Verhalten verstehen als erster Schritt im Kampf gegen rückläufige Impfneigung in Europa

WHO/J. Hauspurg

Die Impfraten in der Europäischen Region der WHO sind seit fünf Jahren insgesamt rückläufig, was das Risiko eines Ausbruchs der eigentlich durch Impfung vermeidbaren Krankheiten erhöht. Nationale Impfprogramme der gesamten Region bemühen sich, den Trend umzukehren. Damit dies Erfolg haben kann, müssen zunächst die zugrunde liegenden Determinanten des Impfverhaltens verstanden werden: Was motiviert Menschen zur Impfung und wie lassen sich Barrieren überwinden.

Zur Unterstützung der Länder darin, die Ursachen geringer Impfakzeptanz zu erkennen und zu bewältigten, wollen das Regionalbüro und die Universität Erfurt künftig regelmäßig die  Sommerschule „BISS“ (Behavioural Insights Summer School) anbieten. Das Seminar aus dieser Reihe fand vom 18. bis 22. September 2017 an der Universität Erfurt statt.

Mit einem abwechslungsreichen Programm aus akademischem Plenum und Gruppenarbeit zeigte es, wie die Verfechter der Impfprogramme den Menschen zuhören und Einsichten gewinnen sollten, damit sie ihre Angebote maßgerecht zuschneiden, Maßnahmen planen und die Impfakzeptanz vergrößern können.

Zu dem einwöchigen Seminar kamen Teilnehmer aus Argentinien, Bosnien und Herzegovina, Deutschland, Finnland, Frankreich, Republik Moldau, Serbien und Schweden sowie PhD-Studenten der Fachbereiche Psychologie, Kommunikationswissenschaften und Verhaltensökonomie. Gemeinsam besprachen sie den Aufbau von Kapazitäten in Ländern und wissenschaftlichen Einrichtungen, durch die Hindernisse und Triebkräfte für Impfungen in zentralen Bevölkerungsgruppen untersucht und verstanden sowie einschlägige Maßnahmen ergriffen werden können.

Das Seminar legte besonderen Nachdruck auf qualitative Forschungs- und Beobachtungsmethoden. Die Lernfortschritte der Teilnehmer wurden anhand von fünf Lernzielen beurteilt. Ob das neu erworbene Wissen behalten und in der Praxis auch angewandt wird, soll im laufenden Jahr weiter ausgewertet werden.

TIP-Ansatz

Im Seminar wurde auch der Ansatz der WHO für maßgeschneiderte Impfprogramme (TIP) vorgestellt. In Gruppenarbeit wurde TIP Schritt für Schritt an einem fiktiven Fall vollzogen. Zur Förderung der globalen Anwendung und Anpassung des TIP-Ansatzes waren auch Teilnehmer aus Argentinien, vom Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, vom United States Centers for Disease Control and Prevention, vom WHO-Länderbüro in Burkina Faso und vom WHO-Hauptbüro eingeladen worden.

Innovative Schulung

Dass BISS-Seminar ist bislang für den Impfbereich einmalig. Es ermöglicht den Austausch von Erfahrungen und Gedanken nicht nur über kulturelle Kontexte hinweg, sondern auch zwischen der theoretischen und der praktischen Ebene sowie kollegiales Lernen unter Fachleuten und Akademikern unterschiedlicher Disziplinen.

Ein Kursist sagte, das Seminar sei herausragend und gut organisiert gewesen: „Es gab für jeden nützliche Aspekte, ganz unabhängig vom individuellen Hintergrund und der jeweiligen Erfahrung.“

Ausgehend von den Rückmeldungen der Teilnehmer, soll das Seminar künftig jährlich wiederholt werden, um Kapazitäten aufzubauen und Diskussionen über Erkenntnisse zu Verhaltensänderungen und entsprechenden Projekten unter den Mitgliedstaaten, Wissenschaftlern und Fachleuten zu initiieren. Es gibt auch bereits Gespräche darüber, den Ansatz für Seminare in anderen Regionen zu nutzen.