Eine Krankenschwester auf der Suche nach Tuberkulosefällen am östlichen Rand Grönlands

OMS/Andrei Dadu

Die in Grönland tätige Krankenschwester Margit Weismann verfügt über umfangreiche Erfahrung im Umgang mit Tuberkulose.

Die Stadt Tasiilaq in Grönland liegt eingebettet in einen natürlichen Hafen in einem dramatischen Fjord. Mit gerade einmal 2000 Einwohnern ist sie die bevölkerungsreichste Siedlung an der Ostküste Grönlands. Sie weist eine besorgniserregende Zahl von Tuberkulosefällen auf, die einer Rate von 900 Fällen je 100 000 EW entspricht. Zum Vergleich: 2014 lag die durchschnittliche Rate in den 53 Ländern der Europäischen Region der WHO bei 37 Fällen je 100 000 EW.

Margit Weismann kam 2005 nach Tasiilaq, nachdem sie ihre Ausbildung als Krankenschwester in Dänemark abgeschlossen hatte. 2007 zog sie in die noch entlegenere Gemeinde Kuummiut, wo sie als einzige praktizierende Krankenschwester (nurse practitioner) über 400 Menschen betreute. In der Siedlung gab es keinen Arzt, der sie hätte unterstützen können.

2009 brach in der kleinen Gemeinde eine Tuberkuloseepidemie aus. Aufgrund der hohen Zahl der Tuberkulosefälle wollten manche Menschen nicht mehr nach Kuummiut kommen, sodass Margit Weismann und die anderen Einwohner noch stärker isoliert wurden. Trotz ihres nur geringen Wissens über Tuberkulose wurde Margit zur primär verantwortlichen Gesundheitsfachkraft für die Bewältigung der Epidemie. Diese Erfahrung weckte ihr Interesse, mehr über das Thema zu lernen. Als sie Kuummiut nach drei Jahren verließ, kehrte sie nach Tasiilaq zurück und arbeitete fortan als spezialisierte Tuberkulose-Krankenschwester.

Zu Margits täglichen Aufgaben in dieser Funktion gehören Untersuchungen bei ihren Tuberkulosepatienten und deren Familienangehörigen und Freunden, um festzustellen, ob sie sich ebenfalls mit der Krankheit infiziert haben.

„Es war eine sehr interessante Arbeit, aber gleichzeitig auch schwierig", erklärt sie. „Es war schwer, alle Menschen zu erreichen, da manche von ihnen sich nicht behandeln lassen wollten. Man musste die Patienten regelrecht packen."

Als erste Tuberkulose-Krankenschwester in Tasiilaq führte Margit neue Methoden für den Umgang mit der Krankheit ein. Sie erstellte eine Karte, auf der alle Tuberkulosefälle in der Gegend dargestellt waren. Diese Art der Fallverfolgung ermöglichte es ihr, gewisse falsche Vorstellungen über Tuberkulose auszuräumen, etwa die Annahme, dass die meisten Betroffenen in alten Häusern wohnen. Vielmehr kam sie sogar zu dem Schluss, dass es mehr Fälle unter den Bewohnern neuerer Häuser gibt. Diese sind teurer und werden deshalb aus Kostengründen meist von mehr Menschen bewohnt. Dadurch kann sich die Krankheit besser ausbreiten und mehr Menschen anstecken.

„Der wichtigste Teil meiner Arbeit bestand darin, die Tuberkulosefälle aufzuspüren", erklärt Weismann. „Dabei musste ich mich zu 100% auf Tuberkulose konzentrieren und alles andere ignorieren. So findet man eine Menge Tuberkulosefälle."

Auch wenn Margit heute nicht mehr ausschließlich als Tuberkulose-Krankenschwester arbeitet, so betrachtet sie die Krankheit doch nach wie vor als eine wichtige Priorität, die einen hohen Stellenwert auf der politischen Tagesordnung des Landes verdient. Doch sie ist überzeugt, dass es für eine wirksame Bekämpfung der Tuberkulose in Tasiilaq und in anderen Teilen Grönlands nicht ausreicht, nach Krankheitsfällen zu suchen. Vielmehr kommt es entscheidend auf eine breitere Sichtweise an. „Zur Vorbeugung gegen Tuberkulose braucht man bessere Wohnungen, billigere gesunde Lebensmittel, günstigere Familienverhältnisse und bessere Schulen. Die sozialen Probleme wiegen weit schwerer als die Tuberkulose. Wenn man sie löst, kann man auch die Tuberkulose besiegen."

Im Auftrag des grönländischen Gesundheitsministeriums besucht ein Expertenteam vom WHO-Regionalbüro für Europa, der Dänischen Lungengesellschaft und dem Staatlichen Serum-Institut von Dänemark vom 5. bis 11. Juni 2016 die Insel, um die Anstrengungen des Landes zur Eindämmung der wachsenden Zahl der Tuberkulosefälle zu bewerten. Der Besuch knüpft an eine vom Regionalbüro zusammen mit Partnern im April und Mai 2010 durchgeführte Bewertungsmission an. Tasiilaq war die erste Station auf dieser Mission.