Tuberkulose bekämpfen erfordert den Blick über die Krankheit hinaus: Fachtagung befasst sich mit den breiteren Ursachen

Die Europäische Region der WHO verzeichnet einen Anstieg der Zahl der Fälle von multiresistenter und extensiv resistenter Tuberkulose (MDR- und XDR-Tb). Nach Schätzungen erkranken in der Europäischen Region jährlich 81 000 Menschen an MDR-Tb, doch wurden im Jahr 2010 aufgrund eines begrenzten Zugangs zur Diagnose nur 29 000 Fälle diagnostiziert. Von den jährlich geschätzt etwa 7500 Fällen von XDR-Tb in der Region wurden 2010 wegen fehlender Diagnosemöglichkeiten nur 212 Fälle entdeckt.

Prävention, Diagnose, Behandlung und Pflege

An Tuberkulose kann jeder erkranken, aber am verbreitetsten ist die Krankheit unter jungen Erwachsenen im östlichen Teil der Region sowie unter Migranten und älteren Menschen in den Ländern Westeuropas. Tuberkulose ist insbesondere mit den sozialen Determinanten von Gesundheit wie Migration, Haft und sozialer Ausgrenzung verknüpft.

Angehörige dieser Gruppen finden sich selbst dort, wo wirksame Untersuchungs- und Diagnosesysteme vorhanden sind, oftmals außerhalb des Gesundheitssystems wieder, und ihre Gesundheitsprobleme sind schwer zu diagnostizieren. Doch die Diagnose ist nur der erste Schritt. Denn die Behandlung von Tuberkulose – und insbesondere von MDR- und XDR-Tb – ist langwierig, kompliziert und kostspielig. In vielen Ländern bleibt die Bereitstellung einer ununterbrochenen Therapie und Pflege eine Herausforderung für die Gesundheitssysteme. Menschen ohne Zugang zu einem sozialen Sicherheitsnetz stehen oft vor der Entscheidung, ob sie die Therapie einhalten und gesund werden oder wieder arbeiten und ihre Familie versorgen sollen.

Eine nicht abgeschlossene Behandlung hat häufig zur Folge, dass die Betroffenen erneut erkranken. In den letzten fünf Jahren ist die Erfolgsquote bei der Behandlung neuer und bereits behandelter Tuberkulosefälle in der Europäischen Region kontinuierlich gesunken: von 72% bzw. 50% (2005) auf 69% bzw. 48% (2010). 2010 lag die Erfolgsquote bei der Behandlung von Patienten mit MDR-Tb bei 56%, für neue Fälle von Lungentuberkulose und MDR-Tb werden jedoch Quoten von 85% bzw. 75% angestrebt.

„2007 wurde ich in die Tuberkuloseklinik eingewiesen. Dort verbrachte ich drei Monate, danach ging es mir wieder besser. Dann kehrte ich nach Hause zurück und begann mit der Behandlung ... Ich durfte nicht arbeiten, rauchen oder in der Sonne sitzen. Aber ich hatte kein anderes Einkommen, und ich musste meine Kinder ernähren; also ging ich doch wieder zur Arbeit. Ich habe eine tief sitzende Angst, dass ich mich nie richtig erholen werde. Ich muss eine Menge Tabletten nehmen, die starke Nebenwirkungen haben. Ich bekomme davon Kopfschmerzen, Magenschmerzen und starke Übelkeit. Das geht mir sehr nahe, weil ich doch zwei Kinder habe. Wer hier nicht arbeitet, verhungert. Es gibt nur zwei Möglichkeiten: entweder du nimmt die Tuberkulosetabletten und wirst wieder gesund, aber dann hast du nichts zu essen, oder du arbeitest und landest irgendwann wieder im Krankenhaus. Man kann eigentlich nur verlieren.“

– Iulian, ein Patient mit XDR-Tb aus dem Dorf Dambovita in Rumänien. Er starb am 5. Mai 2012 im Alter von 42 Jahren.

Reaktion der Länder der Europäischen Region

Angesichts dieser besorgniserregenden Situation hat das WHO-Regionalbüro für Europa einen Konsolidierten Aktionsplan für die Prävention und Bekämpfung von multiresistenter und extensiv resistenter Tuberkulose (2011–2015) ausgearbeitet. Damit soll der Teufelskreis von unzureichender Diagnose, Behandlung und Pflege von Tuberkulosepatienten durchbrochen werden, der zu der Zunahme der Fälle von MDR- und XDR-Tb geführt hat. Dieser Aktionsplan wurde von den Mitgliedstaaten in der Europäischen Region im September 2011 nachdrücklich bestätigt. Seine zentralen Ziele lauten:

  • Thematisierung der Determinanten und der zugrunde liegenden Risikofaktoren, die zur Entstehung und Ausbreitung von MDR- und XDR-Tb beitragen; und
  • Stärkung der Reaktion der Gesundheitssysteme bei der Bereitstellung zugänglicher, bezahlbarer und akzeptabler Angebote mittels patientenzentrierter Konzepte.

Seit der Annahme des Aktionsplans für die Europäische Region haben eine Reihe von Ländern damit vereinbare Aktionspläne gegen MDR- und XDR-Tb ausgearbeitet. In vielen Ländern hat sich der Anteil der MDR-Tb-Patienten mit Zugang zur Behandlung seit 2010 von unter 50% auf heute über 80% erhöht. Dennoch werden nach wie vor viele Patienten nicht diagnostiziert und einer ordnungsgemäßen Behandlung zugeführt. In vielen Ländern der Region stellt der Zugang zu einer Behandlung mit qualitätsgesicherten Zweitrangmedikamenten vor allem mit Blick auf marginalisierte Bevölkerungsgruppen ein schwerwiegendes Anliegen aus gesundheitlicher Sicht wie auch aus Sicht der Menschenrechte dar.

Auf der elften Fachtagung der Leiter der nationalen Tuberkuloseprogramme am 2. und 3. Juli 2012 in London berieten Vertreter des WHO-Regionalbüros für Europa mit einer Vielzahl nationaler und internationaler Experten über Fortschritte auf der nationalen Ebene sowie Lösungskonzepte für die Umsetzung des Konsolidierten Aktionsplans.

Was ist MDR- und XDR-Tb?

MDR-Tb ist resistent gegen zwei der wirksamsten Erstrang-Antituberkulotika. Sie ist ein vom Menschen verursachtes Phänomen, das aus der unzureichenden Behandlung der Tuberkulose oder aus unzureichenden Atemschutzmaßnahmen in Gesundheitseinrichtungen und in anderen beengten räumlichen Verhältnissen resultiert. XDR-Tb ist eine Form der MDR-Tb, die gegen die meisten wichtigen Erst- und Zweitrangmedikamente resistent und daher kaum heilbar ist.