Primäre Gesundheitsversorgung: Jetzt ist die Zeit zu handeln

WHO

Vierzig Jahre nach der historischen Erklärung von Alma-Ata, in der die primäre Gesundheitsversorgung als Schlüsselfaktor zur Verwirklichung von Gesundheit für alle identifiziert wurde, versammeln sich führende Politiker aus aller Welt in dieser Woche in Kasachstan. Sie werden auf die seit 1978 erzielten Errungenschaften zurückblicken und einer neuen Erklärung zustimmen, mit der die primäre Gesundheitsversorgung im 21. Jahrhundert wiederbelebt werden soll.

„Es gibt noch immer unerledigte Aufgaben auf dem Weg zur Sicherung eines allgemeinen Zugangs zu hochwertigen Gesundheitsleistungen im Rahmen einer primären Gesundheitsversorgung. Der 40. Jahrestag der Erklärung von Alma-Ata bietet uns eine Gelegenheit, die wir nutzen müssen, um die noch heute von uns vertretenen Werte erneut zu bekräftigen und uns zu diesen zu bekennen. Vor dem neuen Hintergrund der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung ist dies besonders wichtig“, sagt Dr. Zsuzsanna Jakab, WHO-Regionaldirektorin für Europa.

Reflektion über die Vergangenheit, Veränderungen für die Zukunft

Die Europäische Region der WHO hat sich in den letzten vier Jahrzehnten erheblich verändert und sieht sich systembedingten Herausforderungen gegenüber, die von den Gesundheitssystemen in Angriff genommen werden müssen: Die Bevölkerung in der Europäischen Region altert; die Risikofaktoren für nichtübertragbare Krankheiten müssen eingedämmt werden; Verletzungen und Behinderungen machen den überwiegenden Teil der Krankheitslast aus; die Kluft bei den gesundheitlichen Ungleichheiten wird zunehmend größer; die Bürger haben größere Erwartungen an eine umfassende, bürgernahe, bedarfsgerechte Gesundheitsversorgung; und die weltweite Finanzkrise hat weiterhin gravierende Auswirkungen.

Regionsweite Konzepte, Strategien und Resolutionen zur Verbesserung der Gesundheit wie die Charta von Ljubljana (1996), die Charta von Tallinn (2008), das Rahmenkonzept der Europäischen Region „Gesundheit 2020“ (2012) und die Resolution über Prioritäten für die Stärkung der Gesundheitssysteme in der Europäischen Region der WHO im Zeitraum 2015–2020: Verwirklichung der Vorsätze für mehr Bürgernähe (2015) haben zur Entwicklung von Innovationen geführt, mit denen eine gleichberechtigte, wirksame, effiziente und bedarfsgerechte primäre Gesundheitsversorgung gefördert werden soll.

Zu den Beispielen für Innovationen, die von mehreren Ländern übernommen wurden, um diese systembedingten Herausforderungen in der Europäischen Region anzugehen, zählen etwa folgende:

  • In mehr als zehn Ländern in der gesamten Region können Pflegekräfte und Hebammen Arzneimittel verschreiben.
  • In Bulgarien, Dänemark, Estland, Kroatien, der Republik Moldau, Schweden, Slowenien, der Ukraine, Ungarn und dem Vereinigte Königreich können Patienten ihren Hausarzt selbst wählen.
  • Dänemark, Finnland, Norwegen, Schweden und andere Länder bemühen sich um eine Stärkung der Rolle der Kommunen und haben für eine Integration von Gesundheits- und Sozialleistungen auf lokaler Ebene gesorgt und innovative Modalitäten der Organisation und Politiksteuerung umgesetzt.
  • Sowohl in einzelnen Regionen (etwa in Venetien in Italien) als auch regionsübergreifend (etwa in Litauen und Norwegen) bemühen sich die Länder darum, einer integrierten Leistungserbringung im Bereich der öffentlichen Gesundheit Priorität einzuräumen und dabei gemeinsam den gesundheitlichen Bedürfnissen sowohl der Bevölkerung als auch von Einzelpersonen gerecht zu werden.
  • In vielen Ländern Osteuropas und Zentralasiens (etwa in Kirgisistan, der Russischen Föderation und Tadschikistan) zeugen Investitionen in die Einführung von Qualitätsverbesserungsverfahren in der klinischen Praxis davon, dass Qualität einen fortlaufenden Lern- und Verbesserungsprozess erfordert.
  • Länder in ganz Zentralasien haben die Schulung und Ausbildung von Allgemeinmedizinern umgestaltet – von einem Umschulungsmodell zu einem etablierten Programm für Erstausbildung und praktische Weiterbildung.
  • Belgien, Deutschland, Frankreich, die Türkei und das Vereinigte Königreich bieten finanzielle Anreize wie höhere Vergütung, Zuschüsse oder Bonuszahlungen, um Hausärzte darin zu bestärken, in unterprivilegierten Gebieten zu arbeiten.
  • In vielen Ländern Osteuropas und Zentralasiens (etwa in Kasachstan) mehren sich verschiedene Initiativen für Telemedizin, um in unterversorgten und entlegenen Gebieten fachärztliche Versorgung in den Bereichen Kardiologie, Pneumologie und Neurologie bereitzustellen.
  • Dänemark, Estland, Israel und Spanien (Katalonien) haben Systeme für den Austausch von Gesundheitsinformationen eingerichtet, die Patientenakten verschiedener Gesundheitsdienstleister miteinander verknüpfen, um die Bereitstellung einer integrierten Gesundheitsversorgung zu ermöglichen.

Der Bericht mit dem Titel „Von Alma-Ata bis Astana: Primäre Gesundheitsversorgung – Reflektion über die Vergangenheit, Veränderungen für die Zukunft“ erfasst die in den vergangenen vier Jahrzehnten im Bereich der primären Gesundheitsversorgung in der Europäischen Region erzielten Fortschritte und stellt Beispiele nationaler Innovationen bei der primären Gesundheitsversorgung vor. Er bietet den Kontext und die Grundlage für die Diskussionen auf der Globalen Konferenz über primäre Gesundheitsversorgung.

Die Globale Konferenz über primäre Gesundheitsversorgung

Am 25. und 26. Oktober 2018 werden Staats- und Regierungschefs, Minister für Gesundheit, Finanzen, Bildung und Soziales, Gesundheitsfachkräfte und Patientenvertreter, Jugendvertreter, und Vertreter bilateraler und multilateraler Institutionen, der Zivilgesellschaft, der Wissenschaft, gemeinnütziger Organisationen, der Medien und der Privatwirtschaft in Astana auf der Globalen Konferenz über primäre Gesundheitsversorgung zusammenkommen.

Zu den Themen auf der Tagesordnung gehören die Beschleunigung gesundheitlicher Chancengleichheit, die Erfüllung der Bedürfnisse marginalisierter Bevölkerungsgruppen und die Inangriffnahme der Determinanten von Gesundheit, die Prävention von und Reaktion auf Notlagen, die Integration von Gesundheitsleistungen verschiedener Anbieter und Bereiche, die Stärkung des Gesundheitspersonals, die Nutzung neuer Technologien und Innovationen, und die Förderung ressortübergreifender Aktionspläne und Partnerschaften.

Wie schon im Jahr 1978 wird die Konferenz gemeinsam von der WHO, dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (UNICEF) und der Regierung von Kasachstan ausgerichtet.

Den Startschuss zu den Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag geben zwei Veranstaltungen in Almaty: „Politik, Forschung, Ausbildung und Praxis in der primären Gesundheitsversorgung: wissenschaftliche Vorkonferenz zur Globalen Konferenz über primäre Gesundheitsversorgung“ und die „Tagung der Bürgermeister des Gesunde-Städte-Netzwerks der WHO“.