Tag 1: Gemeinsam für mehr Gesundheit und Wohlbefinden

WHO/Andrew Wheeler

Die Einbeziehung von Kindern und Jugendlichen als Mitgestalter von Gesundheit zusammen mit der Sozial-, Bildungs- und Gesundheitspolitik war das übergeordnete Thema des ersten Tages der hochrangigen Konferenz mit dem Titel „Förderung ressort- und organisationsübergreifender Maßnahmen für mehr Gesundheit und Wohlbefinden in der Europäischen Region der WHO“. Die Konferenz findet auf Einladung des französischen Ministeriums für Soziales und Gesundheit in Paris statt.

Eröffnung der Konferenz

Zur Eröffnung der Konferenz unterstrich Dr. Piroska Östlin, Leiterin der Abteilung Politikgestaltung und -steuerung für Gesundheit und Wohlbefinden beim WHO-Regionalbüro für Europa, dass Ungleichheiten zwischen Kindern nicht hingenommen werden dürften und dass die Bekämpfung solcher Ungleichheiten im Mittelpunkt des Europäischen Rahmenkonzepts „Gesundheit 2020“ sowie der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung stehe.

Nach der Einführung durch Dr. Östlin begrüßte Dr. Benoît Vallet, Generaldirektor für Gesundheit beim französischen Ministerium für Soziales und Gesundheit, die 270 Delegierten aus über 40 Mitgliedstaaten zu der Konferenz. Unter ihnen befanden sich Vertreter der Europäischen Kommission, der Internationalen Arbeitsorganisation (IAO), der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen (UNICEF), des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP), der Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur (UNESCO), des Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA) und der Weltbank.

Dr. Vallet hob die Ziele der nächsten beiden Tage hervor: Förderung und Ausweitung des Erfahrungsaustauschs, Anwendung ressortübergreifender Lösungsansätze und Herstellung eines Konsenses über die Zusammenarbeit zwischen Gesundheits-, Sozial- und Bildungspolitik mit dem Ziel, Ungleichheiten unter Kindern und Jugendlichen abzubauen.

Florence Robine, Generaldirektorin für Schulbildung beim französischen Bildungsministerium, erkannte die symbolische Bedeutung der Abhaltung der Tagung bei der UNESCO an, deren inhaltlicher Arbeitsschwerpunkt auf der Bildung liege, und unterstrich den wichtigen Beitrag der Bildung zur Bekämpfung von Armut und zur Förderung von Entwicklung, Gesundheit und Frieden. Sie wies darauf hin, dass die verschiedenen beteiligten Politikbereiche und Partnerorganisationen Maßnahmen einführen müssten, die miteinander vereinbar seien, einander ergänzten und im Hinblick auf eine gemeinsame Gesundheits-, Bildungs- und Sozialpolitik „einen Schritt voraus“ seien.

In ihrer Eröffnungsrede erklärte Dr. Zsuzsanna Jakab, WHO-Regionaldirektorin für Europa, die Konferenz sei Teil eines anhaltenden regionsweiten Dialogs, an dem eine Vielzahl von Partnerorganisationen, Politikbereichen und staatlichen Ebenen beteiligt seien.

„Die vorliegenden Erkenntnisse belegen deutlich: Wenn Kindern ein guter Start ins Leben ermöglicht wird, so trägt dies wesentlich dazu bei, der heutigen Gesellschaft wie auch künftigen Generationen einen Zugewinn an Wohlbefinden, Entwicklung, Nachhaltigkeit und Widerstandsfähigkeit zu bringen. Ebenso klar ist: Die sozialen Determinanten von Gesundheit, gesundheitlichen Ungleichheiten und sozialer Sicherheit müssen energischer in Angriff genommen werden, damit niemand zurückgelassen wird.“

Eingangserklärungen von Organisationen der Vereinten Nationen

Heinz Koller, Regionaldirektor der IAO, hob die Notwendigkeit hervor, auf das Fehlen von weltweit 10 Mio. Gesundheitsfachkräften zu reagieren, wenn eine allgemeine Gesundheitsversorgung verwirklicht werden solle, die ein zentrales Element der Agenda für nachhaltige Entwicklung darstelle. Er wies darauf hin, dass die Schaffung menschenwürdiger Arbeitsplätze im Gesundheitswesen eine Investition und Teil des inklusiven Wachstums sei.

Alanna Armitage, Regionaldirektorin des UNFPA für Osteuropa und Zentralasien, erklärte, die Menschen benötigten eine bessere Gesundheitskompetenz und die Fähigkeit zu gesünderen Entscheidungen, und das schulische Umfeld sei in dieser Hinsicht häufig die erste Anlaufstelle für junge Menschen. Sie unterstrich, dass eine frühe Schwangerschaft die Gefahr eines Schulabbruchs beinhalte, durch den sich Ungleichheiten über Generationen hinweg fortzusetzen drohten. Frau Armitage wies auf die Aktualität der Konferenz hin und bekräftigte die Entschlossenheit des UNFPA zur Zusammenarbeit mit anderen Politikbereichen mit dem Ziel der Förderung von Gesundheit und Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen.

Soo-Hyang Choi, Leiterin der Abteilung Inklusion, Frieden und nachhaltige Entwicklung bei der UNESCO, schilderte die jahrzehntelange Zusammenarbeit zwischen WHO und UNESCO und hob hervor, dass Gesundheitsförderung an Schulen ein Schwerpunktbereich der bevorstehenden Vereinbarung zwischen den beiden Organisationen darstelle.

Sitzung 1 – Verpflichtung zum Handeln

Prof. Sir Michael Marmot begann seine Grundsatzrede mit folgender Frage: „Warum soll man Menschen behandeln und sie dann in die Verhältnisse zurückschicken, die sie krank gemacht haben?“ Er erläuterte anhand einiger Beispiele, wie die sozialen und ökonomischen Lebensumstände junger Menschen sich auf ihre Gesundheit auswirken, und ging auf die Hintergründe ein. Prof. Marmot hob den Zusammenhang zwischen mangelnder Selbstbestimmung und vorzeitigem Tod aufgrund von Ursachen wie Drogenmissbrauch, Alkoholvergiftung, Suizid, alkoholbedingten Lebererkrankungen und Gewalteinwirkung hin. Er unterstrich auch, dass negative Kindheitserfahrungen langfristige gesundheitliche Auswirkungen haben, die die Gesellschaft entlang des sozialen Gefälles betreffen. Nach Ansicht von Prof. Marmot tragen Steuerpolitik und die mit ihr verbundenen sozialen Transfers, die den Abbau gesellschaftlicher Ungleichheiten und Benachteiligungen bewirken, auch zum Abbau gesundheitlicher Ungleichheit bei.

Marc Pearson, Stellvertretender Direktor für Beschäftigung, Arbeit und Soziales bei der OECD, betrachtete die Herausforderung von der anderen Seite und präsentierte Erkenntnisse darüber, wie Gesundheit sich auf das soziale und ökonomische Umfeld auswirkt. Er erläuterte, dass eine schlechte Gesundheit der beste Prädiktor dafür sei, dass junge Menschen arbeitslos würden oder keine Berufsausbildung absolvierten. Er appellierte an die Entscheidungsträger in der Gesundheits-, Bildungs- und Sozialpolitik, ein besonderes Augenmerk auf Jugendliche und junge Erwachsene in einem fünf- bis zehnjährigen Zeitfenster nach dem Ende ihrer Schulpflicht zu richten, um ihnen den Einstieg in eine stabile berufliche Laufbahn zu ermöglichen. Die vorliegenden Erkenntnisse deuteten darauf hin, dass es extrem schwierig sei, nach diesem Zeitpunkt noch eine sinnvolle Beschäftigung zu finden.

Dr. Didier Jourdan, Professor an der Blaise-Pascal-Universität und Ko-Vorsitzender des Wissenschaftsausschusses, reflektierte über die wissenschaftliche Vorbereitung der Konferenz und wies auf die Notwendigkeit hin, statt mehr Beobachtungsdaten über bestehende Ungleichheiten lieber mehr evaluative Daten über die Wirkung von Konzepten zur Bekämpfung von Ungleichheiten zu gewinnen. Er ging auf die Thematik einer Ausweitung von Handlungskonzepten von der kommunalen auf die nationale Ebene ein und wies darauf hin, dass die Zusammenarbeit im Bereich des Datenaustauschs fachübergreifend sowie zwischen Institutionen und internationalen Netzwerken ausgebaut werden müsse.

In einer Podiumsdiskussion mit Beteiligung von Mitgliedstaaten, Partnerorganisationen der Vereinten Nationen und Organisationen der Zivilgesellschaft wurden u. a. folgende zentrale Fragestellungen erörtert: die Rolle der Privatwirtschaft bei der Werbung für ungesunde Lebensmittel; der Zusammenhang zwischen Cyber-Mobbing und der Zunahme von Alkohol- und Drogenmissbrauch bei jungen Menschen; die hohe Priorität der Prävention von Gewalt gegen Kinder; Partnerschaften mit der Zivilgesellschaft; die Notwendigkeit einer Zusammenarbeit mit anfälligen Bevölkerungsgruppen durch gemeinsame Gestaltung von und Verantwortung für Konzepte; die Frage, wie Kinder in die Entwicklung und Umsetzung politischer Ziele eingebunden werden können; der Ausgleich zwischen kurzfristigen Erfordernissen und den Bedürfnissen künftiger Generationen; und die Berücksichtigung des informellen Sektors, insbesondere in Ländern mit mittlerem Volkseinkommen.

Sitzung 2: Allgemeiner sozialer Basisschutz für mehr Gesundheit und Wohlbefinden

Dr. Martin McKee, Professor für öffentliches Gesundheitswesen in Europa an der London School of Hygiene and Tropical Medicine, begann seinen Grundsatzvortrag über sozialen Basisschutz – die Bereitstellung von unentbehrlichen Gesundheitsleistungen und Einkommensunterstützung – mit der Feststellung, dass 20% der Kinder in den wohlhabenden Ländern und bis zu 50% der Kinder in anderen Teilen der Europäischen Region gegenwärtig von sozialer Ausgrenzung bedroht seien. Er schilderte, wie die Lebensumstände der Menschen sich verändert hätten: so lebten viele unter prekären Bedingungen in Bezug auf ihre Existenzgrundlagen, ihre persönliche Sicherheit, die Umwelt und die globale Politik. Er erläuterte auch anhand von Beispielen, wie sozialpolitische Maßnahmen sich auf die psychische Gesundheit auswirken können – positiv, etwa durch Einführung eines Mindestlohns, oder negativ, etwa durch Kürzung von Wohngeld. Abschließend appellierte Prof. McKee an Regierungen, Zivilgesellschaft und Wissenschaft, zeitnahe und zweckdienliche Daten bereitzustellen, insbesondere für anfällige Gruppen, Mechanismen für die Rechenschaftslegung einzuführen, den Menschen in Bezug auf Beschäftigung, Wohnung und Ernährung Hoffnung zu geben und in Gesundheit und Wohlbefinden junger Menschen zu investieren.

Bernd Neuendorf, Staatssekretär beim Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen, schilderte ein Beispiel für sozialpolitische Konzepte auf der subnationalen Ebene. Er erläuterte die „Präventionsketten“, die in verschiedenen Kommunen seines Bundeslandes entwickelt und mitfinanziert worden seien, um eine individuelle und bedarfsgerechte Versorgung von der Vorgeburtsphase bis zum Eintritt ins Berufsleben zu gewährleisten. Er unterstrich, dass diese Ketten eine Unterstützung durch die Stadträte benötigten und auf strategischen Empfehlungen aufgrund von Daten über das nachbarschaftliche Umfeld basieren müssten. Ferner stellte er fest, dass die Angebote dort greifen müssten, wo die Kinder und ihre Eltern anzutreffen seien, also etwa in Schulen und bei städtischen Behörden.

In der anschließenden Diskussion schnitten die Diskussionsteilnehmer eine Vielzahl von Themen an: die besondere Anfälligkeit von Kindern und ihre mangelnden Rechte; höhere staatliche Ausgaben für soziale Sicherheit als Investitionen, die zur Unabhängigkeit der Bürger im gesamten Lebensverlauf beitragen; die Tatsache, dass es zwar in fast allen Mitgliedstaaten der Europäischen Union ein garantiertes Mindesteinkommen gibt, dass dieses aber nur in den wenigsten das von der EU empfohlene Niveau erreicht; und die Notwendigkeit, Kindern und jungen Menschen eine Stimme zu verleihen, sodass sie teilnehmen, über ihre Probleme sprechen und gemeinsam Lösungen entwickeln können. Viele Delegierte waren sich über den Nutzen eines sozialen Basisschutzes einig, der auf dem Modell eines progressiven bzw. zielgerichteten Universalismus beruht – der Bereitstellung von Leistungen für alle, mit gewissen Ergänzungen für die Bedürftigsten –, da dieses zum sozialen Zusammenhalt beiträgt und Stigmatisierung vermeiden hilft. Die Podiumsteilnehmer brachten auch die Dringlichkeit von Maßnahmen zur sozialen Absicherung zum Ausdruck und stellten fest, dass derzeit zahlreiche Menschen zurückgelassen würden.

Sitzung 3: Schulen, die Gesundheit und Wohlbefinden aller Kinder und Jugendlichen fördern

Florence Robine und Dr. Benoît Vallet schilderten in einer gemeinsamen Präsentation die Zusammenarbeit zwischen dem Bildungsministerium und dem Ministerium für Soziales und Gesundheit an einer ressortübergreifenden Politik im Bereich Bildung und Gesundheit. Sie berichteten, dass ein am 29. November 2016 unterzeichnetes Übereinkommen über eine Partnerschaft für öffentliche Gesundheit primär auf die anfälligsten jungen Menschen ab drei Jahren abziele und den zuständigen Fachkräften entsprechende Instrumente an die Hand gebe. Die Zielsetzung des Übereinkommens bestehe darin, das Wissen der Kinder zu verbessern und sie in Bezug auf die eigene und die Gesundheit anderer zu verantwortungsbewussten Akteuren zu machen und die Kontinuität zwischen Schulen und Gesellschaft zu verbessern. Der inhaltliche Schwerpunkt liege auf der politischen Bildung von Kindern und Jugendlichen und auf der Schaffung eines positiven schulischen Umfelds.

Während der Podiumsdiskussion in dieser Sitzung wurden u. a. folgende Themen angesprochen: die Bedeutung der Schaffung eines gemeinsamen Forums für eine Zusammenarbeit zwischen Ministerien; das Konzept Schottlands für die Unterstützung junger Menschen während der problematischen Übergangsphase nach der Schule, bei dem Schüler die Schule nur verlassen dürfen, wenn sie ein „Ziel“ (z. B. eine Lehre oder eine weiterführende Ausbildung) vorweisen können; und die Tatsache, dass Schulen eine Vielzahl von Zielen verfolgen, dass aber andere Bereiche sich um eine möglichst fruchtbare Zusammenarbeit bemühen sollten.
In den abschließenden Kommentaren des Tages wurde mehrfach zum Ausdruck gebracht, dass nachhaltige Veränderungen nur durch Einbindung junger Menschen als Teil der Lösung möglich seien.

Fachinformationsveranstaltung: Unbegleitete Minderjährige in Europa: Folgen für das Gesundheits-, Sozial- und Bildungswesen

Die Zahl der unbegleiteten Minderjährigen (UM), die in Europa angekommen sind, hat sich in den letzten Jahren nachweislich deutlich erhöht. So haben 2015 in der EU insgesamt 88 300 UM um internationalen Schutz ersucht, während es 2014 nur 23 000 und 2013 nur 13 000 waren. Die Fachinformationsveranstaltung befasste sich mit den Folgen dieses dramatischen Anstiegs für das Gesundheits-, Sozial- und Bildungswesen. Die Delegierten aus Griechenland und Italien – zwei Ländern, die in der Migrationskrise an vorderster Linie stehen – erläuterten die Sichtweise ihrer Länder. Eine Reihe von Podiumsteilnehmern, die das UNICEF, Médecins du Monde und die Wissenschaft vertraten, trugen weitere Aspekte zur möglichen Gestaltung einer künftigen bereichsübergreifenden Zusammenarbeit bei, die der Förderung von Gesundheit und Wohlbefinden dieser anfälligen Gruppe dient.

Nebenveranstaltung: Der Wert von Gesundheitserziehung an Schulen in den Bereichen Wasser- und Sanitärversorgung und Gesundheit

Eine Nebenveranstaltung befasste sich mit dem komplizierten Beziehungsgeflecht zwischen Wasser- und Sanitärversorgung und Gesundheit, dem Bereich Gesundheit und Bildung sowie der Frage, wie sich dies in Zielen auf der globalen und regionsweiten Ebene niederschlägt. Beim Zugang zu Wasser- und Sanitärversorgung stehen viele Kinder und Jugendliche immer noch vor einer Barriere, was sich negativ auf ihre Anwesenheit auswirkt; dies gilt insbesondere für Mädchen während der Menstruation. Im Mittelpunkt der Veranstaltung standen die erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen Politikbereichen sowie die führende Rolle des Bildungswesens bei der Förderung von Gesundheit und Bildungserfolg aller Kinder. Die Delegierten aus Ungarn, Kirgisistan und Schottland berichteten von den Erfahrungen ihrer Länder, und ein Experte für Wasser- und Sanitärversorgung sowie ein Repräsentant der Jugendlichen trugen wesentliche Aspekte zu der Diskussion bei.