Frühzeitige Diagnose ermöglicht erfolgreiche Behandlung: Zwei HIV-infizierte Männer in Griechenland schildern ihre Erfahrungen

Positive Voice

George Tsiakalakis and his husband George Papageorgiou are among the faces of the poster campaign for Positive Voice (Greece) for World AIDS Day 2018

Die verspätete Diagnose von HIV stellt in allen Teilen der Europäischen Region der WHO nach wie vor eine Herausforderung dar. Jede zweite neu diagnostizierte Person hat bereits ein fortgeschrittenes Stadium der Infektion erreicht. In den Ländern der Europäischen Union und des Europäischen Wirtschaftsraums verdeutlichen die neuesten Daten von 2017, dass fast 90% der Aids-Diagnosen innerhalb von nur 90 Tagen nach der HIV-Diagnose liegen. Dies deutet darauf hin, dass die Mehrzahl dieser Aids-Fälle bei einer frühzeitigen Diagnose hätten vermieden werden können.

Doch die Untersuchung auf HIV war nie so leicht wie heute. In allen Teilen der Europäischen Region stehen in gemeindenahen Testeinrichtungen kundige Bürger bereit, die nicht unbedingt Gesundheitsfachkräfte sein müssen, aber eine besondere Schulung durchlaufen haben, und die beraten, Unterstützungsarbeit leisten und innerhalb von Minuten Resultate liefern.

Bei einem positiven Testergebnis ist eine Bestätigung durch eine Gesundheitseinrichtung erforderlich. Wird das Ergebnis bestätigt, so übernehmen Ärzte den Fall und können die Behandlung mit antiretroviralen Medikamenten einleiten. Diese verhindern, dass sich die HIV-Infektion zum Krankheitsbild Aids entwickelt, und ermöglichen den Betroffenen ein langes und gesundes Leben mit HIV. In der Mehrzahl der Fälle führt die Behandlung zu einer nicht nachweisbaren Viruslast im Blut, sodass keine Übertragung des Virus auf Sexualpartner zu befürchten ist.

„Ein Test war das Letzte, woran ich dachte“

Der 28-jährige Dimitris aus Athen dachte nicht an einen HIV-Test, bis ein Freund von dem Checkpoint Athen erzählte, einem Zentrum zur HIV-Prävention in der griechischen Hauptstadt, das Beratung und Schnelltests anbietet. Der entscheidende Anstoß kam, als ein Freund als HIV-positiv diagnostiziert wurde. Also entschloss sich Dimitris vor acht Monaten, sich ebenfalls untersuchen zu lassen. Die positive Diagnose war für ihn ein vollständiger Schock.

„Ich hielt mich für gut informiert. Ich verwendete fast immer ein Kondom“, erklärt er und fügt hinzu: „Aber es kann natürlich gelegentlich vorkommen, dass man aufgrund der Situation nicht so handelt, wie es wünschenswert wäre. Ich fühlte mich extrem schuldig. Der Arzt meinte, ich hätte mich wohl vor etwa zwei bis drei Jahren infiziert. Was wäre passiert, wenn ich mich jetzt nicht hätte untersuchen lassen? Wen habe ich in diesen Jahren einem HIV-Risiko ausgesetzt?“

Neben seinen Schuldgefühlen kam sich Dimitris auch dumm vor, weil er den Vorschlag eines Freundes, eine Präexpositionsprophylaxe (PrEP) machen zu lassen, abgelehnt hatte. Diese antiviralen Medikamente verhindern eine HIV-Infektion und sind bei verschreibungsgemäßer Anwendung äußerst wirksam.

„Sie wurde ein Jahr lang kostenlos angeboten“, erklärt er. „Aber ich dachte mir, PrEP ist nur für Leute, die gerne Risiken eingehen. Warum sollte ich das brauchen?“

Dimitris schätzt sich glücklich, dass er am Checkpoint Athen getestet wurde, da er dort sowohl vor als auch nach dem Test, der nur wenige Minuten dauerte, Zusicherung und Unterstützung erhielt.

„Ich bin so froh, dass mein Berater sich die Zeit genommen hat, um mir zu erklären, welche Fortschritte die Medizin erzielt hat und wie die Therapie heutzutage ein normales Leben ermöglicht“, sagt er.
Neben der Unterstützung am Checkpoint Athen hatte Dimitris auch das Glück, gute Freunde zu haben. Er erinnert sich: „Als mein Freund diagnostiziert wurde, war es mir unangenehm, mit ihm darüber zu sprechen. Ich bedauere es, damals nicht für ihn da gewesen zu sein, weil mir inzwischen klar ist, wie viel Trost ich von den Freunden erhielt, denen ich davon erzählte. Einer von ihnen sagte sogar, er habe es nie fertig gebracht, mit anderen über seine HIV-Infektion zu sprechen, und dankte mir dafür, dass ich es ihm erzählt hatte. Das Teilen mit Freunden veränderte meine Einstellung von Grund auf. Der beste Moment war natürlich, als ich es das erste Mal gegenüber einem Sexualpartner erwähnte – fast wie ein Experiment. Ich rechnete damit, dass er gehen würde, aber er hatte kein Problem damit! Aber natürlich wurde die Nachricht nicht immer so gut aufgenommen.“

„HIV hat mich stärker gemacht“

George Tsiakalakis, ein 37-jähriger Schwuler, der mit HIV lebt, arbeitet als Beauftragter für Öffentlichkeits- und Überzeugungsarbeit bei Positive Voice, dem griechischen Verband der HIV-Infizierten. Er erkennt an, dass seit seiner eigenen Diagnose im Jahr 2010 die griechische Gesellschaft wesentliche Schritte in Richtung Akzeptanz vollzogen hat, wobei Organisationen wie die Checkpoint-Präventionszentren und Positive Voice in den Vordergrund getreten sind. Dennoch herrscht noch erheblicher Handlungsbedarf.

„HIV hat mich stärker gemacht“, erklärt er. Durch diese schwierige Situation und die Einsamkeit habe ich an Selbstvertrauen gewonnen. Ich habe gelernt, meine sexuelle Orientierung zu akzeptieren, und fühlte mich wieder stolz und ausgeglichen. Doch diese schwierige Reise wäre weit leichter gewesen, wen ich Menschen an meiner Seite gehabt hätte, die mich über Probleme in Bezug auf meine sexuelle Gesundheit und auf Prävention und Behandlung hätten informieren können. So ist es Positive Voice und den Checkpoint-Zentren gelungen, die Art und Weise zu verändern, in der Schwule und andere betroffene Gruppen wie injizierende Drogenkonsumenten und Prostituierte mit HIV umgehen.“

George ist inzwischen verheiratet. Er und sein Ehemann haben vor zwei Jahren eine Familie gegründet. Sein Mann ist HIV-negativ, doch George betont: „HIV hat uns nie davon abgehalten, unserer Liebe Ausdruck zu geben und einander zu vertrauen. Wie viele andere junge Menschen in Griechenland glaubte mein Mann, dass HIV ihn nicht betrifft. Doch er war bereit zu lernen und mit meinem Arzt und mit anderen HIV-Positiven zu reden. Fortschritte in der Medizin haben die Art und Weise, wie wir mit HIV umgehen, für immer verändert; vor allem aber haben sie die Grundlage verändert auf der wir HIV-Positive unsere persönlichen Beziehungen aufbauen.“

Warte nicht auf einen Grund für einen HIV-Test – es ist immer besser, Bescheid zu wissen

Dimitris‘ Rat an andere lautet, nicht auf einen Grund für einen Test zu warten, da es immer besser sei, Bescheid zu wissen. „Hier in Griechenland ist der HIV-Status immer noch so etwas Verborgenes, die Leute reden einfach nicht darüber. Als ich nach London ging, war ich überrascht, wie viele Menschen ihn sogar in ihren Profilen auf ihrer Dating-App erwähnten. Ich weiß, dass das alles befreiend ist, aber es kostet mich so viel Mut, darüber zu sprechen.“

George und sein Mann haben beschlossen, an die Öffentlichkeit zu gehen, indem sie an einer Poster-Kampagne zum Welt-Aids-Tag 2018 teilnehmen und unter dem Titel „Ich bin positiv“ ihre persönliche Geschichte erzählen.
„Meine Beziehung zu meinem Mann ist großartig und persönlich, aber wir haben beschlossen, an einer Sensibilisierungskampagne für HIV teilzunehmen und unsere Geschichte zu erzählen, um die Botschaft zu verbreiten, dass HIV die Liebe zwischen zwei Menschen nicht beeinträchtigen kann“, sagt er.

„In der Öffentlichkeit gibt es all diese Mythen über Übertragungswege, alle diese Vorurteile und diese Ignoranz, und das drängt HIV-Positive in Isolation, Einsamkeit und eine in sich gekehrte Stigmatisierung. Die Stigmatisierung können wir durch Liebe, Solidarität, Wissen und Selbstbestimmung überwinden. Aber Einsamkeit ist eine der größten Fallen bei HIV. Wir können alle tapfer sein, wenn wir einander lieben und unterstützen“, fügte George hinzu.

Nach den neuesten Daten aus dem WHO-Regionalbüro für Europa und dem Europäischen Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten sind Männer immer noch unverhältnismäßig häufig von HIV betroffen. Insgesamt entfallen in der Europäischen Region 69% der HIV-Neudiagnosen auf Männer. Gleichgeschlechtliche Sexualkontakte unter Männern sind der häufigste Weg, sich zu infizieren: 37% der im Jahr 2017 diagnostizierten Personen im westlichen und mittleren Teil der Region haben sich auf diese Weise infiziert.