Erhaltung der Wirksamkeit von Antibiotika durch Begrenzung ihrer Anwendung während der aktuellen Grippesaison

WHO

Antibiotika können keine durch Viren verursachten Infektionen heilen. Diese Tatsache ist unter Klinikern bekannt und hat sich in den letzten Jahren auch in der Allgemeinbevölkerung verstärkt herumgesprochen. Doch trotz dieses wachsenden Bewusstseins kommt es alljährlich während der Grippesaison zu einer erhöhten Anwendung von Antibiotika.

In einer Reihe von Untersuchungen konnte für die Wintermonate eine Zunahme der Verschreibung von Antibiotika belegt werden, insbesondere für Infektionen der oberen Atemwege bei Kindern im Alter bis drei Jahre. Zwar können Antibiotika in manchen Fällen bei sekundären bakteriellen Infektionen von Nutzen sein, doch sind sie gegen die Grippeinfektion selbst wirkungslos.

Untersuchungen haben ergeben, dass 64% der Befragten fälschlicherweise der Ansicht waren, Erkältungen und Grippe ließen sich mit Antibiotika behandeln. Die meisten Grippefälle lösen sich von selbst, andere lassen sich mit antiviralen Medikamenten behandeln.

Bei der Anwendung von Antibiotika ist Vorsicht geboten, damit ihre Wirksamkeit für Fälle erhalten bleibt, in denen sie wirklich gebraucht werden. Um Ärzte darüber zu beraten, welche Antibiotika bei häufigen Infektionen verwendet werden und welche nur bei ernstesten Erkrankungen zum Einsatz kommen dürfen, hat die WHO auf ihrer Modellliste unentbehrlicher Arzneimittel Antibiotika in drei Kategorien eingeteilt:

Standardbehandlung (Access), kontrollierte Abgabe (Watch) und nur im Notfall (Reserve).

  • Die Kategorie Standardbehandlung umfasst Antibiotika erster und zweiter Wahl bei häufigen Infektionen. Sie sollten allgemein verfügbar sein.
  • Zur Kategorie für die kontrollierte Abgabe gehören Klassen von Antibiotika, die nur bei speziellen Indikationen verschrieben werden sollten, da sonst ein erhöhtes Risiko der Entstehung bakterieller Resistenzen herrscht.
  • Die Kategorie für Notfälle besteht aus Mitteln der letzten Wahl.

Janusz gab nicht auf

Die Geschichte von Janusz Ochnio und seiner Frau Halina verdeutlicht, wie wichtig es ist, die Wirksamkeit von Antibiotika zu erhalten, damit sie wirken, wenn sie am meisten gebraucht werden. Das Paar, das in Polen lebt, hatte große Hoffnungen auf ein normales, gesundes gemeinsames Leben, nachdem Janusz vor zwei Jahren eine Nierentransplantation erhalten hatte. Leider wurde das Spenderorgan abgestoßen, und er musste wieder an die Dialyse.

Und es kam noch schlimmer: im Sommer 2018 erlitt Janusz einen Schlaganfall. Als er dann zur Behandlung im Krankenhaus war, zog er sich einen schweren Husten zu. Seine Frau erinnert sich: „Als ich ihn besuchen kam, konnte ich ihn schon von der Treppe aus husten hören; er war fast am Ersticken.“

Das Paar wurde 100 Kilometer entfernt von ihrem örtlichen Krankenhaus in die Abteilung für Transplantationsmedizin und Nephrologie am Herz-Jesu-Klinikum in Warschau verlegt. Dort wurde bei einer Bronchoskopie Klebsiella pneumoniae entdeckt, ein Bakterium, das gegen ein breites Spektrum von Antibiotika resistent ist.

Fern von zuhause und ohne die Möglichkeit, Besuch zu empfangen, durchlebte das Paar eine Zeit voller Angst und Einsamkeit. Halina erinnert sich: „Dieses Bakterium ist gegen die meisten Antibiotika resistent und hat uns in die Isolation gezwungen. Mein Mann ist blind und kann die Menschen um ihn nur an der Stimme erkennen. An diesem unvertrauten Ort musste ich die ganze Zeit bei ihm sein. Ich hörte auf zu arbeiten, um mich um ihn kümmern zu können. Niemand konnte mich ablösen; nicht einmal unsere Kinder konnte ich um Hilfe bitte, weil sie selbst kleine Kinder haben und ich sie nicht dieser Gefahr aussetzen wollte.“

Glücklicherweise schlug bei diesem Bakterium das Antibiotikum Meropenem an, das von der WHO als Reserveantibiotikum für solche schwer behandelbaren Fälle empfohlen wird. Nach einer mehrwöchigen Behandlung wurde Janusz entlassen – zur Erleichterung seiner Frau: „Janusz gab nicht auf. Nach dem Schlaganfall und dieser fürchterlichen Lungenentzündung konnte er wieder laufen und zu seiner normalen Tätigkeit zurückkehren. Ich bin allen Ärzten wirklich dankbar, die ihm so geholfen haben.“

Schutz medizinisch wichtiger antimikrobieller Mittel

Meropenem ist auf der Modellliste unentbehrlicher Arzneimittel der WHO in der Kategorie der Antibiotika zur kontrollierten Abgabe zu finden. Es steht auch auf der WHO-Liste von für die Humanmedizin unverzichtbaren antimikrobiellen Mitteln, einem Klassifizierungssystem, das auf eine Begrenzung des Gebrauchs medizinisch wichtiger antimikrobieller Mittel in der Viehzucht abzielt.

„Januszs Fall verdeutlicht, wie gefährlich Antibiotikaresistenzen sein können“, erklärt Dr. Danilo Lo Fo Wong, Leiter des Programms für Antibiotikaresistenz beim WHO-Regionalbüro für Europa. „Wir dürfen Antibiotika nicht als eine Selbstverständlichkeit betrachten, und wir müssen vor allem darüber wachen, dass es während der Grippesaison nicht zu einer übermäßigen Anwendung kommt. Im Interesse der Gesundheit künftiger Generationen kommt es entscheidend darauf an, dass wir Antibiotika mit Respekt behandeln, damit sie für uns da sind, wenn wir sie brauchen. Januszs Geschichte zeigt deutlich, wie wichtig es ist, sich an Listen unentbehrlicher Antibiotika zu halten und ihre Anwendung strikt auf sehr spezifische Fälle wie diesen zu beschränken.“

Das Influenza-Programm beim WHO-Regionalbüro für Europa leistet Orientierungshilfe in Bezug auf Diagnose und Behandlung von Grippeerkrankungen. Dr. Caroline Brown, Programmleiterin in der Abteilung Gesundheitliche Notlagen und übertragbare Krankheiten beim WHO-Regionalbüro für Europa, hebt hervor: „Unsere Leitlinien zielen darauf ab, Ärzte zu einem angemessenen Einsatz von antiviraler Therapie gegen Influenza sowie einer Antibiotikabehandlung von sekundären bakteriellen Infektionen zu veranlassen, die bei etwa 30% der tödlichen Fälle festgestellt werden.“