Neuer Bericht der WHO verdeutlicht: Strategische Beschaffung von Medikamenten kann die Verfügbarkeit in der Europäischen Region verbessern

© WHO/Marcus Garcia

Ein neuer Bericht der WHO gibt darüber Aufschluss, wie die Länder der Europäischen Region der WHO durch strategische und gut durchdachte Beschaffungsverfahren die Verfügbarkeit von Medikamenten verbessern und deren Preise senken können. Er untersucht die Wirkung verschiedener öffentlicher Beschaffungsverfahren auf die Versorgungssicherheit und auf die Arzneimittelpreise. Er befasst sich auch mit Fragen der Zusammenarbeit zwischen wie auch innerhalb von Ländern zur Verbesserung der Bezahlbarkeit von Medikamenten für die Patienten in der Europäischen Region.

Bei der Beschaffung neuer Medikamente und Gesundheitstechnologien verfügen die Länder in der Europäischen Region über unterschiedliche Fähigkeiten und Verhandlungsmacht. Dementsprechend können die Preise, die ein Land für Medikamente zahlen muss, unverhältnismäßig hoch ausfallen und seine Kaufkraft weit übersteigen.

Eine der in dem Bericht zitierten Studien veranschaulicht das Problem. Darin werden die Werksabgabepreise zweier neuer Medikamente zur Behandlung von Hepatitis C – Sofosbuvir und Ledipasvir-Sofosbuvir – verglichen, mit dem Ergebnis, dass die Kosten der Behandlung der gesamten mit Hepatitis C infizierten Bevölkerung in den 30 untersuchten Ländern zwischen 10,5% der Gesamtausgaben für Medikamente (Niederlande) und 190,5% (Polen) liegen würden. Der Preis einer einzelnen Behandlung mit Sofosbuvir entsprach dem 5,28-Fachen eines durchschnittlichen Jahresgehalts in der Türkei. Der hohe Preis von Ledipasvir-Sofosbuvir in England hat den National Health Service dazu veranlasst, die Behandlung auf die schwersten Erkrankungsfälle zu beschränken.

Hanne Bak Pedersen, Programmleiterin für Gesundheitstechnologien und Arzneimittel in der Abteilung Gesundheitssysteme und öffentliche Gesundheit beim WHO-Regionalbüro für Europa, erklärt: „Die Stärkung von Beschaffungswesen und Angebotssteuerung ist ein wesentlicher Bestandteil der Anstrengungen der Länder zur Sicherung der Versorgung mit hochwertigen Medikamenten zu erschwinglichen Preisen.“

Gemeinsame länderübergreifende Beschaffung

In dem Bericht wird untersucht, wie die Versorgung mit Medikamenten weiter verbessert werden kann, wenn Länder bei der Beschaffung regional oder subregional zusammenarbeiten. Kooperationen dieser Art können auf verschiedenen Ebenen erfolgen und von aufgeklärtem Einkauf – bei dem die beteiligten Länder Informationen über Preise, Anbieter und Methoden der Gesundheitstechnologiebewertung austauschen, aber ihre eigene Beschaffungspraxis verfolgen –  bis zu einer zentralen Auftragsvergabe und Beschaffung reichen, bei der die beteiligten Länder über eine gemeinsame Einkaufsstelle gemeinsame Ausschreibungen veranstalten. Die Länder haben in den letzten Jahren gemeinsam die Schaffung einer Reihe derartiger Kooperationen angestrebt, darunter die Beneluxa-Gruppe und das Nordische Forum.

Bei der Ausarbeitung des Berichts hat das WHO-Regionalbüro für Europa in Zusammenarbeit mit Partnern Beschaffungsverfahren dargestellt, die gegenwärtig in den Ländern in der Europäischen Region angewandt werden. Diese Analyse floss in die Diskussionen auf der Konsultation der WHO über ein strategisches Beschaffungswesen ein, die im September 2016 in Kopenhagen stattfand und auf der Vertreter der staatlichen Beschaffungsämter aus 42 Ländern von ihren Erfahrungen berichteten.

Bedeutung für die Politik der EU

Die Verstärkung der Zusammenarbeit zwischen den Gesundheitssystemen in Europa ist auch ein vorrangiges Ziel der Politik der Europäischen Union. Während der bevorstehenden Präsidentschaft Maltas von Januar bis Juni 2017 werden die maßgeblichen Akteure auf einem Fachseminar am 1. und 2. März 2017 weiter über eine strukturierte Zusammenarbeit beraten. Die Ergebnisse dieser Veranstaltung werden in eine Ministertagung am 20. März 2017 einfließen, die die politische Zielrichtung für die Ausarbeitung von Schlussfolgerungen des Europäischen Rates zu diesem Thema vorgeben soll.

Zugang zu Medikamenten entscheidend für gesundheitspolitische Prioritäten in Europa und weltweit

Die WHO unterstützt die Länder bei der Ausarbeitung und Umsetzung von Strategien zur Eindämmung der Kosten und zur Optimierung des Gebrauchs medizinischer Produkte. Für die Übergangsländer bedeutet dies eine Hilfe bei der Einführung und Unterstützung von Regulierungs-, Preisgestaltungs- und Kostenerstattungssystemen sowie in Bezug auf andere angebotsbezogene Fragen. Dr. Hans Kluge, Direktor der Abteilung Gesundheitssysteme und öffentliche Gesundheit, kommentiert: „Die Versorgung mit hochwertigen und bezahlbaren Arzneimitteln und Gesundheitsleistungen ist ein zentraler Bestandteil des Strebens der Europäischen Region nach einer allgemeinen Gesundheitsversorgung und steht vollständig im Einklang mit den Zielen für die Stärkung der Gesundheitssysteme.“

Die Arbeit der WHO auf diesem Gebiet trägt zur Verwirklichung mehrerer der 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung bei, darunter die Zielvorgaben 3.8 („Den Zugang zu sicheren, wirksamen, hochwertigen und bezahlbaren unentbehrlichen Arzneimitteln und Impfstoffen für alle erreichen“), 3.b („Forschung und Entwicklung zu Impfstoffen und Medikamenten ... unterstützen“), 5.6 („Den allgemeinen Zugang zu sexueller und reproduktiver Gesundheit gewährleisten“) sowie die Ziele 12 („Nachhaltige Konsum- und Produktionsmuster sicherstellen“) und 17 („Die Globale Partnerschaft für nachhaltige Entwicklung mit neuem Leben erfüllen“).

Die Thematik der Verbesserung des Zugangs zu Medikamenten in der Europäischen Region wird auch auf der Tagesordnung der 67. Tagung des WHO-Regionalkomitees für Europa stehen, die im September 2017 in Budapest stattfindet.