Geburtsvorbereitungskurse in Georgien: Schwangerschaft als Chance für die Gesundheit im Lebensverlauf

Ministry of Labour/David Kharatishvili

Tinatin Gagua, Gynäkologin und Leiterin der Klinik für vorgeburtliche Versorgung in Tiflis (Georgien) informiert Schwangere und ihre Partner in Geburtsvorbereitungskursen zu Gesundheitsfragen.

Die Schwangerschaft ist eine sensible Zeit im Leben einer Frau. Die Sicherstellung hochwertiger und personenzentrierter Gesundheitsleistungen für werdende Mütter durch Gesundheitssysteme stellt eine lohnende Investition mit Nutzeffekten dar, die weit über die Schwangerschaft hinausgehen.

„Als wir 2011 mit unserem Training begonnen haben, war Schwangerenvorsorge ein völlig neues Konzept in Georgien. Die Ärzte waren es nicht gewöhnt, sich Zeit dafür zu nehmen, Frauen über ihre Schwangerschaft und die Gesundheit ihrer Babys zu informieren“, sagt Tinatin Gagua, Leiterin der Klinik für vorgeburtliche Versorgung in Tiflis (Georgien). „Wir wurden darin geschult, Gruppenkurse für Schwangere durchzuführen. Teil einer Gruppe zu sein machte einen großen Unterschied, denn es half den Frauen, Fragen zu stellen und sich mit anderen Schwangeren auszutauschen.“

„Schwangerschaft ist keine Krankheit“, erklärt Gunta Lazdane Leiterin des Programms für sexuelle und reproduktive Gesundheit beim WHO-Regionalbüro für Europa, „sondern eine Chance für das Gesundheitswesen, bereichsübergreifend und frühzeitig viele Aspekte aufzugreifen, deren Bearbeitung einen Abbau von Morbidität und Mortalität sowie eine Steigerung des Wohlbefindens bedeuten würde. Die Aufklärung während der Schwangerschaft wird von der Mutter an ihre Kinder und Angehörigen und von Generation zu Generation weitergetragen – ein hervorragendes Beispiel für den Lebensverlaufansatz, wonach das Verhalten in dieser entscheidenden Lebensphase prägend auf Gesundheit und Verhalten im späteren Leben wirkt.“

Empfehlungen der WHO zur vorgeburtlichen Versorgung

Es ist möglich, Todesfälle bei Müttern zu verhindern. Allerdings geschieht dies in einigen Ländern nicht, weil der Zugang zu entsprechenden Angeboten noch fehlt und die Versorgungsqualität unzulänglich ist. Die Empfehlungen der WHO zur vorgeburtlichen Versorgung sind ein wirksames Instrument, um diese Probleme anzugehen und die Gesundheit von Müttern im Rahmen eines Konzepts zur Primärversorgung zu verbessern. Dies bedeutet, dass ein vorgeburtlicher Vorsorgetermin mehr darstellt als eine bloße Überprüfung des Schwangerschaftsfortschritts und dass jeder Termin zählt. Vorsorgetermine gewährleisten Kontinuität in der Versorgung und bieten jedes Mal die Gelegenheit, mehr über eine gesunde Lebensweise, die Frühdiagnose von chronischen Erkrankungen und andere präventive Maßnahmen zu erfahren.

„Die WHO ist entschlossen, die Annahme der Empfehlungen zur vorgeburtlichen Versorgung in Regionen und Ländern aktiv zu unterstützen, insbesondere über den politischen Dialog auf nationaler Ebene, und in den kommenden Jahren bei der Aktualisierung nationaler Leitlinien und Protokolle mit spezifischem Schwerpunkt auf der Versorgungsqualität zu helfen“, erläutert Maurice Bucagu, Abteilung Gesundheit von Müttern, Neugeboren, Kindern und Jugendlichen des WHO-Hauptbüros.

Die Empfehlungen zur vorgeburtlichen Versorgung sollen allen Schwangeren einen guten Schwangerschaftsverlauf ermöglichen sowie die Anzahl der Komplikationen und Totgeburten verringern. Konkret wird empfohlen:

  • Dass Frauen während einer Schwangerschaft achtmal (statt bislang viermal) Kontakt zu einer Gesundheitseinrichtung aufnehmen. So können Probleme leichter festgestellt und gegebenenfalls beherrscht und Todesfälle vermieden werden.
  • Dass die Frauen bei den Terminen Informationen erhalten über optimale Nahrung und Ernährung, körperliche Betätigung, Tabak- und Substanzgebrauch, HIV-Prävention, dass sie Bluttests und Impfungen durchführen, dass der Fötus gemessen wird, dass sie über allgemeine physiologische Symptome aufgeklärt und zu Themen wie Partnergewalt beraten werden.

Vorgeburtliche Versorgung in Georgien

Georgien nimmt eine Vorreiterrolle in Osteuropa und Zentralasien bei der Umsetzung der aktualisierten Empfehlungen der WHO zur vorgeburtlichen Versorgung ein, die den in den vergangenen 15 Jahren gewonnenen zusätzlichen Erkenntnissen Rechnung tragen. Im Einklang mit einem Menschenrechts- und Lebensverlaufansatz thematisieren die neuen Empfehlungen nicht nur die Verhinderung von Todesfällen und Erkrankungen, sondern räumen der personenzentrierten Gesundheitsversorgung und dem Wohlergehen einen vorrangigen Stellenwert ein.

Der Schwerpunkt der zweijährigen Kooperationsvereinbarung zwischen der WHO und der Regierung Georgiens für den Zeitraum 2016-2017 liegt unter anderem auf der Förderung der Gesundheit im Lebensverlauf, der Verhinderung und Kontrolle nicht übertragbarer Krankheiten, dem Ausbau der allgemeinen Gesundheitsversorgung und der Verbesserung der Primärversorgung. Innerhalb dieses Rahmens unterstützt die WHO das georgische Gesundheitsministerium bei der landesweiten Einführung der Empfehlungen, darunter auch durch politischen Dialog.

Bessere Aufklärung während der Schwangerschaft hilft bei der Überwindung von Mythen und Ängsten

Häufigere Kontakte während der Schwangerschaft sorgen für einen Wissenszuwachs bei den Müttern und ihren Familien - beispielsweise dadurch, dass Ärzte Frauen zu einem Besuch im Krankenhaus, Treffen mit Hebammen und zur Besichtigung der Kreißsäle ermutigen. Darüber hinaus können so evidenzbasierte Botschaften übermittelt werden. „In den meisten Ländern ist für viele Fragen im Zusammenhang mit einer Schwangerschaft nicht der Arzt die Informationsquelle. Durch uns erhalten die Frauen Informationen, die häufig Mythen in Bezug auf körperliche Aktivitäten und sexuelle Beziehungen in Frage stellen, die ihnen von ihrer Mutter oder Schwiegermutter überliefert werden. Die Kurse machen Schwangerschaften leichter und reduzieren Befürchtungen und Ängste - danach sind die Mütter entspannter. Von dieser Wechselwirkung profitieren Frauen aus allen sozialen Schichten und sie wollen wirklich bereitwillig dazulernen“, erläutert Tinatin Gagua.

Geburtsvorbereitungskurse für Frauen und ihre Partner

Die WHO unterstützt Gesundheitsfachkräfte in der Verbesserung der vorgeburtlichen Versorgung für alle Bevölkerungsgruppen – einschließlich heranwachsende Mädchen, ältere Mütter und Frauen in ländlichen, armen oder schwer zugänglichen Regionen oder Konfliktgebieten – durch die Organisation von Schulungen. „Die Einrichtung von Kursen für Schwangere und werdende Eltern hat die Schwangerschaftsbetreuung in Georgien verändert. Wir haben festgestellt, dass weniger Epiduralanästhesien und Wunsch-Kaiserschnitte nötig sind und die Zahl der Komplikationen gesunken ist“, berichtet Tinatin Gagua. „Ich bin fest davon überzeugt, dass eine informierte Patientin eine bessere Patientin ist. Das Training hilft nicht nur uns als Medizinern, sicherere Schwangerschaften und problemlosere Geburten sicherzustellen. Sie schafft auch Vertrauen in uns und in unsere Einrichtungen.“ Und als zusätzlicher Vorteil, so fügt sie hinzu, habe sich auch die Einstellung der Männer geändert. „In unserer Gesellschaft ist es nicht üblich, Männer in die Schwangerschaftsversorgung mit einzubeziehen, doch die Kurse sind eine Möglichkeit, sie aktiv daran zu beteiligen – das ist ein großer Schritt vorwärts. Es gibt jetzt bei uns Geburten, bei denen der Vater dabei ist. Das hat es vorher nie gegeben. Bei Kaiserschnitten und Epiduralanästhesien nutzen wir nun den Hautkontakt mit dem Vater.“

Die Kurse fördern auch Diskussionen zu Gesundheitsfragen wie zum Beispiel zur Ernährung: eine gesunde Ernährungsweise in der Schwangerschaft ist wichtig, doch die Einzelberatungen reichen nicht immer aus, um jedes Detail zu erörtern. Die Ernährung in der Schwangerschaft beeinflusst sowohl die Gesundheit der Schwangeren als auch der Familie und künftiger Generationen. Die WHO hat die Überarbeitung und Entwicklung neuer Empfehlungen zur Ernährung in der Schwangerschaft und Stillzeit unterstützt.

Vorgeburtliche Versorgung dient der Verwirklichung der Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDG)

Das Setzen des Schwerpunkts auf Frauen und Kinder folgt einem Lebensverlaufansatz für die Gesundheit entsprechend der themenübergreifenden Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung, in der die Staatsführungen rund um den Globus übereinkamen, dass „wir zur Förderung der körperlichen und geistigen Gesundheit und des physischen und psychischen Wohlergehens sowie zur Verlängerung der Lebenserwartung aller die allgemeine Gesundheitsversorgung und den Zugang zu hochwertigen Gesundheitsdienstleistungen verwirklichen müssen. Niemand darf zurückgelassen werden.“ Die Verbesserung der vorgeburtlichen Versorgungsleistungen für alle Schwangeren steht im Einklang mit der Erklärung von Alma Ata und dem Rahmenkonzept der Europäischen Region für Gesundheit und Wohlbefinden „Gesundheit 2020“. Sie trägt außerdem zur Verwirklichung des Ziels für nachhaltige Entwicklung (SDG 3) bei, mit dem die Sicherstellung von Gesundheit und Wohlergehen für alle in jeder Lebensphase und die Thematisierung eines breiten Spektrums gesundheitspolitischer Prioritäten angestrebt wird. Maßnahmen wie Geburtsvorbereitungskurse im Gesundheitssektor fördern die SG3-Zielvorgaben ferner durch die Stärkung von Verhaltensweisen mit potenziell positiven Auswirkungen in Bezug auf die Prävention übertragbarer und nichtübertragbarer Krankheiten. Darüber hinaus werden auf diese Weise auch andere Ziele vorangebracht, darunter SDG 2 (durch die Verbesserung der Ernährung) und SDG 5 (durch die Förderung der Selbstbestimmung von Frauen).