HIV-Zahlen in der Europäischen Region steigen

WHO/Marcus Garcia

Die Zahl der HIV-Neuinfektionen und der Aids-bedingten Todesfälle ist weltweit seit einigen Jahren rückläufig, in der Europäischen Region der WHO steigt sie jedoch an. Der 1. Dezember ist Welt-Aids-Tag.

2011 wurden aus der Europäischen Region über 121 000 neue HIV-Diagnosen gemeldet, doch laut Schätzungen liegt die tatsächliche Zahl bei über 170 000 Neuinfektionen – und mehr als 2,3 Mio. HIV-Infizierten.

Frühzeitige Behandlung entscheidend

Heute hat eine Person, die sich mit HIV infiziert und frühzeitig eine Behandlung beginnt, eine ähnliche Lebenserwartung wie Menschen, die nicht infiziert sind. Dennoch geht aus Daten, die an das WHO-Regionalbüro für Europa und das Europäische Zentrum für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC) gemeldet wurden, hervor, dass die Hälfte der Diagnosen erst zu einem späten Zeitpunkt erfolgen, wenn sich die Infektion schon in einem fortgeschrittenen Stadium befindet. So sterben in der Europäischen Region auch heute noch Menschen an Aids.

Frühzeitige Diagnose und rechtzeitige Behandlung sind Schlüsselelemente im Europäischen Aktionsplan HIV/Aids (2012–2015), der von allen 53 Ländern der Europäischen Region angenommen wurde.

Gefährdete und ausgegrenzte Gruppen am stärksten betroffen

Die Trends in Bezug auf HIV-Übertragung fallen innerhalb der Region uneinheitlich aus, doch sind gefährdete und ausgegrenzte Bevölkerungsgruppen stets am stärksten betroffen: injizierende Drogenkonsumenten, Männer mit gleichgeschlechtlichen Sexualkontakten, Prostituierte, Häftlinge und Migranten.

In den Ländern Westeuropas wurde HIV am häufigsten bei Männern mit gleichgeschlechtlichen Sexualkontakten diagnostiziert, dicht gefolgt von Personen, die sich durch heterosexuelle Übertragung infiziert haben. Im östlichen Teil der Europäischen Region dagegen waren deutlich mehr als die Hälfte aller HIV-Neudiagnosen durch heterosexuelle Übertragung bedingt, und über ein Drittel durch Drogeninjektion. Die heterosexuelle Übertragung ist meist auf Drogen injizierende Sexualpartner zurückzuführen.

Die Städte Porto und Vila Nova de Gaia in Portugal verfügen über integrierte Behandlungsangebote für HIV, Tuberkulose und Drogensucht, die sich anstatt an den Krankheiten an den konkreten Bedürfnissen der Betroffenen orientieren. Bei diesem Modell werden injizierende Drogenkonsumenten dazu ermutigt, ihre Behandlung gegen HIV und Tuberkulose fortzusetzen, was sich positiv auf die Behandlungsergebnisse auswirkt.

Um wirksam auf die Epidemie reagieren zu können, muss in allen Teilen der Region die Arbeit mit verschiedenen Gruppen intensiviert werden. Die Investitionen in Angebote im Bereich HIV müssen auch in wirtschaftlichen Krisenzeiten aufrechterhalten werden, denn die Kürzung oder gar Einstellung grundlegender Leistungen hat unmittelbare Auswirkungen. So verzeichnen zwei Länder, die vor kurzem Leistungen gekürzt haben, inzwischen eine Verzehnfachung der Zahl der neuen HIV-Fälle unter injizierenden Drogenkonsumenten gegenüber einem zuvor stabilen Niveau.

HIV auch mit anderen Gesundheitsproblemen verknüpft

Menschen, die mit HIV leben, tragen ein weit höheres Risiko, an Tuberkulose zu erkranken, insbesondere wenn die Infektion nicht behandelt wird. In der Europäischen Region bleibt Tuberkulose eine der führenden Todesursachen unter HIV-Infizierten.

Aus Schätzungen geht hervor, dass mehr als die Hälfte aller HIV-Infizierten auch an einer chronischen Infektion mit dem Hepatitis-C-Virus leiden. Eine Erkrankung an beiden kann ein lebensbedrohliches Leberversagen zur Folge haben. Die Behandlung von Hepatitis ist schwierig und immer noch sehr kostspielig; dies dürfte auch in Zukunft zu Zehntausenden unnötiger Todesfälle führen.

Injizierende Drogenkonsumenten tragen nicht nur ein erhöhtes Injektionsrisiko in Bezug auf HIV, Tuberkulose und Hepatitis C, sondern sind auch häufiger gesundheitsgefährdenden sozialen Faktoren wie Armut, Obdachlosigkeit, mangelndem Zugang zur Gesundheitsversorgung oder Haft ausgesetzt. In den meisten Ländern im östlichen Teil der Region ist die HIV-Epidemie in dieser Gruppe konzentriert.

Behandlung als Prävention

Antiretrovirale Medikamente (ARV) können eine HIV-Übertragung von Schwangeren auf ihre Kinder verhindern. Durch den frühzeitigen Einsatz von ARV-Kombinationen bei Mutter wie Säugling verringert sich die Gefahr einer Übertragung auf unter 2%.

Im vergangenen Jahr veröffentlichte Forschungsarbeiten belegen, dass eine frühere Behandlung von HIV-Infizierten – wie sie heute unter dem Schlagwort „Behandlung als Prävention“ propagiert wird – die sexuelle Übertragung von HIV um 96% reduzieren kann.

Paaren, bei denen sich nur ein Partner mit HIV infiziert hat, empfiehlt die WHO die Durchführung einer ARV-Therapie bei der betreffenden Person unabhängig von der Stärke ihres Immunsystems, um so die Wahrscheinlichkeit einer Übertragung auf die andere Person zu verringern.

Eine andere Untersuchung ergab, dass nicht mit HIV infizierte Personen durch prophylaktische Einnahme von ARV-Präparaten die Gefahr einer sexuellen Übertragung um 73% senken können.

Die durch die genannten Untersuchungen belegte Präventionswirkung einer ARV-Einnahme hat eine Erhöhung der Nachfrage nach einem leichteren Zugang zu diesen Medikamenten zur Folge.