Seminar zum Thema Gesundheitsfinanzierung für eine allgemeine Gesundheitsversorgung in russischer Sprache angeboten

WHO/ Misha Em

Zu dem ersten in russischer Sprache angebotenen Seminar der WHO in Barcelona zum Thema Gesundheitsfinanzierung für eine allgemeine Gesundheitsversorgung, das vom 24. bis 28. Juli 2017 in Issyk-Kul in Kirgisistan stattfand, kamen insgesamt 52 Teilnehmer aus elf Ländern.

Der einwöchige Intensivkurs wurde vom WHO-Regionalbüro für Europa zusammen mit dem WHO-Hauptbüro angeboten und von der Partnerschaft zwischen der EU, Luxemburg und der WHO für eine allgemeine Gesundheitsversorgung unterstützt.

Der Kurs befasste sich intensiv mit der postsowjetischen Hinterlassenschaft bei der Organisation der Gesundheitssysteme. Die Teilnehmer erörterten auch ausführlich Erfahrungen und Lehren der Länder bei der Umsetzung von Reformen in der Gesundheitsfinanzierung in den vergangenen 25 Jahren.

„Die Länder der ehemaligen Sowjetunion haben eine besondere Geschichte, die sich im Hinblick auf die Verwirklichung einer allgemeinen Gesundheitsversorgung von der anderer Länder in der Welt unterscheidet. So hatten bis 1990 alle Länder sog. „universelle Gesundheitssysteme“, bei denen jeder die begründete Erwartung hatte, im Bedarfsfall medizinisch versorgt zu werden. Doch 1990 erkannten wir die Kluft zwischen dem offiziellen Anspruch und der Realität, die oft durch Engpässe bei den Arzneimittelvorräten in Gesundheitseinrichtungen gekennzeichnet war. Also wurde in dieser Region viel Wert auf die Verbesserung der Effizienz als eine Schlüsselstrategie für die Verwirklichung der allgemeinen Gesundheitsversorgung gelegt, und dies gehörte zu den zentralen Themen, die während des Seminars eingehend erörtert wurden. Ich glaube, es war auch sehr wichtig, ein gegenseitiges Lernen zwischen den Ländern bei der Bewältigung dieser und anderer Herausforderungen auf ihrem Weg zu einer allgemeinen Gesundheitsversorgung zu ermöglichen”, erklärt Joseph Kutzin, Koordinator der WHO für Gesundheitsfinanzierung.

Die 52 Teilnehmer aus elf Ländern – Armenien, Aserbaidschan, Georgien, Kasachstan, Kirgisistan, Lettland, Republik Moldau, Russische Föderation, Tadschikistan, Ukraine und Usbekistan – bemühten sich um eine Erweiterung ihres Fachwissens im Bereich der Gesundheitsfinanzierung und der allgemeinen Gesundheitsversorgung. Das Seminar bestand aus einer Mischung aus Vorträgen, Gruppenarbeit, intensiven Hausaufgaben und Simulationsübungen.

„Es ist äußerst wichtig, dass wir diesen Kurs jetzt in russischer Sprache anbieten können. In diesem Teil der Welt spielt die allgemeine Gesundheitsversorgung eine wesentliche Rolle, da die Bürger hohe Zuzahlungen leisten müssen. Aus unserer neuen Studie geht hervor, dass ruinöse Gesundheitsausgaben weit verbreitet sind. Die allmähliche Verwirklichung einer allgemeinen Gesundheitsversorgung ist auf der politischen Tagesordnung aller beteiligten Länder, aber bisher gibt es keine Schulungen in russischer Sprache über die Stärkung der Gesundheitssysteme und den Themenkomplex Gesundheitsfinanzierung. Deshalb haben wir beschlossen, diese Schulung hier anzubieten, und zwar zu einer Zeit, in der die Länder Reformen in der Gesundheitsfinanzierung und in den Gesundheitssystemen durchführen und in der die Kapazitäten weiter ausgebaut werden müssen“, kommentiert Dr. Melitta Jakab, Leitende Gesundheitsökonomin beim WHO-Regionalbüro für Europa und Leiterin des Kurses.

Ausrichtung der Reformen in der Gesundheitsfinanzierung: von der Analyse der Grundursachen bis zur Koordinierung der Reformen

Das Seminar zielte auf eine eingehende Erörterung der zentralen Funktionen der Gesundheitsfinanzierung – Schaffung einer soliden Einnahmenbasis, Bündelung von Versicherungsbeiträgen und Gestaltung eines Leistungspakets – sowie der Steuerung der Gesundheitsfinanzierung und der Koordinierung der Reformanstrengungen im Gesundheitswesen ab.

Ein inhaltlicher Schwerpunkt lag auf der richtigen Abfolge bei der Gestaltung der Reformen. Die Teilnehmer wurden in die Methodologie der tiefen Situationsanalyse eingeführt und erhielten den Rat, künftige Reformen in Abhängigkeit von den jeweiligen örtlichen Rahmenbedingungen und den bestehenden Herausforderungen zu gestalten. Das Seminar befasste sich auch mit der Frage, wie Grundsatzinstrumente mit Grundsatzzielen in Einklang gebracht werden können.

Sammlung verschiedener Perspektiven durch breite Beteiligung von Akteuren

An der Veranstaltung nahmen Vertreter verschiedener staatlicher Organe teil, darunter Gesundheitsministerien, Finanzministerien, Parlamente, Beschaffungsstellen und Kommunalbehörden. Aufgrund einer breiten Beteiligung und der unterschiedlichen Rollen der Teilnehmer bei der Umsetzung der Reformen in der Gesundheitsfinanzierung kamen in den Diskussionen eine Vielzahl von Perspektiven zur Sprache. So wurden Einblicke aus verschiedenen beruflichen Hintergründen zu einer Vielzahl von Themen zusammengetragen, darunter fiskalische Sachzwänge, das Bekenntnis zur allgemeinen Gesundheitsversorgung, geringe Effizienz von Leistungen und politische Herausforderungen bei der Optimierung des Netzes für die Leistungserbringung.

Anwendung von Wissen bei der Ausarbeitung umsetzbarer Reformpläne

Während des Seminars wurden die Teilnehmer gebeten, jeweils einen Reformplan für ihr Land auszuarbeiten. Die Arbeit begann mit einer tiefgreifenden Analyse der Situation vor Ort, auf deren Grundlage dann mögliche Handlungsfelder festgelegt wurden. Anstatt auf den üblichen modellgestützten Ansatz für künftige Reformen zurückzugreifen, arbeiteten die Teilnehmer anhand des Rahmens mit den Funktionen der Gesundheitsfinanzierung Reformpläne aus.

Am Ende der Veranstaltung hatte jedes Land die Gelegenheit, seine Pläne zu präsentieren und von den Vortragenden und den anderen Kursteilnehmern Rückmeldung zu erhalten.

Rückmeldung von den Teilnehmern

„Ich hatte eigentlich erwartet, dass sich der Kurs primär mit Fragen der Gesundheitsfinanzierung befassen würde, doch das Themenspektrum war breiter: Gesundheitsleistungen für die Bevölkerung, die Qualität der Versorgung, ein besserer Zugang zu Arzneimitteln und andere Reformen zur Unterstützung der allgemeinen Gesundheitsversorgung. Durch diesen Kurs habe ich die Gefahren der Fragmentierung der Gesundheitsversorgung verstanden, die sowohl in der Gesundheitsfinanzierung als auch in der Leistungserbringung bestehen“, sagt Timur Sultangaziyev, Leiter der Abteilung Projektmanagement beim kasachischen Gesundheitsministerium.

„Für mich war es sehr wichtig, mir einerseits neues Wissen anzueignen und andererseits auch die Gelegenheit zu erhalten, von den Erfahrungen anderer Länder aus unserer Region zu lernen. In Armenien führen wir gerade Gesundheitsreformen durch, und dieses Seminar hat mir sehr gute Einblicke in Fragen des strategischen Einkaufs und der selektiven Auftragsvergabe ermöglicht“, berichtet Ani Harutyunyan, Leiterin der Abteilung Finanzen und Ökonomie beim armenischen Gesundheitsministerium.

„Meine Erwartung bestand darin, Optionen für die Verbesserung der Versorgungsqualität durch die Reform der Gesundheitsfinanzierung zu untersuchen. Ich habe die benötigten Informationen erhalten und werde sie bei der Einführung des strategischen Einkaufs von Gesundheitsleistungen in meinem Land anwenden, die für 2018 vorgesehen ist”, erzählt Olga Andrejevska, Abteilungsleiterin bei der Nationalen Gesundheitsbehörde in Lettland.

„In der Ukraine sind wir dabei, eine allgemeine Gesundheitsversorgung zu verwirklichen. Auf diesem Weg spielt die Gestaltung von Gesundheitsleistungen eine wesentliche Rolle, damit die Patienten wissen, welche Leistungen vom Staat erstattet werden. Für uns war es sehr wichtig zu verstehen, wie Ausgaben geplant werden, wie der Einkauf von Dienstleistungen funktioniert und wie der Übergang von einer einfachen Finanzierung von Einrichtungen zum Einkauf von Leistungen aussieht. Dank dieses Seminars habe ich verstanden, was wir in unserer Region tun müssen. Wir brauchen unbedingt mehr Kurse wie diesen in der Ukraine“, erklärt Victor Lysak, Leiter der Gesundheitsabteilung bei der Regionalen Staatsverwaltung Poltava.