Weltgesundheitsversammlung, Tag 1: scheidende Generaldirektorin Chan sagt, künftige Gesundheitsarbeit solle sich am „Abbau von Ungleichheiten“ orientieren

WHO/L. Cipriani

WHO-Generaldirektorin Dr. Margaret Chan hält Abschiedsrede vor Weltgesundheitsversammlung.

Bis zum 31. Mai nehmen etwa 3500 Delegierte, darunter ein Großteil Gesundheitsminister, aus den 194 Mitgliedstaaten der WHO an der 70. Weltgesundheitsversammlung teil. Sie erörtern neue Wege, die Agenda 2030 und ihre Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDG) voranzubringen und dabei besonders auf den Aufbau besserer Gesundheitssysteme zu setzen.

In seiner Ansprache zur Eröffnungssitzung des Plenums skizzierte der Vorsteher des Schweizer Departements des Inneren Dr. Alain Berseta fünf Elemente der Agenda 2030 (Menschheit, Erde, Friede, Wohlstand und Partnerschaft) und ihren Bezug zur Gesundheit. Er betonte besonders die Bedeutung von Geschlechterparität, die sexuellen und reproduktiven Rechte von Frauen, soziale Inklusion, den Aufbau von Partnerschaften und die Zusammenarbeit mit nichtstaatlichen und nationalen Partnern. Dr. Berset schloss mit einem Dank an Dr. Margaret Chan für ihr Bemühen um Dialog mit allen Akteuren und die Schaffung einer neuen Grundlage der Zusammenarbeit unter Wahrung der Unabhängigkeit der WHO.

Eröffnungsansprache der Generaldirektorin

In ihrer letzten Eröffnungsrede rief die scheidende Generaldirektorin Dr. Margaret Chan die Weltgesundheitsversammlung dazu auf, den „Abbau von Ungleichheiten“ zur ethischen Richtschnur zu machen. „Die WHO steht für Gerechtigkeit,“ sagte sie. Die Länder sollten sich für eine bessere Erfassung von Gesundheitsdaten einsetzen und Rechenschaft über ihre Gesundheitsstrategien ablegen.

Die Verteidigung wissenschaftlicher Erkenntnis müsse das Fundament aller Arbeit sein und gerade Impfskepsis sei, so Dr. Chan, doch einer der Gründe dafür, dass das enorme Potenzial von Immunisierung noch nicht voll ausgeschöpft habe werden können.

Sie betonte die Bedeutung kontinuierlicher Innovation und nannte die Forschungspartnerschaft der WHO mit anderen Einrichtungen zur Herstellung eines wirksamen und bezahlbaren Impfstoffs gegen Meningitis A vorbildlich, denn sie habe das Leben von Millionen von Menschen in Afrika verbessert. „Die Erfüllung der ehrgeizigen Zielvorgaben im Rahmen der Ziele für nachhaltige Entwicklung hängt von Innovation ab,“ sagte sie.

Sie bat Regierungen und Partnerorganisationen darum, die Integrität der WHO in allen Vereinbarungen mit Interessengruppen zu sichern, und stellte fest, dass der Rahmen für die Zusammenarbeit der WHO mit nichtstaatlichen Akteuren ein ausgezeichnetes Werkzeug hierfür sei. Sie bat sie eindringlich, auf die Zivilgesellschaft zu hören, und fügte hinzu, dass Organisationen der Zivilgesellschaft am besten in der Lage seien, Regierung und Wirtschaft samt Tabak-, Lebensmittel- und Alkoholindustrie zur Rechenschaft zu ziehen. „Sie können den am stärksten betroffenen Menschen eine Stimme verleihen.“

Abschließend bat Dr. Chan die Regierungsvertreter: „Denkt an die Menschen. … Hinter jeder Zahl verbirgt sich ein persönliches Schicksal, das für die gesamte Menschheit steht und unser Mitgefühl verdient, wenn sie leidet oder einen vorzeitigen Tod stirbt, der hätte vermieden werden können.“

Präsidentin der 70. Gesundheitsversammlung aus der Russischen Föderation

Die Gesundheitsministerin der Russischen Föderation Prof. Veronika Skvortsova wurde zur Präsidentin der diesjährigen Weltgesundheitsversammlung gewählt.

Nach ihrer Wahl unterstrich Prof. Skvortsova, wie wichtig es sei, Gesundheit für alle im gesamten Lebensverlauf zu erreichen, was auch die Agenda 2030 und das langjährige Engagement der Russischen Föderation zur Bewältigung nichtübertragbarer Krankheiten bezweckten. Sie wies die Delegierten auch auf die im November diesen Jahres stattfindende globale Konferenz der WHO zu Tuberkulose im Kontext der SDG hin.

Amt des Generaldirektors

Am 23. Mai 2017 werden die Mitgliedstaaten das Amt des Generaldirektors durch Wahl neu besetzen und am 1. Juli 2017 beginnt die fünfjährige Amtszeit.

Punkte von besonderem Interesse für die Europäische Region

Beiträge im Plenum

  • Im Namen der Europäischen Union (EU) würdigte Malta Fortschritte in der Reform der WHO und hieß entschiedeneres Handeln der Mitgliedstaaten in Leitungsfragen willkommen. Malta nannte die Beseitigung von Armut, Förderung von Beschäftigung und Überwindung von Chancenungleichheit zentrale Aufgaben der kommenden Leitung und schloss mit einem Bekenntnis der EU-Mitgliedstaaten zur weiteren Stärkung der WHO und der Weltgesundheit.
  • Im Namen der G20 bekundete Deutschland das Engagement dieser Gruppe für die ehrgeizige Agenda 2030 und erkannte die Notwendigkeit an, neue partnerschaftliche Arbeitsweisen zu entwickeln. Zu den Prioritäten der G20 zähle die Bewältigung gesundheitlicher Notlagen und die Bekämpfung antimikrobieller Resistenzen (AMR). Starke und widerstandsfähige Gesundheitssysteme seien eine Voraussetzung für wirtschaftliches Leben und prosperierende, stabile Gesellschaften. Die WHO müsse den Einsatz für die gesundheitsbezogenen SDG koordinieren und solle diese einzigartige Chance für eine neue Führungsrolle nicht ungenutzt verstreichen lassen.
  • Das Vereinigte Königreich unterstrich sein fortgesetztes Engagement für die WHO und stellte fest, dass sich neue gesundheitliche Herausforderungen vom Bereich der übertragbaren auf den Bereich der nichtübertragbaren Krankheiten verlagerten. Es sei notwendig, die Rolle der WHO zu verdeutlichen und die Art und Weise, wie sie Entscheidungen der einzelnen Person etwa in Bezug auf Antibiotika oder Händewaschen in einen größeren Zusammenhang stellen könne. Das Vereinigte Königreich befähige Ärzte vor Ort, wie überhaupt das Verständnis der örtlichen Gemeinschaften es erst ermögliche, künftige und aktuelle Gesundheitsthemen in komplexen Gesellschaften zu lösen.
  • Finnland betonte die uneingeschränkte Unterstützung des Landes für die SDG, die einen umfassenden Ansatz zum Erreichen eines gesunden Lebens in allen Altersgruppen bedeuteten. Insbesondere die primäre Gesundheitsversorgung und die Bewertung der Gesundheitsangebote seien hierfür unabdingbar. Finnland reformiere derzeit sein Gesundheitswesen und fasse Gesundheit und Soziales in einem Ministerium mit einem gemeinsamen Budget zusammen, um gleiche Zugangsmöglichkeiten zu verwirklichen, Ungleichheiten abzubauen und Kosten zu begrenzen.

Nebenveranstaltungen

  • Schweden und Finnland präsentierten sich auf einer Nebenveranstaltung unter dem Motto „Hochschalten für eine nachhaltige gesundheitliche Entwicklung bis 2030“. Finnland stellte seine langjährigen Erfahrungen mit ressortübergreifender Zusammenarbeit vor und hob auf die Bedeutung des Engagements von Einzelpersonen wie Institutionen für eine gemeinsame Zukunftsvision der finnischen Gesellschaft im Jahr 2050 ab. Finnland erarbeite derzeit ein neues Gesundheitsprogramm und führe Reformen durch, damit Ungleichheiten abgebaut und die Nachhaltigkeitslücken einer alternden Gesellschaft geschlossen werden könnten. Schweden berichtete von der Schaffung einer Kommission zur Umsetzung der SDG durch nationale Aktionspläne und führte aus, dass Inspiration und strategische Vorgaben auf nationaler Ebene wichtig für die Ermutigung örtlicher Initiativen seien.
  • Die Delegationen Kanadas und der Schweiz leiteten gemeinsam eine Nebenveranstaltung zu Angriffen auf Gesundheitseinrichtungen. 2016 habe es weltweit über 600 derartige Angriffe gegeben. Ein Jahr zuvor habe der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen durch Resolution 2286 Angriffe auf medizinische Einrichtungen und ihr Personal in kriegerischen Auseinandersetzungen scharf verurteilt. Die WHO erhebe Daten zu den Angriffen und beobachte die Lage, doch sei weitere Arbeit mit den Mitgliedstaaten zur Validierung der Daten erforderlich.

Bilaterale Treffen

  • In einem Gespräch zwischen dem belarussischen Gesundheitsminister Dr. Valery Malashko und der Regionaldirektorin für Europa Dr. Zsuzsanna Jakab lobte letztere die Investitionen des Landes in moderne Ausrüstung. Sie lobte ferner die vorbildliche Umsetzung der Agenda 2030 und die Priorisierung von Gesundheit und Wohlbefinden. Der Minister überreichte einen Bericht über die gesundheitliche Entwicklung in Belarus, demzufolge Kindersterblichkeit und Kindesmissbrauch rückläufig sind. Dr. Jakab lud den Minister zu einem Besuch des Regionalbüros nach Kopenhagen ein.
  • Der zypriotische Gesundheitsminister Dr. George Pamboridis erläuterte in einer Zusammenkunft mit Dr. Jakab, dass das Parlament Zyperns in den kommenden Wochen eine Gesundheitsreform beschließen werde. Die vor kurzem erfolgte Schaffung eines Ausschusses für den Zugang zu Arzneimitteln wurde begrüßt.
  • In einer Zusammenkunft mit der Stellvertretenden Generalsekretärin des estnischen Sozialministeriums wiederholte Dr. Jakab, dass das Regionalbüro Estland während seiner im Juli beginnenden Präsidentschaft im Rat der Europäischen Union unterstützen wolle. Zu den gesundheitlichen Schwerpunkten würden Alkohol, grenzüberschreitende Problematiken sowie Verbraucherinformation einschließlich Etikettierung und AMR gehören. E-Gesundheit werde auch weiter im Fokus bleiben unter Nutzung der während der maltesischen Präsidentschaft gewonnenen Impulse.
  • In einem Gespräch mit dem litauischen Gesundheitsminister Dr. Aurelius Veryga wurde die Unterstützung der WHO für Litauen in Fragen wie e-Gesundheit, Alkohol, Gesundheitssysteme, personelle Ressourcen für Gesundheit und Arzneimittel erörtert. Die Regionaldirektorin dankte Litauen für die hervorragende Zusammenarbeit in den leitenden Organen und auf fachlicher Ebene, auch durch die Kooperationszentren.
  • Der usbekische Gesundheitsminister Alisher Shadmonv skizzierte die Gesundheitsreform seiner Regierung und die Erneuerung der Rahmengesetze auf Initiative des Präsidenten, welche die primäre Gesundheitsversorgung, die Gesundheitsversorgung in Notlagen, den Bereich Onkologie, die Angebotsstruktur und die Gesundheitsfinanzierung regeln.