Regionalbüro beendet Mission zur Bewertung der gesundheitlichen Folgen der Giftschlammkatastrophe in Ungarn

Zum Abschluss einer viertägigen Feldmission der WHO in Ungarn wurden am 16. Oktober eine Reihe von Empfehlungen präsentiert, die darauf abzielen, die kurz- und langfristigen gesundheitlichen Folgen des Giftschlammunfalls in dem Aluminiumwerk Ajkai Timfoldgyar der Magyar Alumínium Zrt. (MAL Zrt.) in der ungarischen Stadt Ajka zu minimieren und künftig ähnliche Ereignisse mit möglicherweise grenzüberschreitenden Folgen zu verhindern.

Das Team stand unter der Führung von Mitarbeitern des Europäischen Zentrums der WHO für Umwelt und Gesundheit, einer Außenstelle des Regionalbüros in Rom; ferner vertreten waren eine Reihe von Experten aus dem Kooperationszentrum der WHO für Chemieunfälle im Vereinigten Königreich sowie Mitarbeiter der italienischen Firma ICARO, eines Consulting-Unternehmens für Risikoabschätzung im Bereich Umwelt und Gesundheit. Diese vielfältige Erfahrung brachte das Team in die Anstrengungen der nationalen Behörden und des WHO-Länderbüros in Ungarn ein und ergänzte so deren Fachkompetenz. Dabei befasste es sich primär mit den Gesundheitsschutzaspekten des Unfalls und ergänzte die Arbeit einer Mission der Europäischen Union.

Verringerung der akuten Gesundheitsrisiken

Bei dem Unfall kamen neun Menschen ums Leben, mehr als 150 wurden verletzt; Hauptursachen waren Tod durch Ertrinken bzw. Verätzungen aufgrund der korrosiven Eigenschaften des Rotschlamms. Insgesamt wurden in den Dörfern Kolontár, Devecser und Somlóvásárhely in Westungarn mehr als 300 Häuser zerstört oder schwer beschädigt.

An den betroffenen Orten wurden umgehend Maßnahmen ergriffen, um den ätzenden Schlamm zu neutralisieren und die unmittelbare Gefahr einer Exposition zu verringern. Da die Schlammassen wie auch ihr pH-Wert inzwischen zurückgegangen sind, ist die Gefahr direkter expositionsbedingter Gesundheitsschäden nun erheblich geringer.

Schwerpunktlegung auf Wohnbevölkerung und Rettungskräfte

Bei den nun eingeleiteten Wiederaufbau- und Sanierungsmaßnahmen muss ein besonderes Augenmerk darauf gerichtet werden, die Bevölkerung in den betroffenen Gebieten, aber auch die an der Aktion beteiligten knapp 4000 Rettungskräfte und freiwilligen Helfer vor potenziellen Gesundheitsrisiken zu schützen.

Eine Exposition gegenüber dem Schlamm durch Hautkontakt, Einatmen oder Aufnahme mit der Nahrung sollte so weit wie möglich vermieden werden. Dazu sind auch eine vollständige Beseitigung des Schlamms aus den betroffenen Gebieten (vor allem aus Häusern), die Überwachung der Konzentration von Schadstoffen in der Innen- und Außenluft und die Ausarbeitung klarer Schutzempfehlungen für die Bevölkerung sowie die in vorderster Linie tätigen Rettungskräfte erforderlich.

Da nun auch die psychologischen Auswirkungen der Katastrophe zutage treten, werden Menschen, die evakuiert wurden, Verletzungen erlitten oder Todesfälle in der Familie erlebt haben oder Beschädigung oder Verlust von Eigentum hinnehmen mussten, vor Ort von einem spezialisierten Psychologen-Team betreut. Diese Notwendigkeit wird sowohl kurz- als auch mittelfristig weiterbestehen.

Keine Gefährdung der Gesundheit durch Trinkwasser

Der Hinweis ist wichtig, dass die Qualität der Trinkwasserversorgung in den betroffenen Gebieten weiterhin ausreichend und für die Bevölkerung nicht mit Gesundheitsrisiken verbunden ist.

Um mittel- und langfristig das Risiko einer Exposition, insbesondere gegenüber Schwermetallen, bewerten und ggf. entsprechende Gegenmaßnahmen einleiten zu können, ist eine kontinuierliche Überwachung der Außen- und Innenluft, des Trinkwassers und der Qualität des Bodens und der Nahrungsmittelproduktion unbedingt erforderlich.

Keine Gefahr einer grenzüberschreitenden Ausbreitung

Es wurden intensive Anstrengungen unternommen, um eine weitere Ausbreitung des Schlamms auf die Donau zu verhindern, da dies zu Umweltschäden in den benachbarten Ländern führen könnte. Nach den vorliegenden Informationen ist davon auszugehen, dass die Qualität des Wassers in der Donau weitgehend unverändert ist.

Da es aber entlang des Flusses noch etwa 150 weitere Abfallbecken gibt, verdeutlicht der Unfall die Notwendigkeit, eine vollständige Erfassung und Bewertung dieser Anlagen durchzuführen, bei der auch ihre Widerstandskraft gegenüber extremen Wetterereignissen sowie der Gefahr einer Kontamination von Boden und Grundwasser durch schlecht isolierte Staubecken berücksichtigt wird.

In vielen Ländern am Unterlauf der Donau gehen sowohl von noch genutzten Industrieanlagen als auch von Altstandorten erhebliche Gefahren aus. Durch vorhandene Politikinstrumente wie das Protokoll über Wasser und Gesundheit können Maßnahmen zur Erkennung und Sanierung besonders belasteter Standorte, die aufgrund drohender Gewässerverschmutzung ein gesundheitliches Gefahrenpotenzial bergen, unterstützt werden. Die bevorstehende zweite Tagung der Parteien des Protokolls vom 22. bis 25. November 2010 in Bukarest bietet eine einzigartige Chance, mögliche Lösungsansätze in diesem wichtigen Themenbereich zu erörtern.