Zugang zur antiretroviralen Therapie verbessert, aber stärkerer Ausbau dringend erforderlich

Aus einem neuen Bericht der WHO geht hervor, dass 2012 in den 22 Ländern der Europäischen Region mit niedrigem bis mittlerem Einkommen 199 000 Menschen antiretrovirale Therapie (ART) erhielten; dies bedeutet einen Anstieg um 45% gegenüber 2011. In Ländern wie Armenien, Aserbaidschan, Belarus, Georgien, Kasachstan, Kirgisistan, Litauen, der Republik Moldau, der Russischen Föderation, Tadschikistan, der Türkei, der Ukraine und Usbekistan konnte der Zugang zur ART erheblich ausgeweitet werden.

Dennoch können die Anstrengungen der Länder der Europäischen Region für einen Ausbau der ART nicht mit der jährlichen Zunahme der HIV-Neuinfektionen Schritt halten. Die HIV-Prävalenz in der Europäischen Region ist besonders unter injizierenden Drogenkonsumenten, Prostituierten und Männern mit gleichgeschlechtlichen Sexualkontakten hoch, doch gerade diese Bevölkerungsgruppen haben offenbar im Vergleich zur Gesamtbevölkerung einen schlechteren Zugang zur ART.

Am 30. Juni 2013 stellte die WHO auf der 7. Konferenz der Internationalen Aids-Gesellschaft (IAS) über die Entstehung, Behandlung und Prävention von HIV in Kuala Lumpur (Malaysia) den „Globalen Lagebericht 2013 zur HIV-Behandlung“ sowie neue, konsolidierte Leitlinien zur Anwendung der ART vor. Beide Berichte unterstreichen die Notwendigkeit, die Anstrengungen zur Erweiterung des Zugangs zur ART zu verstärken.

Weltweiter Zugang zur ART

Im „Globalen Lagebericht 2013 zur HIV-Behandlung“ werden die Fortschritte bei der Ausweitung des Zugangs zur ART in den Ländern mit niedrigem bis mittlerem Einkommen, die zu überwindenden oder gerade überwundenen Herausforderungen sowie die Chancen zum Anknüpfen an den Erfolgen des vergangenen Jahrzehnts dargestellt.

Weltweit erhielten im Jahr 2012 fast 10 Mio. Menschen in den Ländern mit niedrigem bis mittlerem Volkseinkommen eine antiretrovirale Therapie; dies war ein Zuwachs um 1,6 Mio. gegenüber 2011 – und die bisher größte derartige Zunahme gegenüber dem Vorjahr. Leider weisen die WHO-Regionen Europa und Östlicher Mittelmeerraum in der Kategorie der Länder mit niedrigem bis mittlerem Einkommen immer noch die niedrigsten geschätzten Behandlungsraten auf. Ein beeinträchtigter Zugang zur ART für die maßgeblichen Bevölkerungsgruppen, eine unzureichende Versorgung mit Opioidsubstitutionstherapie und der Mangel an integrierten Angeboten für HIV-, Tuberkulose- und Drogenpatienten gelten als die größten Hindernisse für die Behandlung und Versorgung von HIV-Infizierten.

Neue Leitlinien für ART

Die Konsolidierten Leitlinien der WHO für die Anwendung antiretroviraler Medikamente zur Behandlung bzw. Prävention von HIV-Infektionen zielen darauf ab, neue Erkenntnisse und neue Erfahrungen aus den Ländern in klinische, operative und programmatische Leitlinien umzusetzen, die die Art der Anwendung dieser Medikamente in den Ländern grundlegend verändern und diese in die Lage versetzen können, Zielvorgaben für einen flächendeckenden Zugang und eine allgemeine Gesundheitsversorgung auf effiziente und nachhaltige Weise zu erreichen. Die WHO hat die CD4-Schwelle für die Aufnahme der Therapie bei HIV-positiven Erwachsenen und Jugendlichen von 350 Zellen/ μl (wie im Jahr 2010 von der WHO empfohlen) auf 500 Zellen/ μl angehoben.

Erkenntnisse aus jüngster Zeit deuten darauf hin, dass eine frühzeitigere Aufnahme der ART den Infizierten ein längeres, gesünderes Leben ermöglicht und eine erhebliche Senkung des von ihnen ausgehenden Übertragungsrisikos zur Folge hat. So könnten bis zum Jahr 2025 zusätzlich 3 Mio. Todesfälle sowie 3,5 Mio. HIV-Neuinfektionen verhindert werden.

Eine Behandlung wird unabhängig vom CD4-Wert für alle HIV-positiven Kinder unter fünf Jahren, für HIV-positive Schwangere, für HIV-infizierte Personen mit Koinfektionen mit Tuberkulose oder Hepatitis B sowie für HIV-positive Partner in Beziehungen mit nicht HIV-Infizierten empfohlen.

Im Vergleich zu den Leitlinien von 2010 enthalten die Empfehlungen von 2013 folgende Neuerungen:

  1. Angebot einer Therapie an HIV-infizierte Personen vor Einsetzen einer Schädigung ihres Immunsystems (CD4-Schwelle: 500 Zellen/ μl) und Angebot weniger schädlicher Medikamente, einfacherer Behandlungsformulierungen und einer näheren Therapiebeobachtung;
  2. Harmonisierung aller Behandlungspläne für Erwachsene zu einer Erstwahltherapie und Empfehlung der Medikamente für die anfängliche Behandlung für alle;
  3. Vereinfachung und Verbesserung der Leistungserbringung.

Durch die neuen Empfehlungen erhöht sich die mögliche Zahl der für die ART in Frage kommenden Personen 2013 weltweit auf schätzungsweise 25,9 Mio. Menschen; dies sind 9,2 Mio. mehr als nach den Leitlinien von 2010.