Gesundheit in Zeiten der Austeritätspolitik: Die WHO auf dem Europäischen Gesundheitsforum Gastein

HFG 2012

Zsuzsanna Jakab, WHO-Regionaldirektorin für Europa, bei ihrer Ansprache auf der Eröffnungssitzung des Europäischen Gesundheitsforums Gastein. Foto: EHFG 2012

In ihrer Rede während der Eröffnungssitzung des 15. Europäischen Gesundheitsforums Gastein, das vergangene Woche in Bad Hofgastein (Österreich) stattfand, unterstrich Zsuzsanna Jakab, WHO-Regionaldirektorin für Europa, den entscheidenden Beitrag des Gesundheitswesens zur Volkswirtschaft. Sie hob auch hervor, dass Investitionen in die Bereiche öffentliche Gesundheit, Gesundheitsförderung und Krankheitsprävention zu Zeiten knapper öffentlicher Kassen wesentlich zur Begrenzung des Kostenanstiegs in den Gesundheitssystemen aufgrund nichtübertragbarer Krankheiten (Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, alkoholbedingte Schäden, Adipositas, Straßenverkehrsunfälle) beitrügen.

Die Behandlung nichtübertragbarer Krankheiten ist für einen beträchtlichen Teil der Gesundheitsausgaben verantwortlich. So fallen etwa in der Europäischen Union allein für die Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen Kosten in Höhe von 169 Mrd. € pro Jahr an, was 62% der Gesundheitsausgaben insgesamt entspricht. Durch fiskalische Konzepte wie die Erhöhung der Steuern auf Alkohol und Tabak kann die Belastung durch nichtübertragbare Krankheiten reduziert werden. Generell kann eine Bekämpfung der Grundursachen von Krankheit, eine Vermeidung pauschaler Haushaltskürzungen, eine Verbesserung der staatlichen Ausgaben für einkommensschwache und anfällige Gruppen und eine Rationalisierung des Gebrauchs von Arzneimitteln und Technologien wie auch der Leistungserbringung den Ländern dabei behilflich sein, in wirtschaftlichen Krisenzeiten die Gesundheit der Bevölkerung zu erhalten.

Auf der Eröffnungssitzung stellte Frau Jakab auch offiziell das Rahmenkonzept der Europäischen Region für mehr Gesundheit und Wohlbefinden, „Gesundheit 2020“, vor. Darin werden durch mehr Kohärenz zwischen den Konzepten und Programmen die Länder bei der Bewältigung der gegenwärtigen Herausforderungen und bei der Nutzung von Chancen zur Verbesserung von Gesundheit und Wohlbefinden unterstützt.

Darüber hinaus veranstaltete die WHO gleichzeitig auch eine Sitzung, die sich mit der Planung und Umsetzung von Programmen gegen nichtübertragbare Krankheiten in den Ländern Osteuropas und Zentralasiens befasste; deren Ziele waren:

  • Bestandsaufnahme von Entwicklungen auf globaler und regionaler Ebene in den Bereichen Prävention und Bekämpfung, und Festlegung eines Instrumentariums einschlägiger Interventionen gegen nichtübertragbare Krankheiten sowie zur Stärkung der Gesundheitssysteme;
  • Einholung von Rückmeldungen in Bezug auf die Möglichkeit der Einführung regionsweit abgestimmter Maßnahmen zur Prävention und Bekämpfung nichtübertragbarer Krankheiten;
  • Ausarbeitung eines Plans für die technische Unterstützung einzelner Länder und die Zusammenarbeit mit ihnen.

Organisation des Gesundheitswesens

In ihrer Rede auf dem Forum äußerte sich Frau Jakab auch zur Thematik der globalen Organisation des Gesundheitswesens. Da heute immer mehr unterschiedliche Gruppen ein Interesse an Gesundheitsfragen zeigten, komme der Arbeit der WHO auch künftig erhebliche und teilweise sogar noch zunehmende Bedeutung zu, und mit „Gesundheit 2020“ würden die Voraussetzungen für ein gesamtstaatliches und gesamtgesellschaftliches Handeln zur Förderung von Gesundheit und Wohlbefinden geschaffen. Die Regionaldirektorin fügte hinzu, die Arbeit der verschiedenen maßgeblichen Akteure müsse wirksamer koordiniert und optimiert werden; dies könne durch den Aufbau von Netzwerken und ein Zusammenwirken mit der Zivilgesellschaft von der lokalen bis zur überstaatlichen Ebene geschehen. Als Beispiele nannte sie die verstärkte Zusammenarbeit mit der Europäischen Kommission und der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD).

Die Thematik der Führung von Gesundheitssystemen wurde während des Forums in mehreren Sitzungen erörtert. Das WHO-Regionalbüro für Europa organisierte einen Workshop zu der Frage, wie derartige Steuerungsmaßnahmen dazu beitragen, die langfristige Nachhaltigkeit von Gesundheitssystemen zu gewährleisten, und wie eine weitere Verzahnung der Systeme und eine Koordinierung der Versorgung zu mehr Effizienz führen können.

Das Regionalbüro nahm ferner an einem von der Russischen Akademie der Wissenschaften organisierten Workshop über die Auswirkungen der Finanzkrise auf die Gesundheitssysteme in der Russischen Föderation und anderen Mitgliedstaaten der Gemeinschaft unabhängiger Staaten sowie an zwei weiteren parallel stattfindenden Foren teil, die sich mit der Nachhaltigkeit von Gesundheitssystemen und den Herausforderungen für die öffentliche Gesundheit im Jahr 2050 befassten und von der OECD bzw. der Generaldirektion Forschung der Europäischen Kommission organisiert wurden.

Klimawandel, ein Beispiel für Politiksteuerung in einem multilateralen Umfeld

Das Regionalbüro nahm an einer Podiumsdiskussion zum Thema Politiksteuerung teil, deren Schwerpunkt auf Erfahrungen mit der Berücksichtigung gesundheitlicher Belange in multilateralen Übereinkünften wie dem Rahmenübereinkommen der Vereinten Nationen über Klimaänderungen lag. Der Prozess Umwelt und Gesundheit in Europa ist von entscheidender Bedeutung für die Geltendmachung gesundheitlicher Belange in den internationalen Verhandlungen über den Klimaschutz. Zu den wesentlichen Erfolgen zählen die systematische Gewinnung von Evidenz für die Politikgestaltung, die Einbeziehung führender nationaler Politiker in praktische Maßnahmen und die Einbindung von sozialen Medien, qualifizierten jungen Berufstätigen und Interessengruppen.

Kommunikation von Gesundheitsthemen

Das Regionalbüro nahm auch an einer Podiumsdiskussion über den Einfluss der sozialen Medien auf das Gesundheitsverhalten teil. Die Teilnehmer erkannten an, dass die sozialen Medien eine Chance für einen Dialog zu Themen wie Immunisierung bieten, dass jedoch mehr getan werden müsse, um nähere Erkenntnisse über gefährdete Gruppen gewinnen und sie auf möglichst wirksame Weise ansprechen zu können.