Höhepunkte von Tag 2: Schwerpunkt weiter auf ressortübergreifenden Maßnahmen

Bei den am zweiten Tag der 65. Tagung des Regionalkomitees (RC65) abgehaltenen Podiumsdiskussionen ging es vor allem um die Notwendigkeit, die gesundheitsbezogenen Herausforderungen der vielfältig vernetzten Welt von heute im Wege einer bereichsübergreifenden Zusammenarbeit anzugehen. Die WHO-Generaldirektorin forderte die Mitgliedstaaten auf, sich besonders damit zu befassen, wie unternehmerische Interessen die Gestaltung der Gesundheitspolitik beeinflussen, und stellte die Frage „Wer bestimmt eigentlich die Politik, die unsere Gesundheit prägt?"

Ansprache von Dr. Margaret Chan, WHO-Generaldirektorin 

Die Generaldirektorin wies einleitend auf die „spektakulären Ergebnisse" hin, die mit den Millenniums-Entwicklungszielen zur Senkung der Kindersterblichkeit und zur Verbesserung der Gesundheit von Müttern erreicht worden seien, und erläuterte, dass dank der Ziele für eine nachhaltige Entwicklung (SDG) die Dynamik für mehr Gesundheit aufrechterhalten werden könne. Sie gab allerdings zu bedenken, dass die heutigen Bedrohungen für die Gesundheit größer und komplexer als vor 15 Jahren seien, und schloss sich der am 2. September veröffentlichten Erklärung von Dr. Zsuzsanna Jakab, WHO-Regionaldirektorin für Europa, über die gesundheitlichen Bedürfnisse von Flüchtlingen und Migranten uneingeschränkt an. 

Unter Verweis auf Beispiele für neue gesundheitsbezogene Herausforderungen stellte Dr. Chan die Frage, ob die Staaten Gesetze zur Förderung und zum Schutz der Gesundheit ihrer Bürger erlassen und in dieser Hinsicht tätig werden könnten. „Es ist schwieriger, unsere Kinder vor Werbung für ungesunde Lebensmittel und Getränke zu schützen, als sie vor impfpräventablen Krankheiten zu bewahren. ... All diese neueren Anstrengungen können auf den erbitterten Widerstand mächtiger Akteure aus der Wirtschaft und ihrer ebenso mächtigen Interessenverbände stoßen." Sie wandte sich an die Delegierten mit der Frage „Wer bestimmt eigentlich die Politik, die unsere Gesundheit prägt?"

Bei den anschließenden Wortmeldungen unterstrichen zahlreiche Redner die Bedeutung einer rascheren Reform, die die WHO besser in die Lage versetzen solle, auf die gesundheitlichen Aspekte von Krisen zu reagieren, eine Notwendigkeit, die der Ebola-Ausbruch in Westafrika nur allzu deutlich gemacht habe. 

Die Generaldirektorin schloss mit der Mahnung, dass die WHO nur dann wirksam handeln könne, wenn sie Orientierungshilfe von den Mitgliedstaaten für die Priorisierung ihrer Maßnahmen erhalte, und stellte fest, dass die steigende Zahl der Krisen politische Lösungen erfordere, für die humanitäre Hilfe kein Ersatz sei.

Bericht des Zweiundzwanzigsten Ständigen Ausschusses des Regionalkomitees (SCRC)

Taru Koivisto, Vorsitzende des SCRC und Exekutivpräsidentin des RC65, berichtete, dass die fünf regulären Tagungen des SCRC im Zeitraum 2014–2015 den Vorbereitungen für das RC65 gedient hätten. Eine Arbeitsgruppe für die Umsetzung von „Gesundheit 2020" habe die Notwendigkeit einer Definition des Begriffs „ressortübergreifende Maßnahmen" und die Wichtigkeit der Schilderung von Beispielen für gute Praxis aus den Ländern erörtert. Eine Arbeitsgruppe für Führungsfragen habe Optionen für eine Verbesserung der Beteiligung nichtstaatlicher Organisationen (NGOs) an RC-Tagungen erkundet und vorgeschlagen, die Vorlage von Erklärungen von Konferenzen an das RC zur Zustimmung an vier Kriterien zu knüpfen.

Der Europäische Gesundheitsbericht 2015

Dr. Claudia Stein, Leiterin der Abteilung Information, Evidenz, Forschung und Innovation beim WHO-Regionalbüro für Europa, erläuterte den Schwerpunkt und die wichtigsten Ergebnisse des Berichts, der das Flaggschiff unter den Publikationen des WHO-Regionalbüros für Europa sei und am 23. September 2015 vorgestellt werden solle. Dem Bericht zufolge sei die Europäische Region der WHO zwar bei der Erfüllung der sechs Ziele des Europäischen Rahmenkonzepts „Gesundheit 2020" vorangekommen, doch bestehe noch erheblicher Handlungsbedarf in Bezug auf weitere gesundheitliche Zugewinne und den Abbau von Ungleichheiten. Neue Formen von Evidenz würden benötigt, um sinnvolle Aussagen über Wohlbefinden in der Europäischen Region zu treffen. Ferner habe das Regionalbüro eine App für Gesundheitsstatistiken zur Europäischen Region der WHO entwickelt, um den Zugang zu den Daten zu verbessern und ihre Filterung zu ermöglichen.

Die Mitgliedstaaten begrüßten den Bericht, und die Redner hoben vor, wie wichtig es sei, die kulturellen Rahmenbedingungen von Gesundheit und die wertvolle Arbeit der Europäischen Gesundheitsinformations-Initiative zu berücksichtigen.

Förderung ressort- und organisationsübergreifender Maßnahmen für mehr Gesundheit und Wohlbefinden

Die Regionaldirektorin gab eine Einführung zum Thema „ressortübergreifende Maßnahmen", das den Schwerpunkt der für den Rest von Tag 2 vorgesehenen Reihe von Ministerpodien und Debatten bildete. Derartige Maßnahmen seien zwar ein komplexes und kompliziertes Feld der konzeptionellen Entwicklung und Umsetzung, jedoch Voraussetzung für die Verwirklichung der Ziele von „Gesundheit 2020". Mit der Verabschiedung der SDG würden ressortübergreifende Maßnahmen erneut an Bedeutung gewinnen und alle Länder dazu aufgefordert, neue Konzepte für die Politiksteuerung zu verfolgen

Fortschritte bei der Umsetzung des Prozesses Umwelt und Gesundheit in Europa 

„Wir sind uns zunehmend dessen bewusst, dass es keine Alternative zur ressortübergreifenden Arbeit gibt, wenn die ehrgeizigen Ziele aus „Gesundheit 2020" verwirklicht werden sollen", erklärte die Regionaldirektorin während der Sitzung, die der Vorreiterrolle des Prozesses Umwelt und Gesundheit in Europa in Bezug auf bereichsübergreifendes Handeln gewidmet war. 

Die Delegierten bekräftigen die Notwendigkeit, weiter über alle Bereiche hinweg zusammenzuarbeiten, um Gesundheit 2020 umzusetzen und durch Umweltgefahren bedingte Krankheiten und Sterbefälle zu bekämpfen. In Anbetracht dessen, dass Gesundheit sich nicht auf den Gesundheitsbereich beschränke, sei ein gesamtstaatliches Engagement erforderlich, auch auf lokaler Ebene. 

Die Mitgliedstaaten forderten entschlossenere Maßnahmen in vorrangigen Themenbereichen wie Luftverunreinigung, Chemikaliensicherheit und Klimawandel. Sie empfahlen, sich bei den Vorbereitungen für die Sechste Ministerkonferenz Umwelt und Gesundheit auf einige wenige, klare und messbare Zielvorgaben zu konzentrieren, um dem Engagement mehr Wirkung zu verliehen.

Podiumsdiskussionen zur Rolle von Gesundheit in der nachhaltigen Entwicklung und in der Außenpolitik, zu den sozialen Determinanten von Gesundheit und zur Gesundheitskompetenz 

Minister und hochrangige Vertreter aus Andorra, Belarus, Deutschland, Frankreich, Portugal, San Marino, Schweden, der Schweiz, der Slowakei und Ungarn, die über breit gefächerte Erfahrungen in diesen Fragen verfügen, berichteten im Rahmen von Podiumsdiskussionen über ihre Einsichten und Erkenntnisse und gaben Empfehlungen ab. 

Professor Ilona Kickbusch vom Graduate Institute of International and Development Studies (Schweiz), die die Debatte über die Rolle von Gesundheit in der nachhaltigen Entwicklung und der Außenpolitik moderierte, beschrieb den engen Zusammenhang zwischen Außenpolitik und Gesundheit bei Flüchtlingskrisen, in Kriegszeiten und in Bezug auf Handel, Gesundheitssicherheit und Wissenschaftsdiplomatie. 

Themen, die sich im Laufe der Erörterungen abzeichneten, waren unter anderem die Notwendigkeit eines weiter gefassten Konzepts für die Bewältigung der globalen und nationalen Herausforderungen im Gesundheitsbereich und die Wechselbeziehungen zwischen Gesundheit und Wohlbefinden einerseits und wirtschaftlichem Wohlstand andererseits. Nationale Strategien zur Gesundheitsförderung seien entscheidend dafür, dass Gesundheit weiter einen hohen Stellenwert auf der politischen Tagesordnung hat. Die Podiumsteilnehmer erörterten die Bedeutung des Miteinanders und des Austausches von Erfahrungen und bewährten Praktiken für die Entwicklung von Prozessen, die auf die Gegebenheiten in den Ländern zugeschnitten seien. 

In einer Videobotschaft unterstrich Sir Michael Marmot (Vereinigtes Königreich), Leiter der Untersuchung über die sozialen Determinanten von Gesundheit in der Europäischen Region der WHO: „Gesundheit und gesundheitliche Chancengleichheit sind gewissermaßen ein soziales Prüfkriterium, das uns darüber Aufschluss gibt, wo wir bei der Schaffung der Gesellschaft stehen, die wir wollen." 

Den inhaltlichen Schwerpunkt der von Dr. Walter Ricciardi von der Katholischen Universität vom Heiligen Herzen (Italien) moderierten Podiumsdiskussion bildeten die sozialen Determinanten von Gesundheit und die Gesundheitskompetenz, wobei die Verflechtungen mit den Bereichen Bildung und Soziales und die diesbezügliche Politikkohärenz hervorgehoben wurden. Die Podiumsteilnehmer betonten, wie wichtig es sei, bei der Inangriffnahme der sozialen Determinanten einen Lebensverlaufansatz zu verfolgen, und zwar bereits ab einer frühen Lebensphase und in Umfeldern wie der Schule, um gesunde Verhaltensweisen zu fördern. Als positives Beispiel für ressortübergreifende Maßnahmen auf lokaler oder kommunaler Ebene wurde unter anderem angeführt, dass Planungsgremien städtische Räume für alle geöffnet hätten und dass einflussreiche Persönlichkeiten aus der Bevölkerung für die Gesundheitsförderung gewonnen worden seien.

Umsetzung von Gesundheit 2020: Erfahrungen und Erfolge Litauens 

ei einem Mittagessen für Minister schilderte die litauische Gesundheitsministerin, Rimantė Šalaševičiūtė, das Gesundheitsprogramm Litauens für 2014–2025 und nannte Beispiele für die ressortübergreifende Zusammenarbeit zwischen dem Bildungs- und dem Gesundheitsministerium bzw. zwischen dem Verkehrs-, dem Gesundheits- und dem Umweltministerium. Die Minister sahen ein Video mit dem Titel „Gemeinsame Maßnahmen für mehr Gesundheit und Wohlbefinden in Litauen". 

Fachinformationssitzung: nachhaltiges Fachkräfteangebot im Gesundheitswesen 

Professor James Buchan, Mitarbeiter am Europäischen Observatorium für Gesundheitssysteme und Gesundheitspolitik, erläuterte, dass die Informationssitzung eine Diskussion darüber anstoßen solle, wie in den Mitgliedstaaten und in der Region ein nachhaltiges Arbeitskräfteangebot im Gesundheitswesen geschaffen und aufrechterhalten werden kann, das der Stärkung der Gesundheitssysteme im Sinne von mehr Bürgernähe zugutekommt. Vier Podiumsteilnehmer legten dar, was Nachhaltigkeit des Arbeitskräfteangebots im Gesundheitswesen für sie bedeutet und wie die Regierungen einen Ausgleich zwischen der Notwendigkeit der Bindung des in ihren Ländern ausgebildeten Gesundheitspersonals und dem Recht der Bürger auf Bewegungsfreiheit schaffen sollten. 

Preis zum Weltnichtrauchertag für den Gesundheitsminister Albaniens

Die WHO-Generaldirektorin und die WHO-Regionaldirektorin für Europa verliehen Ilir Beqaj die Auszeichnung für sein Wirken bei der Eindämmung des Tabakkonsums. Er erhielt einen von sechs Preisen, die 2015 in der Europäischen Region vergeben wurden. Dr. Jakab lobte Ilir Beqaj dafür, dass „die Gesundheit der Menschen und die Zukunft der Gesellschaft für ihn an erster Stelle steht".

Zuwendungsvereinbarung zwischen dem Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria und 11 Mitgliedstaaten zugunsten der Tuberkulosebekämpfung

11 osteuropäische und zentralasiatische Länder und der Globale Fonds unterzeichneten eine neue

uwendungsvereinbarung im Wert von 6 Mio. US-$. Mit der auf drei Jahre angelegten Vereinbarung soll die Tuberkulosebekämpfung durch den Aufbau stärkerer Gesundheitssysteme, die Bereitstellung aktueller Modelle und einer nachhaltigen Finanzierung für eine patientenzentrierte Tb-Versorgung sowie das Eintreten für bewährte Praktiken in der Region gefördert werden.

Höhepunkte von Tag 3

  • Strategie der Europäischen Region der WHO zur Bewegungsförderung (2016–2025)
  • Fortschrittsbericht zur Tabakbekämpfung in der Europäischen Region der WHO (2015–2025)
  • Prioritäten für die Stärkung der Gesundheitssysteme (2015-2020)
  • Entwurf des Aktionsplans Tuberkulose für die Europäische Region der WHO (2016–2020)