Gemeinsame fachliche Leitlinien von WHO, UNHCR und UNICEF zu den allgemeinen Grundsätzen für die Impfung von Flüchtlingen, Asylbewerbern und Migranten in der Europäischen Region der WHO

23-11-2015

Hintergrund

Der beispiellose Zustrom von Flüchtlingen, Asylbewerbern und Migranten in die Länder der Europäischen Region der Weltgesundheitsorganisation stellt eine Herausforderung für die öffentliche Gesundheit dar, die frühzeitig und wirksam in Angriff genommen werden muss. Eine wirksame Antwort auf diese Herausforderung setzt eine Stärkung der Gesundheitssysteme der Länder in der gesamten Region voraus, sodass alle Flüchtlinge und Migranten einen ungehinderten Zugang zu den benötigten Gesundheitsleistungen haben. Dabei gilt es, die Grundsätze der Chancengleichheit, der Solidarität, der Menschenrechte und der Würde einzuhalten.

Gefahr einer erhöhten Übertragung impfpräventabler Krankheiten 

Die chronischen Gesundheitsprobleme von Flüchtlingen, Asylbewerbern und Migranten ähneln generell denen der Bevölkerung ihrer Aufnahmeländer, doch die körperlichen und seelischen Auswirkungen der Flucht aus ihren Heimatländern und die langwierige und anstrengende Reise erhöhen ihr gesundheitliches Gesamtrisiko. Durch Einflussfaktoren wie Massenbewegungen, Wassermangel und unzureichende Unterkünfte und sanitäre Einrichtungen steigt die Gefahr einer Ansteckung mit übertragbaren Krankheiten. Kinder sind besonders anfällig für akute Erkrankungen wie Atemwegs-, Durchfall- und Hauterkrankungen. Atemwegserkrankungen dürften in den Wintermonaten zunehmen, wenn sich respiratorische Synzytial-Viren und die saisonale Influenza in der Europäischen Region ausbreiten.

Die meisten Flüchtlinge und Migranten, die jetzt in der Europäischen Region ankommen, stammen aus den Ländern des Nahen und Mittleren Ostens, wo Impfstoffe weitgehend akzeptiert werden und die Durchimpfung bisher immer hoch war. Am stärksten gefährdet in Bezug auf impfpräventable Krankheiten sind Kleinkinder, die noch nicht geimpft sind, da die Impfprogramme in ihren Ländern infolge von zivilen Unruhen oder Bürgerkrieg nicht mehr funktionieren.

Darüber hinaus bleiben viele Bewohner und migrierende Personen in den Aufnahmeländern in der Region gefährdet. Viele nutzen die Impfangebote nicht, weil sie falsche Vorstellungen von Impfungen haben, oder aus Untätigkeit, mangelndem Bewusstsein für den Nutzen von Impfungen oder aus religiösen oder weltanschaulichen Überzeugungen. Andere haben keinen Zugang zu Impfmaßnahmen, weil sie keine Krankenversicherung haben und nicht im Gesundheitssystem registriert sind. Die jüngsten Ausbrüche der Masern in zahlreichen Ländern der Europäischen Region deuten darauf hin, dass Jugendliche und junge Erwachsene hier besonders anfällig sind. Von den Ausbrüchen der Masern und Röteln waren bestimmte Gruppen unverhältnismäßig stark betroffen, etwa die Roma in Polen (1), Einwanderer in Spanien (2), anthroposophische Gruppen in den deutschsprachigen Ländern (3) und Schweden (4) und orthodoxe Protestanten in den Niederlanden (5, 6).

Die meisten Ausbrüche von impfpräventablen Krankheiten wie Masern, Röteln und Keuchhusten in der Region ereignen sich unabhängig von Flüchtlings- und Migrationsbewegungen. Nach wie vor herrscht in der Europäischen Region die Gefahr eines Polioausbruchs, da Bosnien und Herzegowina, Rumänien und die Ukraine wiederholt von der Zertifizierungskommission für die Eradikation der Poliomyelitis in der Europäischen Region als im Falle der Einschleppung des Polio-Wildvirus stark gefährdet eingestuft wurden und es im September in der Ukraine zu einem Ausbruch von zirkulierenden vakzine-abgeleiteten Polioviren kam. Der rapide Zustrom einer großen Zahl ungeimpfter Kinder würde deshalb nur eine Zunahme bestehender Impflücken bewirken.

Bereitstellung von Impfmaßnahmen und Impfstoffen

In der Erklärung von Alma Ata über eine allgemeine Gesundheitsversorgung (1978) (7), dem Rahmenkonzept der Europäischen Region für Gesundheit und Wohlbefinden, „Gesundheit 2020" (8), der Resolution WHA61.17 der Weltgesundheitsversammlung über die Gesundheit von Migranten (9) und der Flüchtlingskonvention von 1951 (10) wird übereinstimmend festgestellt, dass Flüchtlinge und Asylbewerber unabhängig von ihrem Aufenthaltsstatus über einen diskriminierungsfreien und chancengleichen Zugang zur Gesundheitsversorgung – und damit zu Impfangeboten – verfügen sollten. Der Zugang zu Impfmaßnahmen ist tatsächlich ein konkretes Ziel der Europäischen Region der WHO, das im Europäischen Impfaktionsplan (2015–2020) (11) verankert ist, dem alle 53 Mitgliedstaaten zugestimmt haben. In dem Plan wird allen Ländern der Europäischen Region empfohlen, darüber zu wachen, dass ihre Impfpolitik nicht diskriminierend wirkt und dass die Dienste vollständig inklusiv und benutzerfreundlich gestaltet werden. Darüber hinaus wird in dem Übereinkommen über die Rechtes des Kindes (12) und den vom Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (UNICEF) veröffentlichten wichtigsten Verpflichtungen in Bezug auf Kinder (13) bei humanitären Maßnahmen ein chancengleicher Zugang aller Kinder, Jugendlichen und Frauen zu unentbehrlichen Gesundheitsleistungen gefordert, bei dem eine dauerhafte Versorgung mit präventiven und kurativen Maßnahmen gewährleistet ist. Dazu gehört eine rechtzeitige Impfung gegen impfpräventable Krankheiten, vor allem gegen Masern und Polio.

Die Gesundheitssysteme der Aufnahmeländer der Migranten sind gut für die Diagnose und Behandlung verbreiteter Infektionskrankheiten wie auch nichtübertragbarer Krankheiten gerüstet. Sie müssen ausreichend vorbereitet und so organisiert sein, dass sie Flüchtlingen, Asylbewerbern und Migranten angemessene Unterstützung bieten und gleichzeitig die Gesundheit der ortsansässigen Bevölkerung gewährleisten können. Die Impfungen sollten chancengleich und mittels eines systematischen, nachhaltigen und stigmatisierungsfreien Ansatzes angeboten werden. Da Impfungen eine Gesundheitsintervention darstellen, die eine entsprechende Weiterverfolgung erfordern, bis der Impfplan vollständig erfüllt ist, muss eine Zusammenarbeit zwischen den Herkunfts-, Durchgangs- und Zielländern gewährleistet sein.

Wir beglückwünschen die zahlreichen Länder – namentlich jene, die bei den großen  Migrationsbewegungen an vorderster Linie stehen –, die Flüchtlinge, Asylbewerber und Migranten unabhängig von ihrem Herkunftsland und gemäß den jeweils geltenden Routineimpfplänen impfen. 

Empfehlungen für Impfmaßnahmen

Der gegenwärtige Zustrom von Flüchtlingen, Asylbewerbern und Migranten ist nicht nur in seinem Ausmaß beispiellos, sondern auch in Bezug auf die Geschwindigkeit der Bewegung. Dies wirft besondere Probleme hinsichtlich der Frage auf, wann und wo geimpft werden soll. Die Situation wird noch dadurch kompliziert, dass viele Impfstoffe in aufeinander folgenden Dosen zu festgelegten Zeiten verabreicht werden müssen. Der Zugang zu einem vollständigen Impfplan durch Folgeimpfungen lässt sich nur schwer sicherstellen, während Menschen unterwegs sind. Dennoch sollten Flüchtlinge, Asylbewerber und Migranten ohne unnötige Verzögerung gemäß dem geltenden Impfplan des Landes geimpft werden, in dem sie sich voraussichtlich mehr als eine Woche lang aufhalten werden. Dabei sollten die Impfungen gegen Masern, Mumps und Röteln (MMR) sowie Polio vorrangig behandelt werden. Um unnötige Doppelimpfungen zu vermeiden, sollten die Regierungen auch erwägen, jedem Kind bzw. seiner Betreuungsperson für die vorgenommenen Impfungen Bescheinigungen auszustellen. 

Eine Impfung von Flüchtlingen, Asylbewerbern und Migranten an Grenzübergängen wird nicht empfohlen, sofern es nicht zum Ausbruch einer impfpräventablen Krankheit in dem Aufnahme- oder Durchgangsland kommt. In solchen Fällen werden die betreffenden Länder dringend aufgefordert, Flüchtlinge, Asylbewerber und Migranten in jegliche Maßnahmen zur Bekämpfung des Ausbruchs, einschließlich etwaiger Impfmaßnahmen, einzubeziehen. Wenn das Risiko der Übertragung einer ernsten Krankheit in einer epidemiologischen Risikoabschätzung als hoch eingestuft wird, so können die Länder entscheiden, ob sie auf der Grundlage der Empfehlungen aus dem Dokument Impfungen in akuten humanitären Notlagen: ein Rahmen für die Entscheidungsfindung (14) Impfmaßnahmen durchführen wollen. Die Bereitstellung von den Masernerreger enthaltenden Impfstoffen wird in dem Dokument mit dem Titel Gemeinsame Erklärung von WHO und UNICEF zur Senkung der durch Masern bedingten Mortalität (15) näher geregelt, und die Bereitstellung von Polioimpfstoff ist Gegenstand des Dokuments über die Reduzierung des Risikos von Poliomyelitisausbrüchen in Notlagen, das von der Weltweiten Initiative zur Ausrottung der Kinderlähmung (GPEI) veröffentlicht wurde (16).

Die Flüchtlingskrise sollte alle Länder dazu veranlassen, etwaige Impflücken in der Bevölkerung festzustellen, bedarfsgerechte Impfangebote zu erstellen und eine starke Kommunikation und soziale Mobilisierung in unterversorgten Bereichen und Gruppen zu gewährleisten. Dies wird den Ländern dabei behilflich sein, ihrer gemeinsamen Verantwortung zur Verwirklichung der Ziele der globalen Polio-Eradikation und der Eliminierung von Masern und Röteln in der Europäischen Region gerecht zu werden.

Empfehlungen zu einzelnen Impfmaßnahmen

Polioimpfung: Angesichts der gegenwärtig hohen Durchimpfung der Bevölkerung gegen Polio und der Besonderheiten hinsichtlich der Organisation und Leistungserbringung in der primären Gesundheitsversorgung in den Ländern der Europäischen Region werden zusätzliche Impfkampagnen zu Präventionszwecken nicht für unbedingt erforderlich gehalten. Doch um diese hohe Durchimpfung gegen Polio aufrechtzuerhalten und die Gefahr einer Einschleppung und Zirkulation von Polioviren zu verringern, ist es wichtig, dass alle Bürger und Bevölkerungsgruppen gemäß den jeweils geltenden Routineimpfplänen für Kinder und Erwachsene einen chancengleichen Zugang zu Polioimpfungen erhalten. 

Eine Bevorratung von oralem Polioimpfstoff durch die Länder für den Fall eines möglichen Polioausbruchs wird nicht empfohlen. Die GPEI wird Polioausbrüche gemäß ihren jeweils aktuellen Standardverfahren (17) handhaben und den jeweils geeigneten Impfstoff zur Verfügung stellen.
Masern- und Rötelnimpfung: Da Masern und Röteln in einigen Ländern der Europäischen Region immer noch als endemisch gelten, sollten Flüchtlinge und Migranten nach Maßgabe der jeweiligen nationalen Impfpläne vorrangig gegen diese Krankheiten geimpft werden. Angesichts der anhaltenden Übertragung in der Europäischen Region und des für die Region festgelegten Ziels der Eliminierung von Masern und Röteln bis 2015 setzt sich die WHO für die Schließung aller Impflücken etwa durch zusätzliche Impfkampagnen mit Masern- und Rötelnimpfstoffen ein. Dies ist insbesondere in jenen Ländern wichtig, in denen diese Krankheiten noch endemisch sind, und wird zur Erreichung des Ziels der Eliminierung dieser Krankheiten in der Europäischen Region beitragen.

Schutz des Gesundheitspersonals 

Gemäß den Empfehlungen der WHO wird in den meisten Ländern der Europäischen Region die Impfung von Gesundheitsfachkräften gegen die saisonale Grippe empfohlen. Eine Impfung gegen Hepatitis B, Masern und Röteln wird auch für jene empfohlen, die noch besonders anfällig für diese Krankheiten sind.

Stärkung epidemiologischer Überwachungssysteme für übertragbare Krankheiten 

Gemäß den Internationalen Gesundheitsvorschriften (2005) (18) sollten alle Länder über wirksame Überwachungs- und Meldesysteme, über die Fähigkeit zur Untersuchung eines Ausbruchs und über Kapazitäten für Fallmanagement und Sofortmaßnahmen verfügen. Mit diesen Kapazitäten sollten die Länder auch in der Lage sein, schnelle und effektive epidemiologische Risikoabschätzungen vorzunehmen. Die WHO und das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) verfügen über bewährte Systeme und Kapazitäten für eine Krankheitsüberwachung in den Ländern.

References:

  1. Makówka A, Paradowska-Stankiewicz I, Szenborn L, Santibanez S, Mankerz A, Litwińska B. Measles outbreak among Roma people in Wrocław, Poland, 2012. Pol J Microbiol 2014;63(4):457–460
  2. Lemos C, Ramirez R, Ordobas M, Guibert DH, Sanz JC, Garcia L, et al. New features of rubella in Spain: the evidence of an outbreak. Euro Surveill 2004;9(4):pii=463
  3. Muscat M. Who gets measles in Europe? J Infect Dis 2011;204(Suppl 1):S353–S365
  4. WHO Epidemiological Brief No. 27 (October 2012). Copenhagen: World Health Organization Regional Office for Europe; 2012 
  5. Knol MJ, Urbanus AT, Swart EM, Mollema L, Ruijs WL, van Binnendijk RS, et al. Large ongoing measles outbreak in a religious community in the Netherlands since May 2013. Euro Surveill 2013;18(36):pii=20580
  6.  WHO EpiBrief, 2013, 3. Copenhagen: World Health Organization Regional Office for Europe; 2013:1–5
  7. Erklärung von Alma-Ata. September 1978. Kopenhagen: WHO-Regionalbüro für Europa, 1978
  8. Gesundheit 2020 – das Rahmenkonzept der Europäischen Region für Gesundheit und Wohlbefinden. Kopenhagen, WHO-Regionalbüro für Europa, 2012
  9. Sixty-first World Health Assembly. WHA61.17. Health of migrants. Geneva: World Health Organization; 2008
  10. Convention and protocol relating to the status of refugees. Geneva: United Nations High Commissioner for Refugees; 2010 
  11. Europäischer Impfaktionsplan (2015–2020). Kopenhagen, WHO-Regionalbüro für Europa, 2014
  12. Übereinkommen über die Rechte des Kindes. New York, Vereinte Nationen, 1989 
  13. Core commitments for children in humanitarian action. Geneva: UNICEF; 2010
  14. Vaccination in acute humanitarian emergencies: a framework for decision making. Geneva: World Health Organization; 2012
  15. Reducing measles mortality in emergencies, WHO-UNICEF Joint Statement. Geneva: World Health Organization; 2004 
  16. Reducing risk of poliomyelitis outbreaks in emergencies. Geneva: World Health Organization, Global Polio Eradication Initiative
  17. Responding to a poliovirus outbreak. Standard operating procedures for a new polio outbreak in a polio-free country. Geneva: World Health Organization; 2015
  18. International Health Regulations (2005). Second edition. Geneva: World Health Organization; 2008