Neue Faktenblätter der WHO verdeutlichen: Europa tut sich schwer mit Umsetzung von Konzepten zur Reduzierung des Alkoholkonsums

Alex Plonsky

Europa gehört zu den Regionen der WHO mit den höchsten Raten alkoholbedingter Todesfälle. In Stockholm haben die Mitgliedstaaten auf der ersten Konsultation der Europäischen Region über die Umsetzung des Europäischen Aktionsplans zur Verringerung des schädlichen Alkoholkonsums (2012–2020) über wirksame, evidenzbasierte Wege zur Umkehr dieses Trends diskutiert.

Dabei prüften die Teilnehmer Möglichkeiten, diesen Prozess entscheidend zu unterstützen. Der Europäische Aktionsplan hat seit seiner Annahme den Rückgang des Alkoholkonsums begünstigt, doch es gibt noch Verbesserungsbedarf. So starben 2016 weltweit immer noch über 3 Mio. Menschen an den Folgen von Alkoholmissbrauch, davon 1 Mio. in der Europäischen Region.

„Die Zahlen fallen ins Auge, und obwohl dies eine komplexe Problematik ist, wissen wir doch, welche Maßnahmen und Konzepte wirken“, erklärt Dr. Bente Mikkelsen, Leiterin der Abteilung Nichtübertragbare Krankheiten und Gesundheitsförderung im gesamten Lebensverlauf beim WHO-Regionalbüro für Europa. „Bedauerlicherweise haben wir immer noch extrem hohe Todesraten aufgrund alkoholbedingter Ursachen – auch sieben Jahre nach Anlaufen des Europäischen Aktionsplans und vier Jahre nach Annahme der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung.“

Um den Ernst der Lage zu verdeutlichen, hat das WHO-Regionalbüro für Europa eine Reihe von Faktenblättern über Alkoholkonsum, alkoholbedingte Schäden und politische Gegenmaßnahmen in 30 Ländern der Europäischen Region erstellt. Aus diesen geht hervor, dass 2016 in den Mitgliedstaaten der Europäischen Union sowie Norwegen und der Schweiz ca. 42% aller Verkehrstoten und 23% aller verletzungsbedingten Todesfälle auf Alkoholkonsum zurückzuführen waren. Während des gleichen Zeitraums wurde ein Fünftel aller Todesfälle in der Altersgruppe von 15 bis 19 Jahren durch Alkoholkonsum verursacht.

Wirksame Konzepte werden nur wenig umgesetzt

Im Europäischen Aktionsplan werden zehn konkrete Aktionspunkte genannt. „Aus gegenwärtiger Sicht fällt vor allem die insgesamt niedrige Umsetzungsrate bei Preisgestaltungskonzepten in allen Ländern auf“, sagt Dr. Carina Ferreira-Borges, Leiterin des Programms für Alkohol und illegale Drogen beim Europäischen Büro der WHO für die Prävention und Bekämpfung nichtübertragbarer Krankheiten, die die Untersuchung koordinierte.

Sie fügt hinzu: „Von allen Maßnahmen in der Alkoholpolitik ist die Wirkung von Alkoholpreisen auf Alkoholkonsum und alkoholbedingte Schäden vielleicht am besten belegt.“ Eine andere wichtige Maßnahme sind Gesundheitshinweise auf Flaschen, die auf die Gefahren und gesundheitlichen Risiken von Alkohol aufmerksam machen sollen. Doch die Umsetzung dieser Ideen und Politikziele verläuft oftmals nur langsam. Alkoholwerbung im Internet stellt eine neue Herausforderung dar, die es zu bewältigen gilt.

Auf der Tagung in Stockholm, die mit Unterstützung durch Schweden und Deutschland stattfand, wurde die Frage erörtert, wie die Umsetzung des Europäischen Aktionsplans vorangetrieben werden kann. Ihr folgte eine Konsultation in Portugal mit Organisationen der Zivilgesellschaft.

Eine Erfolgsgeschichte aus der Russischen Föderation

Die Russische Föderation ist ein Beispiel für ein Land, das eine Reihe von Konzepten zur Verringerung des Alkoholkonsums erfolgreich umgesetzt hat. Seit 2005 erhöht die Russische Föderation den Preis alkoholischer Getränke und verringert die Verfügbarkeit von Alkohol. Außerdem hat sie das gesetzliche Mindestalter für Alkoholkonsum erhöht. Die Ergebnisse dieser Maßnahmen sind beeindruckend.

Noch 2006 lag nach Angaben der WHO der Alkoholkonsum pro Kopf in der Altersgruppe über 15 Jahre bei durchschnittlich 17,1 Litern reinem Alkohol. 2016 war er laut WHO auf 11,1 Liter pro Kopf gesunken.

„Der Rückgang des Alkoholkonsums in der Russischen Föderation gehört zu den wichtigsten Ergebnissen für uns in der Europäischen Region. Langfristig würden wir gerne die Erfahrungen der Russischen Föderation mit anderen Ländern teilen, die vor ähnlichen Herausforderungen stehen“, erklärt Dr. Ferreira-Borges.