Müssen wir uns um unsere Jugendlichen Sorgen machen?

Das WHO-Regionalbüro für Europa hat den jüngsten Bericht zur HBSC-Studie über Kinder im schulpflichtigen Alter, einer Befragung von über 200 000 jungen Menschen, veröffentlicht. Für die Studie werden im Vierjahresrhythmus Daten zu Gesundheit, Wohlbefinden, sozialem Umfeld und Gesundheitsverhalten von Jungen und Mädchen im Alter von 11, 13 und 15 Jahren erhoben, auf deren Grundlage anschließend ein internationaler Bericht erstellt wird.

Die internationale Koordinatorin der Studie, Prof. Candace Currie,  spricht hier über deren zentrale Befunde, über aktuelle Trends und über die Anfänge des Projektes.

Welche wichtigen Trends lässt die Studie erkennen?

Unterschiede zwischen den Geschlechtern

Die in allen bisherigen Berichten durchgehend feststellbare Fixierung vieler Mädchen auf ein bestimmtes körperliches Ideal und die damit verbundenen ständigen Diäten geben Anlass zur Besorgnis. Viele derartige Unterschiede zwischen den Geschlechtern sind tief verwurzelt und halten sich ebenso hartnäckig wie Ungleichheiten, die mit dem Lebensstandard in Verbindung stehen.

Mädchen neigen dazu, sich selbst zu negativ zu bewerten. Sie halten sich oft für zu dick und fühlen sich nicht recht wohl; außerdem sind sie nach eigenen Angaben weniger zufrieden mit ihrem Leben. Wir wissen aber, dass auch Jungen später schwere psychische Probleme erleben, und können daher nur mutmaßen, ob weibliche Jugendliche nicht vielleicht nur etwas offener über ihre Gefühle sprechen. Vielleicht können Jungen ihre Gefühle nicht ausdrücken oder unterliegen einer Kultur, die von ihnen verlangt, dass sie sich nicht beklagen. Tatsächlich wird kontrovers darüber diskutiert, wie diese Unterschiede zwischen den Geschlechtern wirklich zu deuten sind.

Online-Sozialisierung

Das Leben junger Menschen hat sich in einigen Bereichen stark verändert. Durch die elektronischen Medien und die damit verbundene Art der Kommunikation hat sich ein tief greifender Wandel vollzogen. Die Jugendlichen gehen abends weniger aus und widmen sich stärker der elektronischen Kommunikation. Ich denke, die jungen Menschen werden heute ganz anders sozialisiert.

Die gesellschaftlichen Auswirkungen dieser Veränderungen kennen wir noch nicht, und sie werden sich wohl auch nicht so ohne Weiteres erschließen. Zwar ist ausreichend belegt, dass Kinder im Internet oftmals Mobbing ausgesetzt sind, doch bietet die neue Art der Kommunikation auch eine Chance für Kinder, die anderweitig Schwierigkeiten hätten, Freunde zu finden. Denn so können sie Gleichgesinnte finden, sich mit ihnen anfreunden und schrittweise und ungehemmt Gruppen bilden. Allerdings wissen wir noch nicht, inwiefern dies Auswirkungen auf ihr Bewegungsverhalten hat. Wenn dein soziales Leben darin besteht, dass du im Schlafzimmer vor dem Computer sitzt, bewegst du dich jedenfalls nicht viel.

Risikoverhalten

Es scheint auch einige deutliche neue Trends in Bezug auf das Risikoverhalten zu geben. Hier sind große Unterschiede zwischen Ost und West festzustellen. Bei einigen Aspekten des Risikoverhaltens ist im Westen eine Angleichung zwischen den Geschlechtern festzustellen, während im Osten in Bezug auf Trinken und Sexualverhalten noch deutliche Unterschiede bestehen. Das ist zwar vereinfacht gesagt, dient aber dem Verständnis. Wir versuchen noch zu verstehen, wie diese geschlechtsbezogenen Verhaltensmuster zu deuten sind.

Wenn Mädchen heute ein Risikoverhalten wie Jungen an den Tag legen, aber psychisch immer noch schlechtere Resultate aufweisen, dann liegt der Schluss nahe, dass Mädchen potenziell stärker krankheitsgefährdet sind als Jungen. Heute leiden sie auf zwei Ebenen. Früher lebten Mädchen insgesamt gesünder, litten aber häufiger an psychischen Problemen als Jungen. Heute nehmen sie dazu noch riskante Verhaltensweisen an, die früher Männern vorbehalten waren.

Müssen wir uns um unsere Jugendlichen Sorgen machen?

Sorgen ist nicht der richtige Ausdruck. Wir sollten sie ernst nehmen und ihnen zuhören. Es ist allgemein bekannt, dass Unterstützung durch die Eltern entscheidend dafür ist, dass die Kinder glücklich sind und sich gut entwickeln, doch wenn Kinder in die Pubertät kommen und sich das Verhältnis manchmal schwieriger gestaltet, ziehen sich Eltern tendenziell zurück und sagen: OK, jetzt verbringen sie mehr Zeit mit ihren Freunden, und wir sind vielleicht nicht mehr so wichtig.

Unterstützung innerhalb der Familie wichtig

Tatsächlich gibt es große Unterschiede zwischen den Ländern in Bezug auf die Frage, wie viel Zeit Jugendliche mit ihren Freunden verbringen und wie leicht sie mit ihren Eltern und insbesondere den Vätern reden können. Denn die Unterschiede zwischen den Ländern sind bei den Müttern bei weitem nicht so ausgeprägt wie bei den Vätern. Junge Menschen, die von ihren Eltern angemessen unterstützt werden, gehen mit Sicherheit leichter ihren Weg. Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass junge Menschen reden müssen, dass sie Orientierung und Unterstützung brauchen und immer noch in der Familie aufgehoben sein wollen. Es geht nicht darum, aus der Entfernung besorgt zu sein, sondern darum zu überlegen, wie wir sie in diesen Jahren unterstützen können, in denen sich ihr Leben so stark verändert.

Wie können wir Jugendliche unterstützen?

Einige Dinge geben Anlass zum Nachdenken: die Veränderungen im Bereich der psychischen Gesundheit und insbesondere der Einfluss, den dabei der Lebensstandard spielt; und dann sind da noch die neuen Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Wir müssen uns also fragen, warum bietet die Gesellschaft jungen Menschen aus weniger wohlhabenden Verhältnissen – und übrigens auch den Mädchen insgesamt – weniger Unterstützung an. Wir müssen uns fragen, wie wir ein stützendes Umfeld schaffen können, damit junge Menschen gedeihen und gesund aufwachsen können. Nicht nur, damit sie gesunde Erwachsene werden, sondern damit sie gesunde und glückliche Jugendliche sind, die gerne zur Schule gehen, gute Noten bekommen, Freunde finden und soziale Fähigkeiten erwerben. Dazu benötigen sie Unterstützung.