Reduzierung des Zuckergehalts von Lebensmitteln durch Ansetzen an der Versorgungskette

WHO

Die WHO hat eine neue Studie veröffentlicht, in der untersucht wird, warum die Hersteller und andere Akteure entlang der Versorgungskette so große Mengen Zucker in Lebensmitteln verwenden. Die Publikation mit dem Titel „Positive und negative Anreize zur Zuckerreduktion in verarbeiteten Lebensmitteln: eine erläuternde Analyse der Versorgungskette“ kommt zu dem Ergebnis, dass zur Verringerung des Zuckerkonsums ein das gesamte Lebensmittelsystem umfassender Ansatz notwendig wäre.

Hintergrund für den Bericht der WHO war die wachsende Besorgnis angesichts des übermäßigen Konsums freier Zucker in der gesamten Europäischen Region. Dieser wird für Gewichtszunahme bei Erwachsenen wie auch Kindern verantwortlich gemacht.

Mehr positive als negative Anreize für die Herstellung von Lebensmitteln mit hohem Zuckergehalt

Zu den wichtigsten Quellen freier Zucker in der Ernährung gehören in den europäischen Ländern zuckerhaltige Getränke, aber auch Produkte wie Süßigkeiten, Schokolade, Kuchen, Teigwaren und Kekse. Der Begriff „freie Zucker“ umfasst alle Monosaccharide und Disaccharide, die der Nahrung durch Lebensmittelhersteller, Köche oder Konsumenten hinzugefügt werden, sowie den natürlichen Zuckergehalt von Honig, Sirup und Fruchtsäften. Er schließt nicht Zucker ein, die in Obst oder Gemüse enthalten sind.

Nach Empfehlung der WHO sollten sowohl bei Erwachsenen als auch bei Kindern weniger als 10% – idealerweise weniger als 5% – der täglichen Energiezufuhr aus freien Zuckern stammen.

Aus dem neuen Bericht, der in Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Lebensmittelpolitik an der City, University of London erstellt wurde, geht hervor, dass die Hersteller von Lebensmitteln mit hohem Zuckergehalt und auch der Handel gegenwärtig mehr Anreize haben, weiterhin auf Zucker zu setzen, als seine Verwendung zu begrenzen oder ihn vollständig zu ersetzen.

Zu diesen Anreizen gehören:

  • die Wahrnehmung, dass Zucker der goldene Standard zum Süßen ist;
  • die Verfügbarkeit von Zucker als relativ kostengünstige und im Überfluss vorhandene Ressource, die aus einer Vielzahl von Quellen erschließbar ist;
  • das Streben von Herstellern und Handel nach Erhaltung ihrer Wettbewerbsfähigkeit;
  • der Wunsch von Herstellern und Handel nach Aufrechterhaltung der „Wahlfreiheit“ für Verbraucher, die immer noch
  • zuckerhaltige Lebensmittel kaufen wollen;
  • die Tatsache, dass Zucker wesentliche funktionelle Eigenschaften industriell verarbeiteter Lebensmittel ausmacht; und

Bedenken der Verbraucher in Bezug auf künstliche Süßstoffe.

  • Gegenwärtig gibt es relativ wenige Anreize für die Hersteller, den Zuckergehalt in verarbeiteten Lebensmitteln zu senken. Dazu zählen:
  • ein erhöhtes Bewusstsein der Verbraucher für die gesundheitlichen Auswirkungen von Zucker;
  • staatliche Konzepte und Maßnahmen zur Reduzierung der Nachfrage der Verbraucher nach Zucker; und
  • die Verfügbarkeit einer größeren Vielfalt kalorienfreier Süßstoffe.

Politikinstrumente zur Verschiebung des Verhältnisses zwischen positiven und negativen Anreizen

Auf dieser Grundlage werden in dem Bericht eine Vielzahl von Politikinstrumenten untersucht, mit denen Regierungen ein gesünderes Ernährungsumfeld schaffen können, indem die Anreizstruktur für Hersteller und Handel hin zur Reduzierung des Zuckergehalts in Lebensmitteln verlagert und den Menschen dabei geholfen wird, gesündere Ernährungsgewohnheiten zu entwickeln. Die Instrumente sind mit den im Europäischen Aktionsplan Nahrung und Ernährung (2015–2020) der WHO genannten Grundsatzoptionen vereinbar.

Konkret werden in dem Bericht folgende Lösungsansätze für die Verbesserung des Nährwerts von Lebensmitteln untersucht:

  • Beschränkung der Vermarktung von Lebensmitteln an Kinder;
  • verbraucherfreundliche Kennzeichnung;
  • Preisgestaltung;
  • Normen für Schulmahlzeiten; und
  • ehrgeizige Strategien zur Reformulierung von Lebensmittelprodukten.

„Es ist klar, dass aus gesundheitlicher Sicht entschlossene Maßnahmen notwendig sind, um den Zuckergehalt von verarbeiteten Lebensmitteln in der Europäischen Region zu senken“, erklärt Dr. João Breda, Leiter des Europäischen Büros der WHO für die Prävention und Bekämpfung nichtübertragbarer Krankheiten und des Programms für Ernährung, Bewegung und Adipositas beim Regionalbüro für Europa.

„Wir verfügen bereits über ermutigende Beispiele aus mehreren Ländern in Europa, die bewiesen haben, dass es möglich ist, die Industrie zu einer Senkung des Zuckergehalts in Lebensmitteln zu veranlassen: durch spezifische, zeitgebundene Zielvorgaben für die Zuckerreduktion und eine erläuternde Kennzeichnung auf der Vorderseite von Verpackungen. Andere haben gesetzliche Vorschriften eingeführt, etwa zur Besteuerung zuckerhaltiger Getränke oder zur Einschränkung der Vermarktung stark zuckerhaltiger Produkte an Kinder.“

Neue Analyse soll weitere Diskussionen und Maßnahmen anstoßen

Die neue Publikation der WHO wird zur weiteren Umsetzung der Leitlinien der WHO über den Konsum freier Zucker beitragen. Sie beinhaltet auch gute Argumente für weitere Forschungsanstrengungen und Grundsatzdiskussionen über die wirksamsten Wege zu einer gesundheitsförderlichen Umgestaltung moderner Lebensmittelsysteme.

Die Analyse wurde von der WHO auf dem gemeinsam mit der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) organisierten Internationalen Symposium über nachhaltige Lebensmittelsysteme für eine gesunde und verbesserte Ernährung, das am 4. und 5. Dezember 2017 in Budapest stattfand, den Mitgliedstaaten zur Beratung vorgelegt. Die WHO begrüßt wärmstens die Rückmeldungen aus den Ländern hinsichtlich der aus der Analyse gewonnenen Erkenntnisse.