Neubelebung der primären Gesundheitsversorgung für das 21. Jahrhundert

Auf der Globalen Konferenz über primäre Gesundheitsversorgung, die am 25. und 26. Oktober 2018 in Astana stattfand, erneuerten 1200 Delegierte aus mehr als 120 Ländern ihr Bekenntnis zur Stärkung der primären Gesundheitsversorgung. Zu Beginn der Veranstaltung hieß Dr. Hans Kluge, Direktor der Abteilung Gesundheitssysteme und öffentliche Gesundheit beim WHO-Regionalbüro für Europa, die Delegierten in Astana willkommen.

In der eröffnenden Plenarsitzung wurde die bahnbrechende Erklärung von Alma-Ata aus dem Jahr 1978 gewürdigt, in der erstmals die Bedeutung der primären Gesundheitsversorgung unterstrichen und die gesundheitliche Chancengleichheit auf die internationale Tagesordnung gesetzt wurde. In ihrer Ansprache erinnerte Dr. Zsuzsanna Jakab, WHO-Regionaldirektorin für Europa, die Zuhörer daran, wie die Erklärung auch heute noch als Richtschnur für unsere Arbeit dient. In Anwesenheit führender Politiker aus aller Welt betonte sie: „Es ist unsere Pflicht, ein neues Zeitalter in der primären Gesundheitsversorgung einzuläuten, in dem die Umsetzungsarbeit und die kollektiven Maßnahmen beschleunigt werden, um ein für alle Mal einen auf die primäre Gesundheitsversorgung gestützten Ansatz zu verwirklichen.

Erbolat Dossaev, der Stellvertretende Ministerpräsident Kasachstans, hob in seiner Ansprache an das Plenum hervor, dass Investitionen in die primäre Gesundheitsversorgung heute immer noch so wichtig seien wie vor 40 Jahren. Prävention und Früherkennung einer Krankheit im Rahmen der primären Gesundheitsversorgung seien kosteneffektiver als ihre Behandlung im Krankenhaus.

Europäische Region führend bei Innovationen in der primären Gesundheitsversorgung

Im Anschluss an die Eröffnungssitzung fand eine Podiumsdiskussion mit Teilnehmern aus allen sechs Regionen der WHO statt, die Regierungen, die Zivilgesellschaft und die Jugend sowie zwischenstaatliche Organisationen repräsentierten.

In seinen Ausführungen griff Rifat Atun, Professor für Gesundheitssysteme in aller Welt an der Harvard University, die Botschaften aus dem Bericht „Von Alma-Ata bis Astana: Primäre Gesundheitsversorgung – Reflektion über die Vergangenheit, Veränderungen für die Zukunft“ auf, der vom WHO-Regionalbüro für Europa als Hintergrunddokument für die Konferenz erstellt worden war. Er erklärte, dass die Europäische Region in Bezug auf Innovationen in der primären Gesundheitsversorgung eine Führungsrolle einnehme, da sie in Menschen, Partnerschaften und Foren investiert und auf die Stärkung des politischen Willens gesetzt habe.

Yana Panfilova aus der Ukraine, die im Namen von mit HIV lebenden Jugendlichen das Wort ergriff, sprach von deren Bedürfnissen beim Zugang zu Gesundheitsleistungen und zu einer patientenorientierten Gesundheitsversorgung. Yana ist die Gründerin der Organisation Teenergizer, in der sich Jugendliche mit oder ohne HIV zusammenschließen und die auch Peer-to-peer-Schulungen anbietet.

Annahme der Erklärung von Astana

Eine Plenarsitzung mit Beteiligung der anwesenden Minister befasste sich mit dem gesamtstaatlichen Ansatz für eine Stärkung der primären Gesundheitsversorgung. An dieser vom kasachischen Gesundheitsminister, Dr. Yelzhan Birtanov, moderierten Sitzung nahmen u. a. der Ministerpräsident Kasachstans, Bakytzhan Sagintayev, der WHO-Generaldirektor, Dr. Tedros Ghebreyesus, die Exekutivdirektorin des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen (UNICEF), Henrietta Fore, der Premierminister von Samoa, Tuilaepa Aiono Sailele Malielegaoi, der Stellvertretende Premierminister von Nepal, Upendra Yadav, und der Europäische Kommissar für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, Dr. Vytenis Andriukaitis, teil.

Die Plenarsitzung befasste sich mit den vergangenen 40 Jahren und setzte sich zum Ziel, mit der Erklärung von Astana als Ausgangspunkt eine Bewegung zur Stärkung der primären Gesundheitsversorgung als Grundlage für die allgemeine Gesundheitsversorgung zu schaffen und die Ziele für nachhaltige Entwicklung zu erfüllen.
Anschließend wurde die Erklärung von Astana von den Mitgliedstaaten einstimmig angenommen. Sie enthält Zusagen in folgenden vier zentralen Bereichen:

  • kühne politische Entscheidungen zur Förderung von Gesundheit in allen Politikbereichen;
  • Aufbau einer nachhaltigen primären Gesundheitsversorgung;
  • Befähigung von Einzelpersonen und Gemeinschaften zu selbstbestimmtem Handeln;
  • Zuordnung maßgeblicher Akteure zur Unterstützung für nationale Konzepte, Strategien und Pläne.

„Heute haben wir statt Gesundheit für alle Gesundheit für einige“, erklärte Dr. Ghebreyesus. „Wir alle tragen eine feierliche Verantwortung dafür, dass die heutige Erklärung zur primären Gesundheitsversorgung alle Menschen überall auf der Welt in die Lage versetzt, ihr grundlegendes Recht auf Gesundheit in Anspruch zu nehmen.“

Einbindung von Leistungsangeboten in die primäre Gesundheitsversorgung

Eine vom Europäischen Zentrum der WHO für primäre Gesundheitsversorgung organisierte Parallelsitzung für die Minister befasste sich mit der Frage, wie die Bereitstellung von Leistungsangeboten wirksam in den Rahmen der primären Gesundheitsversorgung eingebunden werden kann, damit die Bevölkerung je nach Bedarf und örtlichen Gegebenheiten die richtigen Leistungen zur rechten Zeit am richtigen Ort erhält.

Während der Sitzung berichtete der litauische Gesundheitsminister Aurelijus Veryga von dem in seinem Land neu eingeführten Anreizsystem. Mirella Minkman, Professorin für Innovation an der TIAS School for Business and Society in den Niederlanden, unterstrich die Bedeutung einer Überarbeitung und Neuausrichtung des Systems hin zu mehr Bürgernähe, bei dem Teams der primären Gesundheitsversorgung professionelle Versorgungsnetze bilden.

Eric de Roodenbeke, Vorstandsvorsitzender der International Hospital Federation in der Schweiz, sprach von der Notwendigkeit einer Neudeutung der Rolle von Krankenhäusern als Orten für die Bevölkerungsgesundheit und die Förderung eines auf die primäre Gesundheitsversorgung gestützten Ansatzes.

Primäre Gesundheitsversorgung für die Gesundheit von Migranten – ein ökonomisches Plädoyer

Diese vom WHO-Regionalbüro für Europa und der Internationalen Organisation für Migration gemeinsam organisierte Nebenveranstaltung bot eine Gelegenheit zum Austausch von Erkenntnissen und Erfahrungen zwischen den Ländern unter Berücksichtigung des sozioökonomischen Aspekts einer Verbesserung der Zugänglichkeit der Gesundheitsversorgung für Migranten. Regierungen aus mehreren Regionen haben die Notwendigkeit anerkannt, sich zur Förderung von gesundheitlicher Chancengleichheit und Gesundheitssicherheit mit den gesundheitlichen Bedürfnissen und Anfälligkeiten von Flüchtlingen und Migranten auseinanderzusetzen. Ein Ausschluss von Migranten von der Gesundheitsversorgung hat nicht nur Gesundheitsrisiken für Einzelpersonen und eine Verletzung der Rechte der Migranten zur Folge, sondern gefährdet auch die Verwirklichung von Zielen der öffentlichen Gesundheit insgesamt. Die Teilnehmer hoben hervor, dass die primäre Gesundheitsversorgung das Mindestpaket an Leistungen sei, das für alle Flüchtlinge und Migranten zur Verfügung gestellt werden müsse.

Pressekonferenz

Die gemeinsame Pressekonferenz erhielt regen Zulauf von in Kasachstan tätigen Vertretern von Druckmedien, Nachrichtenagenturen und Rundfunk aus dem In- und Ausland. Die Teilnehmer – Dr. Yelzhan Birtanov, Dr. Tedros Ghebreyesus, Dr. Zsuzsanna Jakab und Henrietta Fore – kündigten gegenüber der Presse die Unterzeichnung der Erklärung von Astana an und begrüßten das Bekenntnis aller beteiligten Parteien zur primären Gesundheitsversorgung als Grundlage für leistungsfähige Gesundheitssysteme und eine allgemeine Gesundheitsversorgung. Die Veranstaltung fand über das Gastland hinaus ein reges Interesse in den Medien.

Ökonomische Argumente für die primäre Gesundheitsversorgung

Die Formulierung ökonomischer Argumente für verstärkte Investitionen in die primäre Gesundheitsversorgung durch einen intensiveren Dialog mit den Finanzministerien war das Thema der eröffnenden Plenarsitzung am zweiten Tag der Konferenz. In seiner Einführung hob Dr. Hans Kluge vier zentrale Punkte von Interesse für die Finanzministerien hervor:

In Ländern mit niedrigem, mittlerem und hohem Volkseinkommen haben die anhand eines Ansatzes der primären Gesundheitsversorgung organisierten Gesundheitssysteme nachweislich einen positiven Einfluss auf die Bevölkerungsgesundheit insgesamt, was wiederum in makroökonomischer Hinsicht von Nutzen ist.

  • Ein verbesserter Zugang zur primären Gesundheitsversorgung und eine Kontinuität der Versorgung werden mit einer Verringerung der Zahl vermeidbarer Erst- und Wiedereinweisungen ins Krankenhaus und generell der Gesundheitskosten in Verbindung gebracht.
  • Mehrfacherkrankungen stellen in allen Ländern eine Herausforderung dar, und die primäre Gesundheitsversorgung ist die wirksamste Abwehr gegen deren Anstieg.
  • Die primäre Gesundheitsversorgung bietet eine Anlaufstelle für eine Vielzahl hochgradig kosteneffektiver Präventionsangebote.

In derselben Sitzung wies Søren Brostrøm, Generaldirektor in der dänischen Gesundheitsbehörde, darauf hin, dass die Gesamthöhe der Gesundheitsausgaben in Dänemark sich auf 27,5 Mrd. € pro Jahr belaufe, von denen ein Großteil durch öffentliche Mittel finanziert werde. Er betonte, dass eine Forderung nach höheren staatlichen Ausgaben nicht sinnvoll sei, sondern dass es vielmehr gelte, die Mittel effizienter auszugeben. Für Verhandlungen mit den Finanzministerien über Investitionen in die primäre Gesundheitsversorgung empfahl er folgende drei Argumente:

  • Mehr Gegenwert in der Gesundheitsversorgung: Krankenhausleistungen kosten immer mehr als vergleichbare ambulante Leistungen.
  • Bessere Gesundheitsversorgung für die Investitionen: Krankenhäuser sind für die Behandlung von Personen bestimmt, die eine fachärztliche Versorgung benötigen, und können zur Überdiagnose und Überbehandlung neigen. Eine gemeindenahe Versorgung ist eine deutlich bessere Investition, vor allem in Bezug auf nichtübertragbare Krankheiten und psychische Gesundheit.
  • Eine Verlagerung von Leistungen vom Krankenhauswesen in die primäre Gesundheitsversorgung kann den Krankenhäusern ein wirksameres Arbeiten ermöglichen, indem sie sich verstärkt auf die fachärztliche Versorgung verlegen. Wenn Menschen mit alltäglichen Erkrankungen, die sich ohne weiteres wirksam in der primären Gesundheitsversorgung behandeln lassen, ins Krankenhaus gehen, dann kann dieses seine Kapazitäten für die Behandlung komplexer Fälle nicht mehr aufrechterhalten und aktualisieren.

Psychosoziale Angebote in der primären Gesundheitsversorgung: Illusion oder Inklusion?

Trotz deutlicher Hinweise auf die Notwendigkeit einer Aufnahme der psychischen Gesundheitsversorgung als zentrales Element der primären Gesundheitsversorgung sowie auf dafür geeignete Mechanismen bleibt dies in den meisten Ländern eine weitgehend unerfüllte Zielsetzung. Dieser Umstand trägt zu den gegenwärtig bestehenden Behandlungslücken für Menschen mit psychischen Störungen und psychosozialen Behinderungen bei. Zu den Rednern in dieser Sitzung gehörten zwei kasachische Jugendliche mit eigenen Erfahrungen mit psychischen Gesundheitsproblemen sowie Vertreter Chiles, Sri Lankas, Bosnien und Herzegowinas und Kasachstans. Ferner schilderten einige im Bereich der psychischen Gesundheit und Behinderungen tätige internationale nichtstaatliche Organisationen ihre Erfahrungen. Die Teilnehmer befassten sich mit Erfolgen wie auch Hindernissen in Bezug auf die Einbindung der psychischen Gesundheit in die primäre Gesundheitsversorgung, bestimmten entscheidende Hebel für eine angemessene und verstärkte Integration und hoben innovative Praktiken hervor, die in Zukunft der Gestaltung des Systems und der Leistungserbringung zuträglich sein können.

Abschluss

In der abschließenden Sitzung präsentierte die Stellvertretende Bürgermeisterin von Rennes, Charlotte Marchandise, die Proklamation der Tagung der Bürgermeister von Almaty und brachte das Bekenntnis des Gesunde-Städte-Netzwerks der Europäischen Region zur Erklärung von Astana zum Ausdruck: „Wenn es um Gesundheit geht, brauchen wir die Kommunalverwaltungen. Wir müssen den Menschen, die in unseren Städten leben, arbeiten, lieben und spielen, zu einem gesunden Leben verhelfen.“

Auch Dr. Zsuzsanna Jakab ergriff zum Schluss nochmals das Wort: „Die Erklärung von Astana ist ein Appell zu verstärktem Handeln, der uns dazu befähigen sollte, die primäre Gesundheitsversorgung in allen unseren Ländern Wirklichkeit werden zu lassen. Unser gemeinsames Ziel, eine allgemeine Gesundheitsversorgung zu verwirklichen, steht und fällt mit unserem Engagement und unserer Fähigkeit, diese Erklärung in die Praxis umzusetzen.“

Sonderausgabe des Lancet zum Thema primäre Gesundheitsversorgung

In einer Veranstaltung am zweiten Tag der Konferenz in Astana veröffentlichte das Fachjournal The Lancet eine Sonderausgabe zum Thema primäre Gesundheitsversorgung. Diese enthält auch einen von Dr. Tedros Ghebreyesus, Dr. Zsuzsanna Jakab, Henrietta Fore und Dr. Yelzhan Birtanov gemeinsam verfassten Artikel über primäre Gesundheitsversorgung im 21. Jahrhundert. Darin heißt es: „Eine leistungsfähige primäre Gesundheitsversorgung, die auf einer aktiven Beteiligung der Bürger basiert, bildet die Grundlage für jedes Gesundheitssystem, ohne die kein Land Gesundheit für alle erreichen kann.“ Die Sonderausgabe beinhaltet auch Kommentare von Autoren der WHO, die untersuchen, wie die primäre Gesundheitsversorgung zur Verwirklichung einer allgemeinen Gesundheitsversorgung beitragen kann, und die sich mit der Bedeutung einer Verankerung des Pflege- und Hebammenwesens im Mittelpunkt der Vision von Alma-Ata befassen. Die vollständige Ausgabe kann über den nachstehenden Link eingesehen werden.

Veranstaltungen im Vorfeld der Konferenz in Almaty

Wissenschaftliche Konferenz: An der Schnittstelle zwischen Politik, Forschung, Bildung und Praxis in der primären Gesundheitsversorgung

Zwei Tage vor Beginn der Globalen Konferenz über primäre Gesundheitsversorgung versammelten sich Gesundheitsfachkräfte, Wissenschaftler und Führungskräfte aus der gesamten Europäischen Region in Almaty, um die vielfältigen Facetten der primären Gesundheitsversorgung zu beleuchten. Die wissenschaftliche Konferenz diente der Bestandsaufnahme der Erfolge in den vier Jahrzehnten seit Annahme der Erklärung von Alma-Ata. Dabei wurden Zusammenhänge zwischen Konzepten, Forschungsarbeiten und Bildung im Bereich der primären Gesundheitsversorgung untersucht – mit der Zielsetzung, die klinische Praxis, die Versorgungsqualität und die gesundheitlichen Resultate insgesamt zu verbessern.

Tagung der Bürgermeister des Gesunde-Städte-Netzwerks der Europäischen Region der WHO

Am 23. und 24. Oktober erörterten Bürgermeister und andere führende Kommunalpolitiker in Almaty die Rolle von Städten bei der Fortführung des Vermächtnisses der Erklärung von Alma-Ata und namentlich Fragen der primären Gesundheitsversorgung und der allgemeinen Gesundheitsversorgung. In Würdigung der Erklärung von Alma-Ata als einen entscheidenden Wegbereiter für die Gründung der Gesunde-Städte-Bewegung vor 30 Jahren sagte Dr. Jakab: „Gesunde Städte und primäre Gesundheitsversorgung gehören untrennbar zusammen. Ihre Bemühungen als Gesunde Städte um Stärkung der Gesundheitskompetenz und Schaffung selbstbestimmter und widerstandsfähiger Gemeinschaften, die eine erhöhte individuelle und kollektive Eigenverantwortung für Gesundheit und Wohlbefinden fördern, sind wesentlich für die primäre Gesundheitsversorgung.“ Die Proklamation der Tagung der Bürgermeister von Almaty, in der die feste Entschlossenheit der Politik zum Ausdruck kommt, dafür zu sorgen, dass Gesunde Städte optimal für eine Unterstützung der primären Gesundheitsversorgung gerüstet sind, wurde auf der Tagung angenommen.