Medikamentenresistente Stämme könnten zur vorherrschenden Form der Tuberkulose in Europa werden: Es ist Zeit, die Tuberkulose zu beenden

Wenn sich die gegenwärtigen Trends fortsetzen, könnte die Mehrheit der Tuberkulosepatienten in der nächsten Generation an der medikamentenresistenten Form der Krankheit erkranken. Aus dem von der WHO und dem Europäischen Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) vor kurzem veröffentlichen Bericht mit dem Titel „Tuberkulose-Surveillance und -Kontrolle in der Europäischen Region 2019 (Daten von 2017)“ geht hervor, dass sich die Europäische Region schwer damit tut, ausreichende Fortschritte auf dem Weg zur Beendigung der Krankheit zu erreichen. Probleme bei der frühzeitigen Entdeckung, die zu weiterer Übertragung führen, sowie unzureichende Behandlung begünstigen die Entstehung von Resistenzen. Trotz eines Rückgangs der Fallzahlen insgesamt bleibt die Tuberkulose eine große Bedrohung für die öffentliche Gesundheit, die mit viel Leiden für die Patienten verbunden ist und eine Fortschreibung der Armut zur Folge hat.

Mit 30 Tuberkulosediagnosen pro Stunde in der Europäischen Region zahlen Patienten und Gesundheitssysteme gleichermaßen einen hohen Preis. Dabei ist der östliche Teil der Region weltweit zum Brennpunkt für die medikamentenresistente Tuberkulose geworden. Von den 275 000 Neudiagnosen und Rückfällen leiden Schätzungen zufolge 77 000 Patienten an schwer behandelbarer multiresistenter Tuberkulose (MDR-Tb). Knapp 7000 Patienten leiden unter extensiv resistenter Tuberkulose (XDR-Tb), der noch resistenteren Form der Krankheit.

Für den 16-jährigen Arman in Armenien waren die Aussichten denkbar düster, als er mit XDR-Tb diagnostiziert wurde. Eine Fehldiagnose mit Lungenentzündung hatte zur Folge, dass sich seine Behandlung um zwei Monate verzögerte, doch seine Lage verbesserte sich, als er zum Nationalen Zentrum für Tuberkulosebekämpfung in Armenien in die Obhut von Dr. Lusine Yeghiazaryan überwiesen wurde. Armans Genesung begann im Labor, wo das Personal mit Schnelltests zwei Tatsachen feststellen konnte, die seine Versorgung bestimmten und wahrscheinlich sein Leben retteten. Zunächst wurde festgestellt, dass Arman an XDR-Tb erkrankt war, sodass keine Zeit mehr mit dem Versuch vergeudet wurde, Medikamente zu finden, die nicht wirken würden. Zweitens konnten die wenigen wirksamen Medikamente bestimmt und verschrieben werden – zusammen mit Bedaquilin, einem neuen Medikament, das die WHO für die Behandlung dieser resistenten Formen der Tuberkulose empfiehlt. Die erste Phase von Armans Behandlung fand im Krankenhaus statt, doch nach ein paar Monaten war er nicht mehr ansteckend und durfte die Behandlung zuhause fortsetzen und konnte so in sein normales Leben zurückkehren.

„Tuberkulose kann jeden treffen, aber meistens sind die anfälligsten Gruppen am stärksten betroffen. Aufgrund der Anstrengungen der Länder der Europäischen Region hat sich die jährliche Zahl der Erkrankungen an Tuberkulose verringert, doch die Fortschritte bei der Bekämpfung von Resistenzen verlaufen zu langsam. Wir müssen so bald wie möglich die frühzeitigen Diagnosen sowie wirksamere Therapien für alle Formen der Tuberkulose ausweiten. Anderenfalls wird die medikamentenresistente Tuberkulose zur vorherrschenden Form werden und die Beendigung der Tuberkulose zu einer Utopie“, warnte Dr. Masoud Dara, Koordinator für übertragbare Krankheiten und Leiter des Gemeinsamen Programms für Tuberkulose, HIV und Virushepatitis beim WHO-Regionalbüro für Europa.

Neue Hoffnung auf Behandlung der medikamentenresistenten Tuberkulose

Bisher bedeutete eine Diagnose mit medikamentenresistenter Tuberkulose für die Patienten den Beginn einer äußerst unangenehmen Behandlung, die bis zu zwei Jahre dauerte. Doch nun empfiehlt die WHO für die Behandlung der MDR-Tb Medikamente, die sicherer und wirksamer sind und auch eine geringere Gefahr schwerer Nebenwirkungen mit sich bringen, sowie einen neuen Behandlungsverlauf, der eine bessere Wirkung verspricht. Im Durchschnitt werden in der Europäischen Region nur 57% der Patienten mit MDR-Tb und 35% der Patienten mit XDR-Tb erfolgreich behandelt. In den Ländern der Europäischen Union und des Europäischen Wirtschaftsraums liegt die Erfolgsquote bei nur 47% für MDR-Tb und 28% für XDR-Tb.

Schnelltests sind entscheidend

Bei der Tuberkulose kommt es entscheidend auf eine ordnungsgemäße und zügige Diagnose an. Je früher ein Patient diagnostiziert wird, desto schneller kann die Behandlung eingeleitet werden, wodurch Leiden gelindert und eine weitere Übertragung der Krankheit verhindert wird. Aus dem neuen Bericht geht hervor, dass nur knapp über die Hälfte aller neu gemeldeten Tuberkulosepatienten als mit den von der WHO empfohlenen Schnelltests diagnostiziert gemeldet wurden. Um die Diagnose zu verbessern und geeignete Behandlungsmethoden zu gewährleisten, müssen auf Ebene der Länder die Kapazitäten für die Schnelldiagnose der resistenten Formen der Tuberkulose vorhanden sein.

Insgesamt gesehen verbessert sich die Situation in der Europäischen Region zu langsam, um bis 2030 die Tuberkulose beenden und die in den Zielen für nachhaltige Entwicklung enthaltene Zielvorgabe für die Krankheit erfüllen zu können. Deshalb sind neue ressortübergreifende Lösungsansätze erforderlich; außerdem müssen die derzeit verfügbaren Instrumente wirksamer genutzt werden, und ein patientenorientierter Ansatz in der Versorgung ist unverzichtbar. Die im September 2018 abgehaltene Tagung der Vereinten Nationen auf hoher Ebene zur Bekämpfung der Tuberkulose, auf der führende Politiker aus der ganzen Welt ihre Entschlossenheit zur Beendigung der Tuberkulose bis 2030 bekräftigten, hat der Welt Hoffnung gegeben. Dieses politische Bekenntnis gilt es jetzt in konkrete Maßnahmen zur Beendigung der Tuberkulose umzusetzen.