Sexuelle Gesundheit ein Leben lang

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Sexualität und sexuelle Erfahrungen gehören zum Leben eines jeden Menschen, sind in verschiedenen Lebensphasen unterschiedlich und haben auch unterschiedliche Implikationen.

Unabdingbar ist, dass alle, auch marginalisierte Gruppierungen, Unterstützung erfahren, was nicht nur bedeutet, dass man Jugendlichen und Heranwachsenden Wissen, Fähigkeiten und Wertvorstellungen mit auf den Weg geben, sondern auch sicherstellen muss, dass alle Altersgruppen, bei den Jugendlichen angefangen, Zugang zu evidenzbasierten Informationen und Gesundheitsdiensten haben.

In der neuesten Ausgabe von „Entre Nous“, der europäischen WHO-Zeitschrift für sexuelle und reproduktive Gesundheit, wird untersucht, welche Fortschritte in der europäischen Region der WHO und unter spezifischen Gruppierungen, d. h. Jugendlichen, Senioren, Migranten, Menschen, die mit HIV leben, und Behinderten im Bereich der sexuellen Gesundheit erzielt worden sind.

Sexualerziehung

Die sexuelle Gesundheit von Jugendlichen und Heranwachsenden hat sich in den letzten Jahrzehnten ganz allgemein verbessert. Dennoch muss noch mehr für die Verbesserung der Sexualerziehung dieser Altersgruppen getan werden, und zwar indem man ihnen schon in der Jugend eine positive und verantwortliche Einstellung zur Sexualität beibringt. Dadurch bekommen sie die Grundlage für ein sexuelles Wohlbefinden, das sie durch ihre reproduktiven Jahre und bis ins Alter hinein begleiten kann.

Die Sexualerziehung hat sich herkömmlicherweise auf mögliche Risiken wie unerwünschte Schwangerschaften und sexuell übertragene Infektionen konzentriert. Dieses Vorgehen verhindert, dass junge Menschen die Informationen und Fähigkeiten mitbekommen, die sie benötigen.

Die WHO tritt für ein ganzheitlicheres Vorgehen ein: Junge Menschen sollen unvoreingenommen und wissenschaftlich haltbar über alle Aspekte der Sexualität aufgeklärt werden, wobei ihnen geholfen werden muss, Wertvorstellungen, Einstellungen und Fähigkeiten zur Bestimmung ihrer eigenen Sexualität und ihrer Beziehungen in verschiedenen Lebensphasen zu entwickeln. Damit werden junge Menschen befähigt, ihre Sexualität und ihre Partnerschaften erfüllt und verantwortlich auszuleben.

Das WHO-Regionalbüro für Europa und die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) in Deutschland haben (auf Englisch und Russisch) „Standards für die Sexualerziehung in Europa – Rahmenkonzepte für Politik, Erziehungs- und Gesundheitsbehörden und Fachkräfte“ erstellt. Mehrere Länder haben diese Vorgaben bereits übersetzt und setzen sie um.

Der Begriff Sexualität umfasst die unterschiedlichsten Konzepte: Emotionen, Beziehungen und den menschlichen Körper, aber auch die geläufige enge Definition von sexueller Betätigung.

Sexuelle Gesundheit im Alter

Die Sexualfunktion und die sexuelle Betätigung mögen mit zunehmendem Alter schwächer werden, doch inzwischen wächst die Erkenntnis, dass auch alte Menschen ein Sexualleben haben. Die Einstellungen zum Thema Sex und Altern wandeln sich. Eine Studie über das Altern in Europa ergab, dass fast die Hälfte der über 70jährigen Männer nach eigenen Angaben mindestens einmal in der Woche Geschlechtsverkehr hatte. Eine schwedische Untersuchung ließ erkennen, dass im Vergleich zu früheren Generationen die Quantität und Qualität der sexuellen Erfahrungen älterer Menschen zunehmen.

Dennoch offenbaren die Untersuchungen auch, dass sich die Gesundheitsdienste ändern müssen. Beispielsweise machte eine Analyse im Vereinigten Königreich deutlich, dass niedergelassene Allgemeinärzte oft die Anschauung vertraten, sexuelle Gesundheit sei kein legitimes Thema für ein Gespräch mit älteren Altersgruppen. In einer gesonderten Untersuchung von Senioren im Vereinigten Königreich waren jedoch 32% der Frauen und 86% der Männer mit einem Durchschnittsalter von 81 Jahren der Ansicht, Ärzte sollten von sich aus die Sexualfunktion ansprechen.

20. Weltkongress für sexuelle Gesundheit

Auf dem 20. Weltkongress für sexuelle Gesundheit, der vom 12.–16. Juni 2011 in Glasgow stattfand, stellte das WHO-Regionalbüro für Europa die von ihm zum Thema sexuelle Gesundheit geleistete Arbeit vor. Der Kongress bot der WHO eine gute Gelegenheit, ihre Erfolge und Misserfolge zu bewerten und mit Berufsverbänden und anderen nichtstaatlichen Organisationen in der Förderung der sexuellen Gesundheit zusammenzugehen. Über tausend Teilnehmer zeigten sich an den Konzepten und dem Instrumentarium der WHO interessiert und machten gleichzeitig Vorschläge dafür, wie die WHO die Länder besser unterstützen könnte, beispielsweise durch eine Verknüpfung der Bereiche sexuelle Gesundheit und nichtübertragbare Krankheiten.

Ziel des Kongresses war es, die Thematik sexuelle Gesundheit, sexuelle Rechte und weltweite Sexualerziehung zu fördern. Veranstalter war der Weltverband für sexuelle Gesundheit (WAS). Der WAS und die Europäische Gesellschaft für Sexualwissenschaft sind aktive Partner der WHO, wenn es darum geht, die sexuelle Gesundheit aller Menschen, das gesamte Leben hindurch und ungeachtet sozialer und persönlicher Umstände zu fördern. Die Teilnehmer waren Sexualerzieher, Berater für sexuelle Gesundheit, Fürsprecher der sexuellen Gesundheit, Sexualberater, Sexual- und Paartherapeuten und Psychotherapeuten, Kliniker wie z. B. Pflegefachkräfte und andere Gesundheitsfachkräfte, Sozialarbeiter und in Sexualwissenschaft spezialisierte Rechtsmediziner.