Neuer HEN-Bericht verdeutlicht Defizite beim Schutz von Flüchtlingen und Migranten vor impfpräventablen Krankheiten

Flüchtlinge und Migranten sollten ohne unnötige Verzögerung gemäß den in ihren Aufnahmeländern geltenden Impfplänen geimpft werden. So lautet die gemeinsame Empfehlung der WHO, des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen und des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen.

Doch aus einem neuen Bericht der WHO geht hervor, dass nicht einmal ein Drittel der Länder der Europäischen Region der WHO in ihrer staatlichen Impfpolitik über konkrete Richtlinien für die Impfung von Flüchtlingen und Migranten, einschließlich schwangerer Frauen und Kinder, verfügen. Kinder machen etwa 25% der gesamten Migrantenpopulation in der Europäischen Region aus und gelten als die durch impfpräventable Krankheiten am stärksten gefährdete Gruppe.

Der jüngst veröffentlichte zusammenfassende Bericht des Health Evidence Network (HEN) basiert auf einer Bestandsaufnahme der vorhandenen Impfkonzepte und Praktiken für Flüchtlinge und Migranten in der Europäischen Region. Diese vom WHO-Regionalbüro für Europa durchgeführte Untersuchung dient dazu, die gegenwärtige Praxis besser zu verstehen. Die Befunde des Berichts verdeutlichen, dass die speziell für Flüchtlinge und Migranten vorhandenen Impfangebote in den einzelnen Mitgliedstaaten sehr unterschiedlich ausfallen, lassen jedoch auch einige Gemeinsamkeiten erkennen.

Aus dem Bericht geht hervor, dass in den meisten Ländern die Bereitstellung von Impfangeboten primär durch die staatlichen Gesundheitssysteme erfolgt, dass jedoch an der Umsetzung auf der kommunalen Ebene auch internationale und nichtstaatliche Organisationen beteiligt sind.

Der Bericht weist auch auf weit verbreitete Hindernisse für die Bereitstellung und Inanspruchnahme von Impfmaßnahmen in allen Ländern hin. In den Aufnahmeländern wurde der Zugang zu den vorhandenen Impfangeboten durch sozioökonomische, soziokulturelle und bildungsbezogene Probleme behindert. Das Fehlen von finanziellen und personellen Ressourcen, insbesondere von kulturellen Mediatoren bzw. Dolmetschern, beeinträchtigte eine wirksame Umsetzung der nationalen Politik.

Konzeptionelle Überlegungen für eine ausgewogene Leistungserbringung

In der Bestandsaufnahme werden auf der Grundlage der verfügbaren Erkenntnisse eine Reihe von Grundsatzoptionen zur Gewährleistung eines ausreichenden Schutzes von Migranten und Flüchtlingen vor impfpräventablen Krankheiten genannt. Dazu zählen:

  • die Bereitstellung kulturell angemessener Impfstrategien;
  • die Sicherung einer Unterstützung durch die Politik beim Abbau von Hindernissen für die Bereitstellung und Inanspruchnahme von Impfmaßnahmen;
  • die Entwicklung realistischer Umsetzungspläne mit soliden Rahmen für Überwachung und Evaluation;
  • die Förderung von Forschungsmaßnahmen; und
  • die Förderung einer grenzüberschreitenden Zusammenarbeit und eines sinnvollen Erfahrungsaustauschs zwischen den Ländern der Europäischen Region.

In dem Bericht werden auch einige wesentliche Handlungsbereiche genannt, in denen politische Entscheidungsträger tätig werden müssen, damit Flüchtlinge und Migranten gleichberechtigten Zugang zu hochwertigen Impfangeboten erhalten. Zu den vorgeschlagenen Maßnahmen gehören die Verbesserung der Gesundheitskompetenz von Migranten und Flüchtlingen, die Bereitstellung von Informationsmaterial in den Sprachen der Migranten und das Angebot angemessener Schulungen und kulturell relevanter Informationen für das medizinische Personal.

Zusammenarbeit zum Aufbau einer Evidenzgrundlage für die Gesundheit von Flüchtlingen und Migranten

Das WHO-Regionalbüro für Europa hat durch sein Programm Migration und Gesundheit Pionierarbeit bei der Thematisierung der gesundheitlichen Aspekte der Migration geleistet, namentlich durch Nutzung innovativer Lösungsansätze im Bereich der öffentlichen Gesundheit mit dem Ziel, eine Evidenzgrundlage für den Themenkomplex der Gesundheit von Flüchtlingen und Migranten zu schaffen.

Hierzu wurde vom Programm Migration und Gesundheit zusammen mit dem beim Programm Wissensmanagement, Evidenz und Forschung für die Politikgestaltung in der Abteilung Information, Evidenz, Forschung und Innovation angesiedelten HEN-Sekretariat eine themenbezogene Reihe von zusammenfassenden Berichten des HEN über Flüchtlinge und Migranten erstellt. Der neueste HEN-Bericht im Rahmen der Reihe wurde in Zusammenarbeit mit dem Programm für durch Impfung vermeidbare Krankheiten und Immunisierung ausgearbeitet.