Handlungskonzepte zur Beschränkung der Vermarktung ungesunder Lebensmittel an Kinder gehen nicht weit genug, um deren Gesundheit und Rechte zu schützen

WHO

Ein neuer Bericht des WHO-Regionalbüros für Europa stellt fest, dass viele bestehende Handlungskonzepte und Regelungen zur Bekämpfung der Vermarktung von Lebensmitteln an Kinder eindeutig unzureichend sind, sodass Kinder auch weiterhin den kommerziellen Werbebotschaften für Lebensmittel mit hohem Fett-, Salz- und Zuckergehalt ausgesetzt sind.

Der Bericht untersucht die beste verfügbare Evidenz zur Umsetzung von entsprechenden Handlungskonzepten in der Europäischen Region der WHO und kommt zu dem Ergebnis, dass etwa die Hälfte der 53 Länder in der Region Maßnahmen ergriffen haben, um die Vermarktung von Lebensmitteln mit hohem Fett-, Salz- und Zuckergehalt an Kinder einzuschränken. Einige Länder haben rechtlich bindende Regeln eingeführt, die die Vermarktung von Lebensmitteln mit hohem Fett-, Salz- und Zuckergehalt in bestimmten Medien und zu bestimmten Zeiten konkret beschränken. Andere versuchen, die Herausforderung der digitalen Vermarktung zu bewältigen. Viele Länder sehen jedoch weiterhin keinen Handlungsbedarf und eine überwältigende Zahl bevorzugt weiterhin eine Selbstregulierung durch die Lebensmittel- und Werbebranchen – ein Ansatz, der bei unabhängigen Überprüfungen oft als unzureichend eingeschätzt wird.

Darüber hinaus deuten Erkenntnisse darauf hin, dass die Wirkung der bestehenden Handlungskonzepte zum Schutz von Kindern vor den Einflüssen der Vermarktung von Lebensmitteln mit hohem Fett-, Salz- und Zuckergehalt begrenzt ist – ein Problem, das sich durch die sich verändernde Nutzung der Medien und die zunehmende Integrierung von Werbung in einer Reihe verschiedener Medien und Plattformen noch verschärft.

Trotz Anzeichen von Schädigung hapert es in den Ländern an der Umsetzung von WHO-Empfehlungen zur Vermarktung von Lebensmitteln

Im Mai 2010 nahm die Weltgesundheitsversammlung einstimmig eine Reihe von Empfehlungen zur Vermarktung von Lebensmitteln und nichtalkoholischen Getränken an Kinder an. In diesen Empfehlungen wird dringend an die Länder appelliert, die Auswirkungen der Vermarktung von energiereichen, hochgradig verarbeiteten Lebensmitteln mit hohem Fett-, Salz- und Zuckergehalt und entsprechenden Getränken auf Kinder einzuschränken. Der Bericht kommt jedoch zu dem Ergebnis, dass diese Empfehlungen weiterhin nur zögerlich umgesetzt werden – trotz eindeutiger Anzeichen dafür, dass die Vermarktung von Lebensmitteln mit hohem Fett-, Salz- und Zuckergehalt schädliche Auswirkungen auf das Essverhalten und Körpergewicht von Kindern hat, und trotz wiederholter Bekenntnisse der Länder, die Ausbreitung von Adipositas im Kindesalter bis 2025 einzudämmen.

Der Bericht, der zusammen mit Kooperationspartnern der University of Liverpool und der Open University des Vereinigten Königreichs erstellt wurde, identifiziert bestehende Regelungslücken, fortbestehende Herausforderungen und Faktoren, die von den Ländern zu berücksichtigen sind, um die schädlichen Auswirkungen einer Vermarktung von Lebensmitteln mit hohem Fett-, Salz- und Zuckergehalt auf die Gesundheit und Rechte von Kindern wirksam einzudämmen.

Auf Grundlage der zuverlässigsten Evidenz bietet der Bericht den Ländern Orientierungshilfe bei der Ausarbeitung von Handlungskonzepten im Einklang mit den Empfehlungen der WHO. Insbesondere fordert der Bericht die Länder auf, folgende Aspekte zu berücksichtigen:

  • Die meisten ergriffenen Maßnahmen konzentrieren sich ausschließlich auf die Vermarktung in Fernsehen und Rundfunk, obwohl es eindeutige Anzeichen dafür gibt, dass Kinder auf vielfache Weise der Vermarktung ausgesetzt sind: im digitalen Bereich, durch Produktauslagen und die Verpackung von und das Sponsoring durch Lebensmittel mit hohem Fett-, Salz und Zuckergehalt. Die Länder müssen daher einen umfassenderen Ansatz verfolgen, um die Vermarktung entsprechender Lebensmittel zu regulieren.
  • Der Anwendungsbereich bestehender Vorschriften ist üblicherweise auf die an Kinder gerichteten Programme begrenzt und konzentriert sich insbesondere auf Werbung, wodurch eine Vielzahl an Programmen, Medien und Vermarktungstechniken, denen Kinder ausgesetzt sind, unberührt bleiben. Die Länder sollten daher sicherstellen, dass sie anstelle von Handlungskonzepten, die sich lediglich auf die Klassifizierung von Inhalten oder Medien stützen, mehr Gewicht auf die Ausarbeitung von Handlungskonzepten zur wirksamen Einschränkung der tatsächlichen Exposition von Kindern gegenüber der Vermarktung von Lebensmitteln mit hohem Fett-, Salz- und Zuckergehalt legen.
  • Die bestehenden Regelungen dienen üblicherweise ausschließlich dem Schutz von Kindern bis zu einem bestimmten Alter (normalerweise 12 oder 13 Jahre), obwohl die Erkenntnis wächst, dass auch Jugendliche negativ durch die Vermarktung von Lebensmitteln mit hohem Fett-, Salz und Zuckergehalt beeinflusst werden. Die Tragweite der Regelungen sollte auf den Schutz aller Kinder ausgeweitet werden.
  • Auch haben es die Länder in zahlreichen Fällen vernachlässigt, wirksame Klassifizierungssysteme von Lebensmitteln einzuführen, um festzulegen, welche Art von Lebensmitteln nicht an Kinder vermarktet werden sollten. Sie sollten sicherstellen, dass bestehende evidenzbasierte Nährstoffprofilsysteme verwendet oder entsprechende Systeme neu entwickelt werden, mit Hilfe derer ungesunde Lebensmittel anhand ihrer Nährstoffqualitäten effizient identifiziert werden.
  • Die Länder haben es versäumt, die grenzüberschreitende Vermarktung auf Ebene der Region effektiv zu regulieren; sie sollten sich darüber Gedanken machen, wie sich durch bessere Kooperation und Vereinheitlichung die Verwässerung nationaler Beschränkungen für die Vermarktung von Lebensmitteln mit hohem Fett-, Salz- und Zuckergehalt verhindern und die Anstrengungen zur Bekämpfung des weltweiten Problems der Vermarktung von Lebensmitteln in den digitalen Medien verstärken ließen.

Trotz des uneinheitlichen Bildes, das sich gegenwärtig im Hinblick auf die Ausarbeitung von Handlungskonzepten bietet, steigt das Interesse in den Ländern – und zu einem gewissen Grad scheint auch die Bereitschaft der Länder zu steigen – wirksamere Maßnahmen zu ergreifen. Die WHO unterstützt die Mitgliedstaaten ihrerseits weiterhin durch das Aufzeigen von Lösungen, insbesondere im Rahmen der jährlichen Tagungen des Europäischen Aktionsnetzes der WHO für die Beschränkung der Vermarktung an Kinder sowie einer Fachtagung über die digitale Vermarktung ungesunder Lebensmittel, die im Juni 2018 in Moskau stattfand.