Verheiratung von Kindern – Gefährdung ihrer Gesundheit

UNFPA/Gorgi Licovski

In der Europäischen Region der WHO in den Jahren 2000 bis 2009 vorgenommene Erhebungen unter Frauen im Alter von 20 bis 24 Jahren zeigen, dass schon 19% vor Erreichen des 18. Lebensjahrs verheiratet oder verlobt waren, wobei die höchsten Raten in der Republik Moldau, in Georgien, in der Türkei und in Tadschikistan anzutreffen waren. Mädchen werden unverhältnismäßig oft schon im Kindesalter verheiratet und dies hat ein Leben lang Folgen für ihre körperliche und seelische Gesundheit. Ihnen wird nicht nur das Recht zur Wahl des Lebenspartners verweigert, vielmehr werden sie unter Missachtung ihrer Grundrechte an den Rand der Gesellschaft gedrängt und zugleich deren religiösen, politischen und kulturellen Praktiken ausgeliefert. 

Kinderheirat, Menschenrecht und öffentliche Gesundheit

Eine Heirat bringt für junge Mädchen erhebliche Gesundheitsrisiken mit sich. In der Ehe werden sie oft Opfer häuslicher Gewalt und sind dabei noch unfähig, selbst für ihre Rechte einzutreten. Häufig leben Kinderbräute zusammen mit der Großfamilie ihrer Männer, die in überfüllten Behausungen selbst zur Verursacherin gewalttätigen Missbrauchs werden kann.

Seelisches Wohlbefinden und geistige Mündigkeit nehmen Schaden, weil den verheirateten jungen Mädchen Kindheit und Jugend verwehrt bleiben, seelischer Missbrauch und häusliche Gewalt häufig vorkommen und persönliche Freiheiten beschränkt werden, weil keine Ausbildung abgeschlossen wird und weil Berufs- und Karriereperspektiven fehlen – all dies trägt zum Teufelskreis aus Armut, Frauendiskriminierung und Kinderheirat bei.

Die sexuelle und reproduktive Gesundheit eines verheirateten Mädchens wird auch dadurch gefährdet, dass sie oft zum Geschlechtsverkehr mit ihrem sexuell erfahreneren älteren Mann gezwungen wird. Das Mädchen hat in der Regel weder das erforderliche Stehvermögen noch das Wissen, sichere Sexualpraktiken und Verhütungstechniken durchzusetzen, und somit steigt sowohl das Risiko für eine sexuell übertragene Infektion (etwa mit HIV) als auch für eine Frühschwangerschaft. Komplikationen in der Schwangerschaft und während der Geburt sind die häufigste Todesursache für Mädchen im Alter von 15 bis 19 Jahren. Oft ist den Kindern der Zugang zu angemessenen Gesundheits- und Verhütungsangeboten schon durch die geografische Abgeschiedenheit oder die repressive Lebensweise versperrt.

WHO und Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen thematisieren die Folgen von Kinderehen

Für eine Thematisierung der Folgen von Kinderehen für die sexuelle und reproduktive Gesundheit von Jugendlichen fehlt es nicht an Beispielen, denn im Osten der Region gibt es zahlreiche Anzeichen dafür, dass die Zahl der Kinderehen mit der erneuten Betonung kultureller Identität wieder zunimmt. Die WHO, der Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen und weitere internationale entwicklungspolitische Partner sind fest entschlossen, Kinderehen und ihren Folgen entgegenzutreten.

Die WHO brachte das Thema Kinderehe während der Weltgesundheitsversammlung 2012 zur Sprache. 30 Länder und sieben Beobachter äußerten sich zu einem Papier, das die WHO als Diskussionsgrundlage vorbereitet hatte, um:

  • Interventionsstrategien zu thematisieren,
  • die aktuelle Lage hinsichtlich der Kinderehen im eigenen Land zu beschreiben,
  • Kinderheirat klar als Verstoß gegen die Menschenrechte und als Gefahr für die Sicherheit und Gesundheit Jugendlicher zu bezeichnen.

Die WHO verweist in „Gesundheit 2020“ und in ihren Leitlinien zum Schutz der Gesundheit von Jugendlichen auf die Notwendigkeit, letztere besser umzusetzen und das Thema insgesamt weiter zu erforschen und zu beobachten. Die WHO thematisiert das Problem auf globaler Ebene aktiv unter Einbeziehung von Experten und Vertretern unterschiedlicher Organisationen der Vereinten Nationen, Regierungen und nichtstaatlicher Organisationen aller sechs WHO-Regionen, damit die Erforschung der sexuellen und reproduktiven Gesundheit Jugendlicher mehr Aufmerksamkeit erhält und eine Liste prioritärer Forschungsthemen erstellt wird.