Zahl der Toten durch Ertrinken „unerträglich“

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Jährlich ertrinken weltweit 372 000 Menschen, wobei über 90% dieser Todesfälle auf die Länder mit niedrigem bis mittlerem Einkommen entfallen. In der Europäischen Region der WHO kommen jährlich etwa 37 000 Menschen durch Ertrinken ums Leben. Damit ist Ertrinken die zweithäufigste Todesursache bei Kindern in der Altersgruppe der 5- bis 14-Jährigen und die vierthäufigste Ursache in der Altersgruppe von 15 bis 29 Jahren.

In einem neuen globalen Bericht der WHO wird das verheerende Ausmaß der Todesfälle durch Ertrinken geschildert und werden konkrete Maßnahmen zur Eindämmung des Problems erläutert.

„Ertrinken ist ein in hohem Maße vermeidbares Problem in der Gesundheitspolitik, das bisher nie durch ein globales strategisches Präventionskonzept ins Visier genommen wurde. [In dem Bericht] wird der aktuelle Wissensstand über Ertrinken und geeignete Präventionsmaßnahmen dargestellt, und es wird zu einer erheblichen Intensivierung der Anstrengungen und des Mitteleinsatzes aufgerufen, um diese unerträglichen Todesfallzahlen, insbesondere unter Kindern und Jugendlichen, zu senken“, sagte Dr. Margaret Chan, Generaldirektorin der WHO.

Diskrepanz in Bezug auf Ertrinkungsraten

In der Europäischen Region der WHO ist die Todesrate durch Ertrinken unter Männern fünfmal so hoch wie unter Frauen; in Ländern der Region mit niedrigem bis mittlerem Einkommen liegt sie um ein Achtfaches höher als in den Ländern mit hohem Einkommen.

Zwar hat sich die Ertrinkungsrate in der Europäischen Region im vergangenen Jahrzehnt insgesamt verbessert, doch hat sich erschreckenderweise in der Altersgruppe unter 15 Jahren der Abstand der Todesraten zwischen den Ländern mit niedrigem bis mittlerem Einkommen und den Ländern mit hohem Einkommen vergrößert.

Wichtigste Risikofaktoren für Ertrinken

Wo Wasser ist, besteht auch die Gefahr des Ertrinkens, insbesondere wenn kleine Kinder beteiligt sind. Für Säuglinge und kleine Kinder gehören zu den größten Risikofaktoren fehlende Absperrungen um Gewässer und mangelnde Überwachung. Doch auch unzureichende Schwimmkenntnisse und das fehlende Bewusstsein für die Gefahren des Wassers stellen eine Bedrohung für die Kinder dar.

Unter Jugendlichen und Erwachsenen ist Alkoholkonsum im oder in der Nähe von Wasser eine führende Ursache für Ertrinken.

Allgemein stellen Wasserverkehr, das Fehlen einer sicheren Wasserversorgung und Hochwasserkatastrophen Risikofaktoren in Bezug auf Ertrinken dar. Die meisten Fälle von Ertrinken ereignen sich im Landesinneren, selbst in Ländern mit langen Küsten.

Ein Eimer, eine Badewanne, ein Brunnen, ein Pool oder ein Teich stellen alle gleichermaßen eine Ertrinkungsgefahr dar.

Ertrinkungsprävention

Im globalen Bericht der WHO zum Thema Ertrinken werden wirksame Präventionsstrategien aus allen Regionen gegen Ertrinken erläutert und dabei die Aktivitäten nach Politikbereich getrennt aufgeführt.

Zu den Maßnahmen im nachbarschaftlichen Umfeld gehören:

  • Bereitstellung sicherer Umfelder mit kompetenter Kinderbetreuung, wie in Kinderkrippen und Tagesstätten, für Vorschulkinder in angemessener Entfernung von Wasser;
  • Vermittlung grundlegender Schwimmkenntnisse sowie von Kenntnissen der Wassersicherheit und Maßnahmen der Lebensrettung an Schulkinder;
  • Unterweisung von Passanten in Rettungs- und Wiederbelebungsmaßnahmen;
  • Stärkung des öffentlichen Bewusstseins für Ertrinkungsgefahren und Verdeutlichung der Anfälligkeit von Kindern; und
  • Aufbau von Barrieren für den Zugang zu Wasser, etwa durch Einzäunung von Schwimmbecken und Nutzung von Laufställen zur Versperrung des Zugangs zu Wasser.

Nach einem neuen Bericht könnten 75% der Todesfälle durch Ertrinken bei Kleinkindern in Swimmingpools durch eine vierseitige Einzäunung, die eine vollständige Abtrennung des Pools von Haus oder Garten bewirkt, verhindert werden.

Als wirksame Konzepte und Rechtsvorschriften kommen in Frage:

  • Einführung und Durchsetzung von Sicherheitsbestimmungen für den Boots-, Schiffs- und Fährverkehr;
  • Aufbau von Widerstandsfähigkeit und Kontrolle von Überschwemmungsrisiken und anderen Gefahren auf der kommunalen und der nationalen Ebene;
  • Abstimmung von Maßnahmen zur Ertrinkungsprävention mit anderen Politikbereichen je nach den Gegebenheiten eines Landes und den einschlägigen Risikogruppen; und
  • Ausarbeitung eines nationalen Aktionsplans für Wassersicherheit.

Es werden weitere Forschungsarbeiten über wirksame Präventionskonzepte sowie weitere Daten über Ertrinken benötigt. Auch die Einrichtung einer globalen Partnerschaft für die Prävention von Ertrinken würde konzertierten Anstrengungen zugute kommen.

Besondere Ertrinkungsgefahr in der Europäischen Region

In der Europäischen Region sind Überschwemmungen die häufigsten Naturkatastrophen, und in den letzten Jahren wurden einige der schlimmsten Hochwasserereignisse der Geschichte verzeichnet. Bei unzureichenden Hochwasserschutzmaßnahmen sind die Betroffenen einer erhöhten Gefahr ausgesetzt. Die Zahl der solchen Gefahren ausgesetzten Menschen steigt angesichts der wachsenden Häufigkeit und Schwere von Hochwasserkatastrophen und der unzureichenden Vorsorge- und Abhilfemaßnahmen.

Bei extremen Wetterereignissen wie Überschwemmungen arbeitet das WHO-Regionalbüro für Europa in der Koordinierung der humanitären Hilfsmaßnahmen im Gesundheitsbereich eng mit den kommunalen Gesundheitsbehörden zusammen. Die WHO unterstützt die öffentlichen Gesundheitsdienste und die maßgeblichen Partnerorganisationen auch darin, die Bereitschafts- und Reaktionspläne festzulegen und zu erproben.

In Krisenzeiten gehört Europa zu den Regionen, in denen Flüchtlinge, Asylbewerber und Staatenlose am häufigsten Schutz suchen. Dies ist wiederum mit einer erhöhten Ertrinkungsgefahr verbunden, da die Betroffenen oft auf überfüllten und unsicheren Schiffen versuchen, Europa zu erreichen. Nach Angaben des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen müssen zur Reduzierung der Zahl der Todesfälle bei Migranten, Flüchtlingen und Asylbewerbern, die in nicht seetüchtigen Schiffen und Booten das Meer befahren, folgende Voraussetzungen erfüllt sein:

  • wirksame Such- und Rettungsdienste in den Ländern und auf Ebene der Region;
  • gestärkte Kooperationssysteme (insbesondere für internationale Situationen);
  • Konzepte zur Beseitigung negativer Anreize für kommerzielle Schiffe in Bezug auf die Rettung von Menschen in Gefahr;
  • ein gemeinsames Verständnis in Bezug auf sichere Orte, an denen die Geretteten von Bord gehen können; und
  • die mögliche Anwendung von Lösungskonzepten, wie sie im Internationalen Übereinkommen über den Such- und Rettungsdienst auf See der Internationalen Seeschifffahrts-Organisation und im Internationalen Übereinkommen zum Schutz des menschlichen Lebens auf See vorgesehen sind.

Durch das Projekt über gesundheitsschutzbezogene Aspekte der Migration in der Europäischen Region (PHAME) arbeitet das WHO-Regionalbüro für Europa in enger Abstimmung mit den Mitgliedstaaten darauf hin, die Bereitschaftsplanung des Gesundheitswesens und die Kapazitäten im Bereich der öffentlichen Gesundheit im Hinblick auf eine wirksamere Bewältigung größerer Migrantenströme zu stärken. Das im Jahr 2011 ins Leben gerufene Projekt PHAME bietet Mittelmeerländern wie Italien, Portugal, Malta und Spanien fachliche Hilfe an.

In der italienischen Region Sizilien etwa sind seit Jahresanfang 2014 über 150 000 Migranten angekommen. Viele von ihnen wurden durch die italienische Initiative Mare Nostrum gerettet, deren Auftrag lautet, im Mittelmeer Menschen vor dem Ertrinken zu retten und die inzwischen durch die Triton-Mission der Europäischen Union ersetzt wurde. Um Sizilien bei seiner Reaktion auf die gesundheitlichen Bedürfnisse der Migranten zu unterstützen, war das Projekt PHAME Sizilien bei der Ausarbeitung des ersten gesundheitlichen Notfallplans für die Bewältigung großer Migrantenströme in die Europäische Region behilflich.

Beispiele für wirksame praktische Konzepte zur Ertrinkungsprävention

In den Niederlanden liegt ein Schwerpunkt der Politik auf der Prävention und Beherrschung von Flutereignissen. Beim Nationalen Zentrum für Wasserwirtschaft der Niederlande in Lelystad wird der Wasserfluss im Land kontrolliert und werden die täglichen Änderungen koordiniert, die zur Aufrechterhaltung der Pegelstände auf einem optimalen und sicheren Niveau erforderlich sind. In Fällen möglicher Flutkatastrophen liefert das nationale Koordinationszentrum den verantwortlichen politischen Entscheidungsträgern die nötigen Informationen. Darüber hinaus zielt das Programm Delta darauf ab, das Land vor Hochwasser zu schützen und die Trinkwasserversorgung sicherzustellen. Auch wenn sein inhaltlicher Schwerpunkt nicht auf der Prävention von Ertrinken liegt, so ist es doch ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie wichtig die Prävention wasserbedingter Naturgefahren für manche Länder ist.

Das Vereinigte Königreich führte 2013 eine Strategie zur Ertrinkungsprävention ein. Diese wird vom Nationalen Forum für Wassersicherheit umgesetzt, das sechs fachliche Beratungsgruppen umfasst, die sich mit Fragen der Sicherheit in Bezug auf Strände, Binnengewässer, Meer und Schwimmbäder sowie mit Informationen und Forschungsarbeiten über Sicherheit im Wassersport befassen. Eine Koordinationsgruppe stellt einen direkten Kontakt zur nationalen Regierung und zu den Such- und Rettungsdiensten her. Das Sekretariat des Forums ist bei der Königlichen Gesellschaft für Unfallprävention angesiedelt und hat sich zum Ziel gesetzt, der Regierung nützliche Informationen zu Fragen der Wassersicherheit an die Hand zu geben.

Darüber hinaus sind in zahlreichen Ländern Westeuropas, etwa in Schweden, Finnland und Dänemark, Schwimmen und Wassersicherheit ein wesentlicher Bestandteil schulischer Lehrpläne, wobei die Lernziele bis zur Vollendung des elften Lebensjahrs erreicht werden sollen.