Ist die Europäische Region auf die nächste Influenza-Pandemie vorbereitet?

WHO

Von links nach rechts: Caroline Brown (WHO-Regionalbüro für Europa), Nedret Emiroglu (WHO-Regionalbüro für Europa), Tyra Grove Krause (Staatliches Serum-Institut Dänemark), Pasi Penttinen (ECDC)

„Es ist unsere gemeinsame Aufgabe, uns auf die nächste Influenza-Pandemie vorzubereiten. In diesem Zusammenhang sollten wir uns drei grundsätzliche Fragen stellen: Sind wir auf eine schwere Pandemie vorbereitet? Wurden unsere Bereitschaftspläne für eine Pandemie überarbeitet? Sind die Europäische Region und die Welt bereit, schon morgen auf eine Pandemie zu reagieren?“

Diese Fragen richtete Dr. Nedret Emiroglu, Direktorin für Programm-Management und Leiterin der Abteilung Gesundheitliche Notlagen und übertragbare Krankheiten beim WHO-Regionalbüro für Europa, an die Vertreter von 50 Mitgliedstaaten in der Europäischen Region sowie von Partnerorganisationen, die auf der 6. Gemeinsamen Jahrestagung des WHO-Regionalbüros für Europa und des Europäischen Zentrums für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) zum Thema Influenza-Surveillance in Europa vom 6. bis 8. Juni 2018 in Kopenhagen zusammenkamen.

Die Influenza-Tagung 2018 war insofern von besonderer Bedeutung, als die Europäische Region und die Welt in diesem Jahr den 100. Jahrestag der Influenza-Pandemie von 1918–1919 begehen, der verheerendsten jemals verzeichneten Pandemie. Aus diesem Grund erinnerte die Tagung zu Recht daran, welche wichtige Rolle das regionsweite Influenza-Netzwerk spielt, das in diesem Jahr sein zehnjähriges Bestehen feiert.

Herausforderungen für die Pandemievorsorge in der Europäischen Region

Gegenwärtig haben weniger als ein Drittel aller Länder in der Europäischen Region seit der Pandemie von 2009 ihre Bereitschaftspläne für eine Pandemie überarbeitet. Auf der Tagung wurden die übrigen Länder dazu aufgefordert, zur Gesundheitssicherheit beizutragen und sicherzustellen, dass ihre Bereitschaftspläne für eine Pandemie gemäß internationalen Standards auf dem neuesten Stand sind.

Überdies ist die Inanspruchnahme von Grippeimpfungen in einer Reihe von Ländern der Region seit der Pandemie von 2009 konstant rückläufig, und in den Ländern mit geringerer Mittelausstattung bleibt der Zugang zu Grippeimpfstoffen beschränkt. Dies gibt nicht nur im Hinblick auf den Schutz gefährdeter Gruppen vor saisonaler Influenza Anlass zur Sorge, sondern auch im Hinblick auf die Pandemievorsorge, da die Herstellung von Pandemieimpfstoffen eng mit der Verwendung saisonaler Impfstoffe verknüpft ist.

In der Saison 2017/2018 wurden viele ältere Menschen aufgrund einer Ansteckung mit Influenza-B-Viren, die nicht von den trivalenten Impfstoffen abgedeckt werden, in Krankenhäuser eingeliefert. Daraufhin empfahlen viele Länder eine Umstellung von trivalenten auf quadrivalente Impfstoffe, um einen weitreichenderen Schutz zu gewährleisten. Für Länder mit begrenzten Mitteln könnte dies aufgrund der höheren Preise für quadrivalente Impfstoffe zu einer geringeren Verfügbarkeit von Impfdosen führen. Angesichts der Gesamtkosten für das Gesundheitswesen könnten sich die quadrivalenten Impfstoffe jedoch als kosteneffizient herausstellen.

WHO verstärkt die Unterstützung für die Pandemievorsorge

Die WHO ist bereit, die Länder in der Europäischen Region bei der Aktualisierung und Umsetzung ihrer Bereitschaftspläne auf nationaler Ebene zu unterstützen. Die Organisation hat die Zusagen für 405 Mio. Dosen Pandemieimpfstoff erhalten, die während der nächsten Pandemie in Echtzeit ausgegeben werden. Dies entspricht etwa der vierfachen Menge an Pandemieimpfstoff, der während der A(H1N1)-Pandemie im Jahr 2009 verfügbar war.

Darüber hinaus hat die WHO ihre Unterstützung für Länder verstärkt, die ihre Kapazitäten für Surveillance und Gegenmaßnahmen ausbauen müssen. Diese Anstrengungen haben sich auf vielfältige Weise ausgezahlt. So wurden beispielsweise die nationalen Grippezentren von Armenien und Montenegro vor Kurzem von der WHO formell als Mitglieder des Globalen Systems zur Überwachung und Bekämpfung von Influenza (GISRS) anerkannt.

Zehn Jahre Influenza-Netzwerk der Europäischen Region

„Die Tagung bot Gelegenheit, die Surveillance-Verbesserungen in der gesamten Region zu erörtern und Bereiche hervorzuheben, in denen wir unsere Datenanalyse und Datendarstellung noch verstärken sollten, um sie für die Öffentlichkeit und die Entscheidungsträger in der Gesundheitspolitik nutzbringender zu machen“, sagte Pasi Penttinen, Leiter des Programms „Influenza und andere respiratorische Erreger“ beim ECDC.

Das Influenza-Netzwerk der Europäischen Region ist Teil des GISRS, des ältesten Netzwerks der WHO, und eine wichtige Ressource für die globale Gesundheit. Die Hälfte aller 53 Mitgliedstaaten in der Europäischen Region melden mittlerweile Daten zur Überwachung von Krankenhäusern an die WHO, mehr als 90% geben Virusmaterial weiter. Dies sind wichtige Errungenschaften auf dem Weg zur regionsweiten und weltweiten Vorsorge für die nächste Pandemie.

Elektronische Gesundheitsregister in Dänemark

Ein weiterer Gastgeber der Tagung war das dänische Staatliche Serum-Institut (SSI), das die Influenza-Surveillance durch die Verwendung elektronischer Gesundheitsregister vorangebracht hat, mit deren Hilfe die Daten von Krankenhäusern zu Behandlungen und Resultaten mit Laborergebnissen und Daten zur Impfstoffverwendung verknüpft werden.

Darüber hinaus fördert das SSI zusammen mit dem ECDC und dem WHO-Regionalbüro für Europa das Europäische Projekt für die Beobachtung der überhöhten Mortalität zur Ermittlung des gesundheitspolitischen Handlungsbedarfs (EuroMOMO), in dessen Rahmen die wöchentlichen Mortalitätsdaten in der Europäischen Region überwacht werden – ein wichtiger Marker für den Schweregrad einer Krankheit. Die Tagung bot eine einzigartige Chance, das Projekt neuen Ländern vorzustellen, die daran interessiert sind, ihre Daten für eine schnelle Analyse zur Verfügung zu stellen.