Welttag der humanitären Hilfe: WHO ruft dringend nach mehr Hilfe im Gesundheitsbereich zur Bewältigung der humanitärem Krise in der Ukraine

WHO/Shuvayev

Thousands of children living in conflict-affected areas of Ukraine are at risk due to low vaccination coverage and problems in the surveillance system. WHO and health partners support vaccination campaigns in these areas.

Nach drei Jahren Konflikt sind die Mittel für die Gesundheitsversorgung in den betroffenen Gebieten der Ukraine nahezu erschöpft, und die humanitäre Hilfe sinkt rapide. Gleichzeitig werden weiterhin Gesundheitseinrichtungen durch schweren Artilleriebeschuss beschädigt – ein ernstes und alltägliches Problem. Die Gesundheit von Millionen Ukrainern ist durch den eingeschränkten Zugang zu Gesundheitseinrichtungen und Gesundheitsversorgung bedroht, aber auch durch unzureichende Finanzmittel für humanitäre Hilfsmaßnahmen.

„Mitten in Europa lassen wir es zu, dass Millionen Menschen unzureichend oder gar nicht medizinisch versorgt werden, dass Hunderte von Gesundheitseinrichtungen nicht über die erforderlichen Infrastrukturen und Medikamente verfügen und dass das Gesundheitspersonal mit der Angst vor Artilleriebeschuss oder Vertreibung leben muss. So sieht die Lage in der Ostukraine heute aus“, erklärt Dr. Nedret Emiroglu, Leiterin der Abteilung Gesundheitliche Notlagen und übertragbare Krankheiten beim WHO-Regionalbüro für Europa. „Die internationale Gemeinschaft muss dringend zur Entschärfung dieser humanitären Krise beitragen und gesundheitliche Hilfsmaßnahmen bereitstellen. Denn die Krise ist noch lange nicht überstanden.“

Zum Welttag der humanitären Hilfe am 19. August weist das WHO-Regionalbüro für Europa auf die dringende Notwendigkeit humanitärer und gesundheitlicher Hilfe in der Ostukraine hin und erkennt die unverzichtbare und oftmals gefährliche Arbeit von Gesundheitsfachkräften bei der Versorgung der Bedürftigsten an.

Störung der Arbeit von Gesundheitseinrichtungen

Was macht die Situation so schwer?

  • Seit Beginn des Konflikts wurden mindestens 160 Gesundheitseinrichtungen auf beiden Seiten der Kontaktlinie mit Granaten beschossen, und etwa 130 Einrichtungen sind weiterhin teilweise oder vollständig außer Betrieb. Die Folge ist eine ernste Beeinträchtigung der grundlegenden Gesundheitsversorgung. Die WHO ist besorgt über solche Verstöße und weist mit Nachdruck darauf hin, dass Gesundheitseinrichtungen und Gesundheitspersonal unter dem strengen Schutz des humanitären Völkerrechts stehen und daher nicht das Ziel von Gewalt sein dürfen (Twitter #NotATarget).
  • Der Zugang zur Gesundheitsversorgung ist in den Gebieten nahe der Kontaktlinie am schwierigsten. Dort ist das Gesundheitssystem mit Engpässen bei den qualifizierten medizinischen Fachkräften und mit Störungen bei der Bereitstellung von Hilfsgütern konfrontiert. Über 400 Gesundheitseinrichtungen in den Konfliktgebieten in der Ukraine melden unzureichende Bestände an Medikamenten.
  • Die Zahl der vor Ort anwesenden Partner im Gesundheitsbereich ist sehr niedrig. Dies hat mit Problemen bei der Akkreditierung in nicht von der Regierung kontrollierten Gebieten, aber auch mit Sicherheitsvorkehrungen auf beiden Seiten der Kontaktlinie und mit dem anhaltenden Mangel an Finanzmitteln zu tun. Der eingeschränkte und unvorhersehbare Zugang zu den nicht von der Regierung kontrollierten Gebieten ist eine erhebliche Herausforderung für die Bereitstellung humanitärer Hilfe für die Bedürftigsten.

Fast vier Millionen Menschen benötigen Gesundheitsversorgung

Bisher sind von der Krise 5 Mio. Ukrainer auf beiden Seiten der Kontaktlinie betroffen, und es gibt etwa 1,6 Mio. Binnenvertriebene. Die Mehrzahl der Betroffenen lebt in den nicht von der Regierung kontrollierten Gebieten. Von den Betroffenen benötigen nach Schätzungen 3,8 Mio. Menschen eine medizinische Versorgung.

Die gesundheitlichen Bedürfnisse reichen von allgemeinen Leistungen und einer grundlegenden Traumaversorgung bis zum Zugang zur Diagnose und Therapie bei Tuberkulose, HIV, Polio und sexuell übertragenen Infektionen. Übertragbare Krankheiten können sich aufgrund einer schlecht funktionierenden Surveillance und fehlender Vorsorge- und Präventionsmaßnahmen leicht ausbreiten. Die Gesundheit von Kindern wird durch niedrige Impfraten beeinträchtigt, und es kommt zunehmend zu Ausbrüchen von Röteln und Mumps. Auch Fälle von sexueller und geschlechtsspezifischer Gewalt nehmen zu, wobei es eine erhebliche Dunkelziffer gibt. Dies gilt insbesondere entlang der Kontaktlinie, und die Behandlungsangebote sind sehr begrenzt. Problematisch ist auch der Zugang zu lebensrettenden Medikamenten und Therapien für chronische Krankheiten wie psychische Erkrankungen und Diabetes.

WHO leistet weiterhin Unterstützung

Seit Beginn des Konflikts stellt die WHO zusammen mit ihren Partnerorganisationen im Gesundheitsbereich Leistungen der primären Gesundheitsversorgung, Arzneimittel, Krankenwägen und andere unentbehrliche medizinische Güter bereit, um die Versorgung der anfälligsten Bevölkerungsgruppen in der Ukraine zu gewährleisten. Sie leitet auch Maßnahmen in den Bereichen Prävention, Bereitschaftsplanung und Wiederaufbau ein, z. B. Impfmaßnahmen, Schulungen und Surveillancemaßnahmen.

Allein 2016 bauten die WHO und ihre Partner 35 mobile Noteinrichtungen der primären Gesundheitsversorgung (MEPU) auf, die entlang der Kontaktlinie operieren, wo die Gesundheitsversorgung unterbrochen oder zumindest erheblich beeinträchtigt ist. Im vergangenen Jahr absolvierte das Personal dieser Noteinrichtungen über 230 000 Termine, überwiegend bei Binnenvertriebenen. Darüber hinaus waren fachübergreifende mobile Teams bei der Bereitstellung von Angeboten in der psychischen Gesundheitsversorgung und der psychosozialen Betreuung behilflich. Die Partner im Gesundheitsbereich richteten auch 70 Sentinel-Standorte ein und begannen mit einer regelmäßigen Berichterstattung über Infektionskrankheiten.

Im Laufe des Jahres 2016 lieferte die WHO über 170 Tonnen an medizinischen Hilfsgütern für 350 000 Menschen, darunter Medikamente für chronische Krankheiten, sowie lebensrettende Maßnahmen für 50 000 Diabetespatienten, etwa 14 000 Schnell-Bluttests und Material für 1800 komplexe und lebensrettende chirurgische Eingriffe.

Mittel von Gebern wichtig, aber nicht ausreichend

Die von der WHO in dem Plan für humanitäre Hilfe an die Ukraine für das Jahr 2017 geforderten Mittel – ca. 21% der Mittel für das gesamte Gesundheitswesen – decken nur die grundlegendsten Gesundheitsinterventionen ab. Bisher ist noch ein Drittel dieses Betrags nicht gedeckt. 2016 wurden nur 15% des Mittelbedarfs für das gesamte Gesundheitswesen gedeckt. Maßnahmen im Bereich der öffentlichen Gesundheit und die hochwertige Gesundheitsversorgung der Patienten sind gefährdet, sodass die Besorgnis besteht, dass es zu Krankheitsausbrüchen kommt.

2017 konnte die WHO dank großzügiger Beiträge Kanadas, Deutschlands und Italiens die dringend benötigte Unterstützung für die Schaffung eines Zugangs zur primären Gesundheitsversorgung leisten. Dabei wurden einige Defizite in der Versorgung chronischer nichtübertragbarer Krankheiten beseitigt, und auch die Labordienste, die Traumaversorgung und die psychische Gesundheitsversorgung profitierten von den Geldern. Doch die niedrigen Impfraten und die schlecht funktionierende Surveillance übertragbarer Krankheiten, der unzureichende Zugang zu Medikamenten für Krebspatienten sowie der fehlende Zugang zur psychischen Gesundheitsversorgung und zu Rehabilitationsangeboten stellen nach wie vor erhebliche Defizite dar, die dringenden Handlungsbedarf aufweisen.

„Die WHO wirft Menschen, die eine grundlegende Gesundheitsversorgung benötigen, einen Rettungsring zu. Doch die derzeitige Finanzierungslücke beschränkt unsere Fähigkeit zur Bereitstellung von Impfangeboten und von Leistungen im Bereich des Gesundheitsschutzes für all jene, die dies brauchen“, erklärt Dr. Marthe Everard, Repräsentantin der WHO in der Ukraine. „Wir appellieren an die Geber, der Krise in der Ukraine wieder ihre Aufmerksamkeit zu schenken. Dann können wir zusammen mit anderen Organisationen der Vereinten Nationen und unseren Partnern im Gesundheitsbereich dem Gesundheitsministerium unter die Arme greifen, die Zivilbevölkerung weiterhin vor den Kampfhandlungen schützen und die Gesundheitseinrichtungen in den vom Konflikt betroffenen Gebieten unterstützen.“