Usbekische Hebammen treten verstärkt ins Rampenlicht

WHO/Malin Bring

Hebamme Gulnoza Sadieva hilft einer frisch gebackenen Mutter beim Stillen.

„In unserem Krankenhaus sind wir Hebammen für die Entbindungen zuständig. Früher waren es stets die Ärzte“, sagt Gulnoza Sadieva, Leitende Hebamme im Perinatalzentrum des Oblast Ferghana in Usbekistan. Ihre Feststellung macht einen positiven Trend deutlich: Hebammen übernehmen zunehmend eine aktivere und verantwortungsvollere Rolle in den usbekischen Entbindungsstationen.

Mit ihrer gedämpften, beruhigenden Stimme hilft die Hebamme einer jungen Mutter, ihren Säugling zum Stillen neben sich aufs Bett zu legen. Die Frau hat erst vor wenigen Stunden entbunden und das Lächeln auf ihrem Gesicht zeigt, dass es eine freudige Erfahrung war.

„Wenn die Geburt normal verläuft, halten wir uns zurück und überlassen wir den Frauen die Entbindung größtenteils selbst“, erläutert Gulnoza. „In der Vergangenheit mussten wir alle zwei Stunden intervenieren. Heute ermuntern wir die Frauen, in einer vertikalen Position zu entbinden. Dies wirkt wie ein natürliches Schmerzmittel.“

Prüfung von Beinahe-Todesfällen: Hebammen, Pflegekräften und Müttern Gehör verschaffen

Eines der Instrumente, das Gulnozas Arbeit in den letzten Jahren entscheidend beeinflusst hat, ist die Prüfung von Beinahe-Todesfällen. Zweck dieser Prüfungen ist es, die Qualität der Gesundheitsversorgung von Müttern durch die Prüfung von Fällen zu verbessern, in denen Frauen schwere Komplikationen während der Schwangerschaft oder Entbindung überlebt haben.

Ziel ist es, verbesserungswürdige Bereiche zu ermitteln und letztendlich die vermeidbare Morbidität und Mortalität unter Müttern und Neugeborenen zu reduzieren. Da die Frauen in diesen Fällen überleben, gibt es keine offizielle Untersuchung. Die Prüfungen werden allein zu dem Zweck durchgeführt, das Wissen und die Praktiken des Personals zu verbessern.

WHO und Partnerorganisationen führten die Methodik der Prüfung von Beinahe-Todesfällen im Jahr 2004 in Usbekistan ein. In den letzten zehn Jahren hat die Mehrzahl der usbekischen Entbindungsstationen derartige Prüfungen mit Unterstützung der WHO eingeführt.

Zu Zeiten der Sowjetunion wurden Fallprüfungen nur von Ärzten durchgeführt. Die Prüfung von Beinahe-Todesfällen verschafft Hebammen, Pflegekräften und – über ein von einem Belegschaftsmitglied durchgeführtes Interview – der Frau, die die Komplikationen überlebte, Gehör.

„Mein Eindruck ist, dass das medizinische Personal sich enorm entwickelt hat“, sagt Tinatin Gagua, eine Geburtshelferin/Gynäkologin und beratende Expertin der WHO. Gemeinsam mit einer Gruppe von Kollegen besuchte sie kürzlich fünf usbekische Entbindungsstationen, um die Umsetzung der Prüfung von Beinahe-Todesfällen zu bewerten.

„Sie wissen, wie wichtig diese Prüfungen sind und inwiefern sie ihren eigenen Arbeitsalltag und das Leben der Frauen in ihrer Obhut verändern. In Bezug auf die Qualität der Prüfungen gab es zwischen den einzelnen Einrichtungen erhebliche Unterschiede, doch der Nutzen, den diese Art von Prüfung überall bringt, ist das Gefühl, Teil eines Teams zu sein. Dies ist bei der Geburtshilfe enorm wichtig.“

Vertrauensbildung durch Dialog und Lernen

Ruhig und gelassen leitet Hebamme Dinara Kalandarova die Sitzung vom Kopf eines Konferenztisches aus. Um sie herum sitzen ein Dutzend Kollegen aus dem Staatlichen Perinatalzentrum in Taschkent – Hebammen, Pflegekräfte und Ärzte gleichermaßen.

Dinara erteilt jedem von ihnen der Reihe nach das Wort. Wenn die Diskussion für einen Moment aus dem Ruder läuft, unterbricht sie sanft und verweist wieder auf die Ausgangsfrage.

„Seit sieben Jahren leite ich die Sitzungen zur Prüfung von Beinahe-Todesfällen, und diese Aufgabe macht mir sehr viel Spaß“, sagt sie. „Ich weiß die Art und Weise, wie wir der Wahrheit bei den erörterten Beinahe-Todesfällen auf den Grund gehen, sehr zu schätzen. Es ist sehr befriedigend, gemeinsam verpasste Chancen zu ermitteln und Empfehlungen für die Zukunft zu erarbeiten.“

Ihrer Ansicht nach hat sich die Zusammenarbeit im Team erheblich verbessert, seit das Krankenhaus die Prüfung von Beinahe-Todesfällen einführte. Die Hebammen haben mehr Selbstvertrauen entwickelt und Kompetenz aufgebaut, und die Empfehlungen haben zu einer besseren Arbeitsroutine geführt. Eines der von ihr angeführten Beispiele ist die Einrichtung von Notfallknöpfen in den Entbindungssälen, mit denen die Hebamme bei Bedarf einen Notruf absetzen kann.

Zunächst stieß das Verfahren zur Prüfung von Beinahe-Todesfällen jedoch auf Skepsis.

„Zu Beginn waren wir Hebammen eher passiv. Wir hatten großen Respekt vor den Ärzten und hatten Angst, unsere Fehler einzugestehen. Mit der Zeit haben wir mehr Selbstvertrauen entwickelt. Jene unter uns, die nicht so gut mit den Protokollen vertraut waren, wurden dazu angeregt, mehr zu lesen und zu lernen“, sagt Dinara.

„Heute leistet jeder seinen Beitrag. Wir diskutieren offen und freimütig und haken nach, um den Ursachen der Fälle auf den Grund zu gehen.“

Qualitätssicherung im Mittelpunkt zur Verbesserung der Prüfung von Beinahe-Todesfällen

Das Bewertungsteam, das die Umsetzung der Prüfungen von Beinahe-Todesfällen in den Entbindungsstationen überprüfte, sieht einen Mangel an systematischer Qualitätssicherung bei dieser Art von Prüfungen als eine der größten Herausforderungen.

„Es gibt keine offiziellen Koordinatoren auf regionaler Ebene und es erfolgt keine systematische Berichterstattung über die Ergebnisse der Sitzungen. Das System ist untragbar, wenn Qualitätsbewertungen ausschließlich von internationalen Organisationen durchgeführt werden“, erklärt Alberta Bacchi, eine beratende Expertin der WHO.

„Man kann viel von einander lernen. Ein Austausch zwischen den einzelnen Krankenhäusern wäre von großem Wert.“

Auch Albertas Kollegin Tinatin teilt diese Meinung. Sie fügt hinzu: „Was mich bei unserer Bewertung jedoch am meisten überrascht hat, war die Tatsache, dass eine Hebamme die Sitzung mit so großem Selbstvertrauen leitete. Angesichts der vorherrschenden Hierarchien im medizinischen System war dies wahrlich bemerkenswert.“