unterzeichnet wurde. Sie fördert Chancengleichheit, Solidarität, finanzielle Absicherung und die Verbesserung der Gesundheit durch Überwachung, Bewertung und Verbesserung der Leistungsfähigkeit von Gesundheitssystemen.

Die Erfahrungen Estlands und anderer Länder – die in einer neuen Studie der WHO mit dem Titel „Können sich die Menschen ihre Gesundheitsversorgung leisten?  Neue Erkenntnisse über finanzielle Absicherung in der Europäischen Region“ dokumentiert werden – verdeutlichen, dass Zuzahlungen zwar zu finanziellen Härten führen können, insbesondere für einkommensschwache Menschen, dass es aber möglich ist, Arzneimittel für alle besser zugänglich und bezahlbar zu machen.