Poliomyelitis und Impfstoffe zu ihrer Ausrottung – Fragen und Antworten

Was ist Poliomyelitis?    
Ist eine Impfung gegen Polio immer noch notwendig? 
Welche Impfstoffe gegen Polio gibt es? 
Was bedeutet IPV? 
Was bedeutet OPV? 
Was spricht für OPV? 
Was spricht für IPV? 
Warum werden OPV nicht mehr verwendet? 
Was ist mit der OPV-Umstellung gemeint?
Welche Länder in der Europäischen Region der WHO werden den Einsatz der trivalenten OPV im April 2016 einstellen?   
Was geschieht nach der Ausrottung der Polio?    
Könnte Polio zurückkehren?    
Was bedeutet Sicherheitslagerung für Polio?

Was ist Poliomyelitis?

Poliomyelitis (Kinderlähmung, kurz: Polio) ist eine hoch ansteckende Viruserkrankung. Das Poliovirus dringt ins Nervensystem ein und kann innerhalb weniger Stunden eine vollständige Lähmung verursachen. Es wird von Mensch zu Mensch fäkal-oral übertragen. Als erste Symptome treten meist Fieber, Ermüdung, Kopfschmerzen, Erbrechen, Nackensteifigkeit und Gliederschmerzen auf. In etwa einem von 200 Fällen führt eine Infektion zu irreversibler Lähmung (meist in den Beinen). Von den von Lähmung Betroffenen sterben 5 bis 10% infolge einer Lähmung der Atemmuskulatur. Polio befällt gewöhnlich Kinder im Alter von unter fünf Jahren. Polio ist unheilbar; die Krankheit lässt sich also nur verhindern. Der Polio-Impfstoff bietet einem Kind bei mehrmaliger Verabreichung lebenslangen Schutz.

Ist eine Impfung gegen Polio immer noch notwendig?

Seit 2002 ist die Europäische Region poliofrei. Aber kein Land ist vor dem Poliovirus wirklich sicher, bevor es nicht vollständig ausgerottet wurde. Einer der drei bekannten Typen von Poliowildviren (Typ 1) ist in manchen Regionen Pakistans und Afghanistans noch endemisch und in mehreren Ländern, hierunter in der Ukraine, zirkulierten 2015 von Impfstoffen abgeleitete Polioviren. Ein Reisender reicht, um das Virus aus einem betroffenen Gebiet in ein poliofreies Gebiet einzuschleppen. Hohe Durchimpfungsraten müssen daher beibehalten werden, damit im Falle einer Einschleppung Krankheitsausbrüche unterbleiben.

Welche Impfstoffe gegen Polio gibt es?

Es gibt zwei Arten von Impfstoffen gegen Polio: inaktivierte und oral verabreichte Polioimpfstoffe (IPV bzw. OPV).

Was bedeutet IPV?

Die inaktivierten Polioimpfstoffe (IPV) enthalten abgetötete Poliovirus-Stämme aller drei Typen. IPV werden durch entsprechend ausgebildetes Gesundheitspersonal intramuskulär injiziert. Durch die Verabreichung der IPV bilden sich im Blut Antikörper gegen alle drei Typen des Poliovirus. Im Falle einer Infektion verhindern diese Antikörper die Ausbreitung des Virus auf das zentrale Nervensystem und schützen vor der Lähmung. Somit schützt IPV vor der Infektion, verhindert aber nicht die Übertragung des Virus.

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Was bedeutet OPV?

Die Oral-Polioimpfstoffe (OPV) bestehen aus aktiven, abgeschwächten Poliovirus-Stämmen mindestens einer der drei Typen.
OPV werden oral verabreicht. Daher können hier ehrenamtliche Helfer zum Einsatz kommen und die Verwendung sterilen Injektionsbestecks ist nicht erforderlich. Es gibt drei Arten dieses Impfstoffs: 

  • die trivalenten OPV gegen Poliovirus vom Typ 1, 2 und 3; 
  • die bivalenten OPV gegen Typ 1 und 3 sowie 
  • die monovalenten OPV gegen Typ 1 oder gegen Typ 3.

Was spricht für OPV?

OPV sind einfach zu verabreichen. Daher können hier ehrenamtliche Helfer zum Einsatz kommen und die Verwendung sterilen Injektionsbestecks ist nicht erforderlich. Der Impfstoff ist relativ preisgünstig. Einige Wochen nach der Impfung vermehrt sich das Virus im Darm und wird mit dem Stuhl ausgeschieden, so dass enge Angehörige damit in Berührung kommen können. So kann es gerade in Gebieten mit schlechten hygienischen und sanitären Verhältnissen zur passiven Immunisierung von Menschen kommen, die nicht selbst geimpft wurden. Nach dreimaliger Impfung mit OPV tritt eine lebenslängliche Immunität ein, so dass die geimpfte Person das Virus nicht mehr auf andere übertragen kann, wenn sie selbst damit in Berührung kommt. Diese Art der Immunisierung über den Darm („gut immunity") ist im Falle eines Polio-Ausbruchs das einzige effektive Gegenmittel.

Was spricht für IPV?

Eine wachsende Zahl von poliofreien Ländern gehen zu IPV als Impfstoff ihrer ersten Wahl über. Denn die Risiken durch eine Zirkulation der von Impfstoffen abgeleiteten Polioviren (cVDPV) werden als größer angesehen als die Risiken durch die Einschleppung von Wildviren. (Da IPV nur die Infektion, nicht jedoch die Übertragung des Virus verhindert, können OPV bis zur endgültigen Ausrottung des Virus noch zur Eindämmung von Polio-Ausbrüchen eingesetzt werden, auch in Ländern, die in der Regelimpfung ausschließlich IPV nutzen.) 

Drei Dosen IPV schützen lebenslänglich vor der Krankheit. IPV wird noch einige Jahre nach Feststellung globalen Ausrottung der Kinderlähmung in nationalen Impfprogrammen eingesetzt werden.

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Warum werden OPV nicht mehr verwendet?

Im globalen Plan zur Polioeradikation mit einer Polio-Endspielstrategie (2013-2018) wird eine poliofreie Welt bis 2018 angestrebt. Damit dieses Ziel erreicht werden kann, ist eine Reihe von Schritten erforderlich, hierunter die Beendigung der Nutzung von OPV.
Zwar sind OPV grundsätzlich sehr sicher und wirksam, doch kann in extrem seltenen Fällen (ca. 1 pro 2,7 Millionen Dosen des Impfstoffs) das abgeschwächte Virus im Impfstoff zur Lähmung führen. Es wird angenommen, dass manche dieser mit Impfstoffen verknüpften Poliofälle (VAPP) durch eine Immunschwäche ausgelöst wurden. Das extrem niedrige Risiko einer VAPP ist hinlänglich bekannt und wird von den weltweiten Gesundheitsprogrammen dennoch in Kauf genommen, denn ohne OPV würden Tausende Kinder jedes Jahr zu Krüppeln. Ein zweiter Nachteil ist, dass sich das Virus im Impfstoff in seltenen Fällen mutieren und dann in der Bevölkerung zirkulieren kann. Diese Viren werden als zirkulierende, vom Impfstoff abgeleitete Polioviren bezeichnet (cVDPV). Um jegliches Risiko durch vom Impfstoff abgeleitete Polioviren auszuschließen, wird der Einsatz der OPV seit April 2016 schrittweise beendet. 

Was ist mit der OPV-Umstellung gemeint?

Da der Typ 2 des Poliowildvirus seit 1999 nirgendwo auf der Welt festgestellt und daher 2015 für ausgerottet erklärt wurde, beginnt im April 2016 global koordiniert die schrittweise Beendigung des Einsatzes trivalenter OPV (gegen Typ 1, 2 und 3) und der Übergang zu bivalenten OPV (gegen Typ 1 und 3). In Vorbereitung auf die Umstellung werden die OPV verwendenden Länder mindestens eine Dosis IPV (gegen alle drei Typen) in ihre Regelimpfungen aufnehmen, falls dies nicht bereits geschehen ist. Jedes Land, dass nur OPV oder OPV in Kombination mit IPV einsetzt, bestimmt einen Stichtag in der Zeit zwischen 17. April und 1. Mai 2016, von dem an sie von der trivalenten zur bivalenten OPV übergehen. Direkt nach dem Übergang werden alle Bestände an trivalenten OPV planmäßig vernichtet. Sorgfältige Planung und gründliche Beaufsichtigung werden diese Umstellung zu einem großen Erfolg der Polio-Programme machen und den Weg für die langfristige Beendigung des Einsatzes aller OPV bereiten, die sich an die Ausrottung der Typen 1 und 3 des Poliovirus anschließen wird.

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Welche Länder in der Europäischen Region der WHO werden den Einsatz der trivalenten OPV im April 2016 einstellen? 

In der Europäischen Region der WHO gehen folgende Länder zur bOPV-Impfung über: Albanien, Armenien, Aserbaidschan, Bosnien und Herzegowina, ehemalige jugoslawische Republik Mazedonien, Georgien, Kasachstan, Kirgisistan, Montenegro, Republik Moldau, Russische Föderation, Serbien, Tadschikistan, Türkei, Turkmenistan, Ukraine, Usbekistan. Außerdem werden Belarus und Polen künftig ausschließlich mit IPV impfen. 

Was geschieht nach der Ausrottung der Polio?

Die Ausrottung der Polio bedeutet einen gesundheitspolitischen Meilenstein, der allen Menschen unabhängig von ihrem Wohnort gleichermaßen nützt. Vor allem aber bedeutet ein Erfolg, dass kein Kind mehr an der grausamen lebenslangen Polio-Lähmung wird leiden müssen.

Könnte Polio zurückkehren?

Wenn die Wildviren erst einmal ausgerottet sind, bestehen die Risiken alleine in den seltenen zirkulierenden Stämmen von aus Impfstoffen abgeleiteten Polioviren und in dem Entweichen des Virus aus den Labors oder von Impfstoffherstellern. Um diese Risiken zu minimieren, wird die Anwendung von OPV ab April 2016 schrittweise beendet.

Was bedeutet Sicherheitslagerung für Polio? 

Um eine Wiedereinschleppung des Virus nach der schrittweisen Beendigung des Einsatzes der oral verabreichten und langfristig der inaktivierten Polioimpfstoffe zu verhindern, wird die Zahl zertifizierter Poliovirus-Einrichtungen auf das Minimum begrenzt, das zur Durchführung vitaler Funktionen in Produktion, Diagnostik und Forschung erforderlich ist. Derzeit wird auf globaler Ebene versucht, alle potenziell infektiösen Poliovirus-Proben sämtlicher Labors und Herstellereinrichtungen zu finden und zu vernichten oder sicher zu lagern.
Die zeitlichen Verläufe und die Erfordernisse für diesen Prozess sind im Globalen Aktionsplan der WHO zur Minimierung der von Laboreinrichtungen für Polioviren ausgehenden Risiken nach einer typenspezifischen Eradikation von Polio-Wildviren und der anschließenden Einstellung der Verwendung des oralen Polioimpfstoffs genannt.