Stillende Mütter benötigen Beratung aus ihrem persönlichen Umfeld

WHO/Alberta Bacci

Mother breastfeeding newborn

Die Europäische Region der WHO weist weltweit mit den niedrigsten durchschnittlichen Anteil der Kinder im Alter von sechs Monaten auf, die ausschließlich gestillt werden. Es gibt eindeutige Belege dafür, dass ausschließliches Stillen die natürlichste und effizienteste Methode ist, für Wachstum und Entwicklung des Kindes unter optimalen Bedingungen zu sorgen.

Die Weltstillwoche (1.–7. August) thematisiert die Unterstützung von Müttern durch Beratung aus ihrem persönlichen Umfeld. Auch wenn anfänglich noch recht viele Mütter stillen, gehen die Stillraten im Lauf der Zeit drastisch zurück. In 24 der 36 Länder der Europäischen Region, die im Zeitraum 2005–2010 an nationalen Erhebungen teilnahmen, betrug der Anteil der im Alter von drei Monaten ausschließlich gestillten Kinder 50% oder weniger. Nur in einem Land der Region wurden mehr als 50% der sechs Monate alten Kinder ausschließlich gestillt.

Rolle der gemeindenahen Unterstützung

Wenn Mütter Gesundheitseinrichtungen weniger häufig aufsuchen, werden Systeme der gemeindenahen Unterstützung unerlässlich für die Aufrechterhaltung des Stillens. Traditionell kommt die Unterstützung von der Familie, doch mit zunehmender Verstädterung erstrecken sich die Unterstützungssysteme auch auf Freunde, Arbeitgeber, ausgebildetes Gesundheitspersonal, Laktaktionsberaterinnen und führende Persönlichkeiten aus den Gemeinden. Sie können unter anderem wie folgt helfen:

  • Väter können Mütter durch die Übernahme häuslicher Pflichten oder durch die Betreuung der Säuglinge (Baden, Wechseln der Windeln, Spaziergänge usw.) entlasten.
  • Kinder und Mitglieder der erweiterten Familie können emotionale Unterstützung und praktische Haushaltshilfe leisten.
  • Arbeitgeber können Mutterschaftsurlaub gewähren und Stillbereiche und Aufbewahrungsorte für die Muttermilch zur Verfügung stellen.
  • Gesundheitsfachkräfte können erstmals stillenden Müttern den Kontakt zu Frauen mit Stillerfahrung vermitteln, die bei Problemen wie Milchmangel oder schmerzenden Brustwarzen helfen.

Aufgrund der Bedeutung des Stillens für die Gesundheit der Mütter und der Neugeborenen empfiehlt die WHO, dass Mütter binnen einer Stunde nach der Geburt mit dem Stillen beginnen und ihr Kind während der ersten sechs Lebensmonate ausschließlich stillen und so Wachstum, Entwicklung und Gesundheit optimal zu fördern. Nach sechs Monaten sollte bereits Beikost eingeführt, doch bis zum Ende des zweiten Lebensjahrs oder darüber hinaus weiter gestillt werden.

Nutzen für stillende Mütter

Ausschließliches Stillen nützt Müttern, da es als natürliche Empfängnisverhütung in den ersten sechs Monaten nach der Geburt bis zu 98% Schutz vor Schwangerschaft bietet. Außerdem erleichtert es Frauen die Senkung ihres während der Schwangerschaft gewonnenen Gewichts und verringert die Adipositasraten. Darüber hinaus legen Forschungsergebnisse nahe, dass stillende Frauen weniger häufig an Brust- und Eierstockkrebs erkranken und ein geringeres Risiko für Osteoporose und koronare Herzkrankheit aufweisen.

Frauen stillen ihre Kinder oft ab, da sie an ihren Arbeitsplatz zurückkehren müssen. Weltweite vergleichende Analysen lassen erkennen, dass ein größerer prozentualer Anteil von Frauen das ausschließliche Stillen in Ländern betreibt, in denen Stillzeiten am Arbeitsplatz gesetzlich garantiert sind. Arbeitsplatzpolitische Maßnahmen sind somit unerlässlich, wenn es darum geht, Müttern die Aufrechterhaltung des Stillens zu ermöglichen.

Senkung der Säuglingssterblichkeit

Muttermilch enthält nicht nur Nährstoffe für die gesunde Entwicklung von Säuglingen, sondern auch Antikörper zur Bekämpfung von Krankheiten wie Durchfall und Lungenentzündung, zwei Hauptursachen der Kindersterblichkeit. Durch vorgefertigte Säuglingsnahrung wird dieser Immunschutz nicht geboten.

Jedes Jahr sterben in der Europäischen Region der WHO mehr als 155 000 Kinder vor ihrem fünften Geburtstag, wobei 19% an Lungenentzündung oder Durchfallerkrankungen sterben. Im April 2013 präsentierten die WHO und das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (UNICEF) den integrierten Globalen Aktionsplan zur Prävention und Bekämpfung von Lungenentzündung und Durchfallerkrankungen, in dem eine bessere Integration der Präventions- und Therapiemaßnahmen gefordert wurde. Aufgrund der Vorteile des Stillens für das Immunsystem würden höhere Stillraten dazu beitragen, das im Aktionsplan vorgesehene Ziel der Senkung der Säuglingssterblichkeit zu verwirklichen.

WHO-Bemühungen

Am 5. Juli 2013 unterzeichneten die Mitgliedstaaten der Europäischen Region der WHO die Erklärung von Wien über Ernährung und nichtübertragbare Krankheiten im Kontext von Gesundheit 2020. In der Erklärung sind Maßnahmen zur Verbesserung der Ernährungsgewohnheiten während des gesamten Lebens vorgesehen, darunter eine angemessene Unterstützung und Förderung des Stillens.

1992 begründeten die WHO und UNICEF die Initiative „Babyfreundliches Krankenhaus“(BFHI) mit dem Ziel, Müttern und Neugeborenen Unterstützung zu gewähren und ihre Betreuung zu verbessern. Im Rahmen dieser Initiative wurden babyfreundliche Einrichtungen in weltweit mehr als 150 Ländern geschaffen. 2002 billigten die Mitgliedstaaten der WHO die Globale Strategie für die Ernährung von Säuglingen und Kleinkindern als Richtschnur für ihr Handeln. Dank dieser Strategie soll unter anderem ein Umfeld geschaffen werden, in dem Mütter, weitere Familienmitglieder und andere Betreuungspersonen fundierte Entscheidungen zu optimalen Stillpraktiken für Säuglinge treffen und umsetzen können.

Im Mai 2012 verliehen die WHO-Mitgliedstaaten der globalen Strategie weitere Impulse, indem sie einen umfassenden Umsetzungsplan im Bereich der Ernährung von Müttern, Säuglingen und Kleinkindern billigten. Eine der Zielvorgaben des Plans lautet, dass bis 2025 mindestens 50% aller Babys während der ersten sechs Monate ausschließlich gestillt werden sollen. Die Analyse der Hemmnisse und die Erarbeitung von Aktionsplänen zu ihrer Überwindung sind die einzigen Optionen für die Zukunft.