Fragen und Antworten: Umgestaltung des Gesundheitssystems in Georgien für eine bessere vorgeburtliche Versorgung

WHO/David Kharatishvili

Georgien spielt in Osteuropa und Zentralasien eine wichtige Rolle als eines der ersten Länder, in denen die Empfehlungen der WHO zur vorgeburtlichen Versorgung umgesetzt werden, die auf Grundlage von während der vergangenen 15 Jahre gewonnenen Erkenntnissen entwickelt wurden.

Dr. Nino Berdzuli, Programmleiterin für sexuelle und reproduktive Gesundheit sowie die Gesundheit von Müttern und Neugeborenen beim WHO-Regionalbüro für Europa, war früher Stellvertretende Ministerin für Arbeit, Gesundheit und Soziales in Georgien. In dieser Frage-und-Antwort-Reihe erläutert sie, wie das Land es geschafft hat, ein Handlungskonzept umzusetzen, das werdenden Müttern eine hochwertige, patientenorientierte Gesundheitsversorgung bietet.

Frage: Was hat sich für Schwangere und Mütter in Georgien verbessert?

Dr. Berdzuli: In der Vergangenheit waren im Rahmen des nationalen Programms für Schwangere lediglich vier vorgeburtliche Vorsorgetermine vorgesehen. Die 2016 veröffentlichten neuen WHO-Leitlinien empfehlen mindestens acht vorgeburtliche Arzttermine. Die Leitlinien zielen insbesondere darauf ab, der werdenden Mutter eine positive Schwangerschaftserfahrung zu ermöglichen und schlechte gesundheitliche Ergebnisse sowohl für die Mutter als auch das Neugeborene zu verringern.

Georgien setzte diese Empfehlungen um und erhöhte die Anzahl der staatlich finanzierten vorgeburtlichen Arzttermine von vier auf acht und verbesserte damit die Möglichkeit einer systematischen Beobachtung von Schwangeren und Föten. Es ist davon auszugehen, dass sich die finanzielle Absicherung von Schwangeren infolge dieser konzeptionellen Veränderung verbessern wird, da sie zuvor jeden Arztbesuch, der nicht vom staatlichen System abgedeckt war, aus eigener Tasche zahlen mussten.

Darüber hinaus hat Georgien ein Interventionspaket mit den wesentlichen von der WHO empfohlenen hochwirksamen Interventionen überarbeitet und eingeführt. Dadurch haben Schwangere in Georgien nun Anspruch auf die im Rahmen dieses Pakets angebotenen verbesserten vorgeburtlichen Interventionen und Angebote. Ferner wurden Interventionen aus dem vorgeburtlichen Vorsorgeprogramm herausgenommen, für deren Wirksamkeit es keine Belege gab. Georgien hat außerdem den Schwerpunkt auf wichtige präventive Interventionen, u. a. das Angebot von Folsäure- und Eisenpräparaten und Untersuchungen auf Hyperglykämie und asymptomatische Bakteriurie, sowie auf evidenzbasierte Praktiken beim Umgang mit Komplikationen während der Schwangerschaft verlagert.

Georgien ist zudem eines der ersten Entwicklungsländer weltweit, in dem ein nationales digitales medizinisches Geburtenregister eingeführt wurde – eine große Errungenschaft. Der Grad der Vollständigkeit des digitalen Geburtenregisters ist sehr hoch (er liegt bei über 94%), d. h. nahezu jede schwangere Frau, die mit dem Gesundheitssystem in Berührung kommt, wird elektronisch registriert. Im Geburtenregister werden sämtliche Informationen über jeden vorgeburtlichen Arztbesuch und jede Entbindung sowie über die Neugeborenen- und nachgeburtliche Versorgung erfasst. Dies liefert wertvolle Informationen und bietet Gelegenheit, sowohl die Fortschritte als auch die Lücken bei der Versorgungsqualität zu analysieren.

Damit erreicht Georgien einen neuen Meilenstein: die Einführung neuer Maßnahmen zur Qualitätssicherung und neue Möglichkeiten zur Leistungsmessung und zur Entwicklung systemweiter Handlungskonzepte und Anreize für eine bessere Versorgung.

Frage: Inwiefern haben die Empfehlungen der WHO zur Umsetzung dieses neuen Pakets beigetragen?

Dr. Berdzuli: Meiner Erfahrung nach sind diese Leitlinien für die Entwicklung von Handlungskonzepten von großer Bedeutung. Ohne die WHO-Leitlinien wäre es sehr schwierig gewesen, klare Empfehlungen zu entwickeln, welche Interventionen wann und wie umzusetzen und warum sie erforderlich sind. Die WHO-Leitlinien erleichtern die Erörterung der wichtigsten Themen mit Interessengruppen und die Ausarbeitung angemessener nationaler Leitlinien und Handlungskonzepte.

Frage: Welches waren die wesentlichen Faktoren für die erfolgreiche Umsetzung des neuen Konzepts?

Dr. Berdzuli: Zunächst einmal war der politische Wille unerlässlich, die Gesundheit von Müttern und Kindern in den Fokus zu rücken und die bestehenden Konzepte zu ändern. Das von der georgischen Regierung im Jahr 2013 eingeführte Programm für eine allgemeine Gesundheitsversorgung hat sich insbesondere die Verbesserung des Zugangs zur Gesundheitsversorgung und den Schutz der Bevölkerung vor finanziellen Risiken zum Ziel gesetzt. Erfreulicherweise gehört auch die Gewährleistung eines umfassenden Zugangs von Frauen und Kindern zu den wichtigsten Gesundheitsangeboten zu den Prioritäten der Regierung.

Zweitens ist es für die Veränderung der bestehenden Handlungskonzepte in jedem Fall von entscheidender Bedeutung, über solide Evidenz zu verfügen, insbesondere, wenn die für die Gesundheit zur Verfügung stehenden Ressourcen begrenzt sind. Auf diese Weise kann man Entscheidungsträgern und der Öffentlichkeit die genauen Gründe für die Änderungen erläutern. Sobald man über diese solide Evidenz verfügt, ist man immer gut beraten, diese verschiedenen Zielgruppen vorzulegen.

Eine wichtige Rolle spielte auch die Analyse von Mütter- und Perinatalsterblichkeit, ihrer Hauptursachen und der Vermeidbarkeit von Komplikationen. Auf Grundlage von Analysen und Forschungserkenntnissen haben wir zudem versucht, die Defizite bei der Verwirklichung einer umfassenden vorgeburtlichen Versorgung im Land aufzudecken. All dies waren Voraussetzungen für die konzeptionellen Veränderungen.

Drittens war es wichtig, zahlreiche maßgebliche Akteure an dem Prozess zu beteiligen, um langfristige Unterstützung für das neue vorgeburtliche Versorgungsprogramm zu gewinnen. Hierunter fielen intensive Konsultationen mit wichtigen nationalen Experten und Fachverbänden sowie die Einbindung der für den Einkauf von Gesundheitsleistungen zuständigen Stelle in allen Phasen des Projekts.

Zu guter Letzt bedurfte es einer regelmäßigen und kontinuierlichen Kommunikation, um den Wert des neuen Handlungskonzepts zu untermauern. Genau das haben wir in Georgien getan.

Eine positive Reaktion auf das neue vorgeburtliche Versorgungskonzept

Es gibt vereinzelte Belege dafür, dass das neu umgesetzte Handlungskonzept sowohl von Schwangeren als auch vom Gesundheitspersonal sehr positiv aufgenommen wurde. Dr. Konstantin Bochorishvili arbeitet im Bezirk Sestaponi und hat aus erster Hand Erfahrungen mit den Veränderungen bei der vorgeburtlichen Versorgung in Georgien gemacht.

Frage: Wie ist Ihre Meinung zu dem neuen Handlungskonzept?

Dr. Bochorishvili: In jedem Fall positiv!

Das Ziel besteht natürlich darin, die Mütter- und Perinatalsterblichkeit zu reduzieren und Komplikationen frühzeitig zu erkennen. Eine höhere Anzahl von Arztbesuchen und vermehrter regelmäßiger Kontakt mit Gesundheitspersonal in den letzten Wochen der Schwangerschaft ist daher äußerst wichtig, um dies nachverfolgen und frühzeitig Maßnahmen ergreifen zu können.

Frage: Wie reagieren die Mütter auf das Programm?

Dr. Bochorishvili: Ihre Reaktion ist sehr positiv. In der Vergangenheit sah das System nur wenige Arzttermine vor, lediglich vier während der gesamten Schwangerschaft. Waren zusätzliche Arzttermine erforderlich, waren diese für die Bevölkerung auf dem Land, für die ich in erster Linie zuständig bin, kaum erschwinglich, da sie selbst dafür bezahlen mussten. Jetzt können sie häufiger zum Arzt gehen, ohne dass zusätzliche Kosten entstehen. Das ist großartig! Sie können ihre Anliegen vorbringen, sobald sie auftreten, und der Arzt ist besser und schneller in der Lage, auf die Bedürfnisse und Anliegen einzugehen.