Estland bekämpft Adipositas mit Steuer auf zuckergesüßte Getränke

WHO/Christopher Black

Estland hat Pläne zur Bekämpfung der Adipositas durch Reduzierung des Zuckerkonsums veröffentlicht, die als ersten Schritt die Einführung einer Steuer auf zuckergesüßte Getränke ab 2018 vorsehen. Die Initiative soll jährlich Einnahmen in Höhe von 24 Mio. € einbringen, was zu einer Senkung der Aufnahme von freien Zuckern und der Energiezufuhr und damit zu Verbesserungen in Bezug auf Adipositas und Zahngesundheit beitragen soll.

Der Auslöser für diesen innovativen Schritt ist ein Hintergrundpapier für die Politik (EPB), eine umfassende Zusammenstellung von Erkenntnissen von der globalen und lokalen Ebene durch politische Entscheidungsträger, Gesundheitsexperten und Forscher aus Estland. Das EBP wurde vom WHO-Regionalbüro für Europa unterstützt und unter dem Dach des Evidence-informed Policy Network (EVIPNet) unter dem Titel „Reduzierung des Konsums zuckergesüßter Getränke und ihrer negativen Auswirkungen in Estland“ verfasst. Es enthält die Aussage, dass der Konsum zuckergesüßter Getränke stärker mit einer erhöhten Energiezufuhr und mit Gewichtszunahme, Übergewicht und sogar Adipositas einhergeht als jede andere Art von Lebensmittel oder Getränk und auch die Entstehung mehrerer nichtübertragbarer Krankheiten und einer schlechten Mundgesundheit begünstigt.

Handeln aufgrund von Evidenz

Bereits heute leiden mehr als die Hälfte der Esten an Übergewicht oder Adipositas, und ihre Zahl steigt rapide an, insbesondere unter Kindern und Jugendlichen. Der inhaltliche Schwerpunkt des EBP liegt auf Kindern, da Präferenzen und Konsumgewohnheiten in Bezug auf Getränke sich in der frühen Kindheit herausbilden und sich oft im weiteren Leben fortsetzen. Eine neuere Untersuchung im Rahmen der Initiative der WHO zur Überwachung von Adipositas im Kindesalter in Estland enthielt die Schätzung, dass 28% der Kinder im schulpflichtigen Alter bereits an Übergewicht oder Adipositas leiden.

In dem EBP werden vier Handlungsoptionen für die Reduzierung des Konsums zuckergesüßter Getränke und ihrer negativen gesundheitlichen Auswirkungen beschrieben:

  • Regulierung der Lebensmittelwerbung;
  • Etikettierung zuckergesüßter Getränke und Sensibilisierung für ihre gesundheitlichen Auswirkungen;
  • schulische Interventionen und Ernährungskonzepte; und
  • Einführung von Steuern auf zuckergesüßte Getränke, Subventionierung anderer Lebensmittelgruppen bzw. Angebot anderer Getränkearten.

Das Papier kommt zu dem Fazit, dass die vier Handlungsoptionen einander ergänzen und bei einer gleichzeitigen Einführung zur Erreichung besserer gesundheitlicher Resultate beitragen würden. Umfassende, aus mehreren Komponenten bestehende Interventionen werden eine Verringerung des Konsums zuckergesüßter Getränke und ihrer negativen gesundheitlichen Folgen bewirken.

Dr. João Breda, Leiter des Programms für Ernährung, Bewegung und Adipositasbekämpfung beim WHO-Regionalbüro für Europa, erklärt: „Diese Entwicklung zeugt von starken und dauerhaften Arbeitsbeziehungen zwischen dem Regionalbüro für Europa und Estland. Sie verdeutlicht auch die Wirkung solider und gut vorbereiteter Evidenz, die diesen kühnen Schritt ermöglicht hat – trotz starken Gegenwinds von der Industrie. Der Regierung Estlands gebührt unsere Anerkennung für ihren Mut und ihre Innovationskraft.“

Dr. Claudia Stein, Direktorin der Abteilung Information, Evidenz, Forschung und Innovation beim WHO-Regionalbüro für Europa, kommentiert: „Die Erkenntnisgrundlage für den Handlungsbedarf bei zuckergesüßten Getränken ist zwingend. Doch erst bei einer entsprechenden Aufbereitung der Evidenz mit Betrachtung aus vielen verschiedenen Blickwinkeln und bei korrekter Präsentation sind diese Erkenntnisse für politische Entscheidungsträger wirklich von Wert. Deshalb bewirkt das EVIPNet einen entscheidenden Unterschied in den Ländern der Europäischen Region, indem es Kapazitäten für die Ausarbeitung von Hintergrundpapieren aufbaut, die nicht ignoriert werden können.“

Ähnliche Steuern haben sich in Ländern wie Frankreich, Ungarn, Lettland und Mexiko als erfolgreich erwiesen. In Lettland wurden als Reaktion auf Erkenntnisse aus dem vom Regionalbüro im März 2016 vorgelegten Bericht über das Gesundheitsverhalten von Kindern im schulpflichtigen Alter neue Steuern eingeführt. Zahlreiche Länder prüfen die vorliegenden Erkenntnisse über den Nutzen solcher Steuern und erwägen die Einführung entsprechender Maßnahmen.

Dr Claudia Stein, Director of the Division of Information, Evidence, Research and Innovation at WHO/Europe, said: “The evidence base for taking action on sugar-sweetened beverages is compelling. However, it is only when that evidence is synthesized, considered from many different perspectives and presented correctly that it really becomes useful to a policy-maker. This is where EVIPNet has truly become a game-changer in Europe, building capacity to develop policy briefs that cannot be ignored.”

There are successful examples of similar taxes in France, Hungary, Latvia and Mexico. In Latvia, taxes were introduced in response to evidence presented in the Health Behaviour in School-aged Children report produced by WHO/Europe in March 2016. Many other countries are examining the body of evidence in support of such taxation and are considering following suit.