Reaktion auf Polioausbruch begrüßt

Die 24. Tagung der Regionalen Zertifizierungskommission für die Eradikation der Poliomyelitis in der Europäischen Region (RCC) fand am 26. und 27. Januar 2011 in Sankt Petersburg statt. Ihr primäres Ziel bestand darin, die aktuelle epidemiologische Situation in den Ländern, in denen Fälle von Infektion mit dem eingeschleppten Polio-Wildvirus aufgetreten sind (Kasachstan, Russische Föderation, Tadschikistan, Turkmenistan), zu untersuchen und die von ihnen ergriffenen Gegenmaßnahmen zur Unterbrechung einer weiteren Übertragung innerhalb der Europäischen Region der WHO zu bewerten.

Die RCC prüfte die vorliegenden Erkenntnisse, um zu bestimmen, ob die Europäische Region ihre Zertifizierung als poliofrei behalten kann. Dazu untersuchte sie konkret die aktuelle Lage in sechs Mitgliedstaaten: Kasachstan, Kirgisistan, Russische Föderation, Tadschikistan, Turkmenistan und Usbekistan.

Status der Europäischen Region

Die Länder, in denen das Polio-Wildvirus 2010 zirkulierte, und ihre Nachbarländer haben Datenmaterial zur Verfügung gestellt, das es der RCC erleichtern soll, sich ein unabhängiges fachliches Urteil über die Nachhaltigkeit der Poliofreiheit der gesamten Europäischen Region zu bilden. Die vorgelegten Erkenntnisse betrafen vor allem die Immunität der Bevölkerung gegen das Poliovirus und den Status der den Anforderungen der Zertifizierung entsprechenden Polioüberwachung sowie die Laborkapazitäten in den einzelnen Ländern.

Die RCC erklärte, Kirgisistan, Tadschikistan, Turkmenistan und Usbekistan hätten wirksame und ausreichende Maßnahmen zur Bekämpfung des extrem starken Polioausbruchs ergriffen. Dennoch müsse nun eine Auseinandersetzung mit langfristig wichtigen Fragen erfolgen, namentlich mit den strukturellen und systembezogenen Fehlern, die einen Ausbruch wie den in Tadschikistan erst möglich gemacht hätten.

Deshalb seien die gegenwärtigen Erfolge, die durch zusätzliche Impfmaßnahmen (SIA) erreicht worden seien, noch fragil. Die Länder Zentralasiens (Kasachstan, Kirgisistan, Tadschikistan, Turkmenistan und Usbekistan) und die Russische Föderation müssten dafür Sorge tragen, dass alle Maßnahmen, die für die Erhöhung der Impfraten in Bezug auf die Routineimpfung mit dem Polio-Vakzin sowie die Intensivierung der Surveillance der akuten schlaffen Lähmung (AFP) notwendig seien, angemessen geplant und umgesetzt würden.

Die RCC erkannte die Leistung Kasachstans und der Russischen Föderation an, die die Einschleppung des Polio-Wildvirus frühzeitig entdeckt und unverzüglich Gegenmaßnahmen eingeleitet hätten. Sie riet den beiden Ländern außerdem, in den betroffenen Gebieten zusätzliche Impfkampagnen nach Maßgabe der Empfehlungen der WHO durchzuführen.

Die RCC forderte mehr Transparenz und Kooperation seitens der nationalen Behörden bei der Meldung und Untersuchung von AFP-Fällen. Wenn eines oder mehrere Länder ihre Virenproben nicht an das Referenzlabor der Europäischen Region für Poliomyelitis in Moskau weitergäben, wo eine Bestätigung und ggf. Differenzierung der Viren erfolge, so werde dadurch die Zertifizierung der gesamten Region als poliofrei gefährdet. Die WHO und die Gesundheitsministerien würden auch weiterhin mit den zuständigen Behörden zusammenarbeiten, um die Weitergabe von Proben in naher Zukunft wieder aufzunehmen bzw. zu systematisieren.

Fazit

In ihren Schlussfolgerungen erkannte die RCC an, dass für den großen Krankheitsausbruch in Tadschikistan ein aus Nordindien eingeschlepptes Polio-Wildvirus vom Typ 1 verantwortlich sei, das sich weiter auf Nachbarstaaten sowie weiter entfernte Länder ausgebreitet habe. Aufgrund der übermittelten Daten erkannte die RCC die Maßnahmen der betroffenen Länder an, namentlich den Einsatz umfangreicher personeller und finanzieller Ressourcen zur Unterbindung der Übertragung des Poliovirus.

Es gebe keine Hinweise auf eine anhaltende Übertragung des Polio-Wildvirus, doch würden aufgrund des hohen Übertragungsrisikos in jüngster Zeit weitere Informationen über die Lage auf dem nördlichen Kaukasus benötigt.

Die für Ende Juni 2011 erwarteten weiteren Berichte aus den sechs untersuchten Ländern würden es der RCC erleichtern, eine Empfehlung hinsichtlich des Zertifizierungsstatus der Europäischen Region abzugeben. Die betroffenen sechs Mitgliedstaaten erklärten ihre Bereitschaft, der RCC auf ihrer nächsten Tagung die erforderlichen Daten und Informationen zur Prüfung vorzulegen.

Zukünftige Empfehlung für den Polio-Zertifizierungsstatus
Bis Juli 2011 könnten die Länder folgende Maßnahmen durchgeführt haben: a) Erhöhung der Durchimpfung und Durchführung der erforderlichen Impfkampagnen; b) Bereitstellung detaillierter Informationen über ihre Systeme für die Polioüberwachung; c) Einrichtung von Laborstrukturen für die zügige Weitergabe und Untersuchung von Proben. Die RCC kann sich dann mit den erhaltenen Antworten zufrieden geben. In diesem Fall könnte sie Folgendes erklären:

  • Seit der Einschleppung des Polio-Wildvirus vom Typ 1 in die Europäische Region sind zwölf Monate vergangen.
  • Mittlerweile sind angemessene und wirksame Maßnahmen ergriffen worden, und es gibt keine Anzeichen für eine anhaltende Übertragung.
  • Deshalb ist eine Wiederholung der Zertifizierung der Polio-Eradikation in der Region nicht erforderlich.

Wenn die RCC jedoch Zweifel an der Unterbrechung der Übertragung hat, kann sie auf der Grundlage der Erkenntnisse über die Erfüllung der genannten drei Bedingungen in den Ländern:

  • die Entscheidung über die Notwendigkeit einer erneuten Zertifizierung der Region vertagen;
  • eine erneute Zertifizierung nur für eine Teilregion verlangen oder
  • eine erneute Zertifizierung für die gesamte Europäische Region verlangen.

Es ist daher entscheidend, dass die Länder ihre Anstrengungen fortsetzen, um:

  • durch zusätzliche Impfmaßnahmen und die Schließung etwaiger Impflücken eine weitere Ausbreitung zu vermeiden;
  • ihre Systeme zur Polioüberwachung ausreichend sensibel für die Entdeckung etwaiger AFP-Fälle zu machen;
  • eine frühzeitige Untersuchung der eingereichten Proben in einem von der WHO akkreditierten Labor zu gewährleisten.

Die RCC hielt eine separate Tagung mit Vertretern der sechs betroffenen Länder ab, auf der über deren Pläne für Maßnahmen zur Bekämpfung von Polio im Jahr 2011 (und insbesondere in den nächsten vier Monaten) diskutiert wurde. Das Regionalbüro erörterte mit den Mitgliedstaaten die Frage der Notwendigkeit einer Abstimmung ihrer Impfkampagnen zwecks Erreichung von Synergieeffekten und Aufrechterhaltung der Dynamik in Richtung einer poliofreien Europäischen Region. Gesprochen wurde auch über eine Feinabstimmung mit den Ländern in der WHO-Region Östlicher Mittelmeerraum, insbesondere mit Afghanistan. Diese Bemühungen werden 2011 zu einer Unterbrechung der Übertragung des Polio-Wildvirus in der Europäischen Region führen.