Durchtrennung der Verknüpfung zwischen Behinderung und Ausgrenzung in Tadschikistan

WHO/Satish Mishra

Die neunjährige Robia Rahimova (re.) spielt mit ihrer Freundin Mariam Narzuloeva. Dank der Rehabilitationsmaßnahmen hat Robia , die an Polio erkrankt war, Laufen gelernt: mit einer Orthese und einer Unterarmkrücke. So hat sie nicht nur Beweglichkeit zurückgewonnen, sondern auch Selbstvertrauen und Zuversicht.

Behinderungen verändern das Leben – Rehabilitationsmaßnahmen auch

„Robia war erst sechs Monate alt, als die Erkrankung ihre Beine lähmte. Niemand konnte ihre Krankheit identifizieren. Einer sagte, es sei eine Hirnhautentzündung, andere wussten nicht, was sie davon halten sollten“, erinnert sich Hosiat Rahimova, Robias Mutter. „Nach einem Monat im Krankenhaus teilte man mir mit, dass Robia an Kinderlähmung erkrankt sei und dass es für sie keine Behandlung gebe. Wir wurden in ein Rehabilitationszentrum geschickt, aber dort passierte nicht viel. Es war eine deprimierende Zeit für uns.“

Nach einem größeren Polio-Ausbruch im Jahr 2010, der sich auch auf drei Nachbarländer ausbreitete, erlitten mehrere Hundert Tadschiken Beeinträchtigungen und benötigen seitdem langfristige Rehabilitationsmaßnahmen. Insgesamt müssen etwa 180 000 registrierte Kinder und Erwachsene in allen Teilen des Landes mit unterschiedlichen Beeinträchtigungen leben.

Ein Großteil der Gruppen, die Rehabilitationsangebote und Hilfsgeräte in Anspruch nehmen, sind Menschen mit Behinderungen, Senioren und Personen, die an nichtübertragbaren Krankheiten leiden. Diese Leistungen und Produkte spielen eine entscheidende Rolle bei der Minimierung der funktionellen Einschränkungen in Bezug auf Mobilität, Wahrnehmung, Sicht und Kommunikation. Sie reduzieren auch die sozialen und ökonomischen Auswirkungen von Gesundheitsproblemen und verbessern das Wohlbefinden.

Die Zahl der Personen mit nichtübertragbaren Krankheiten ist im letzten Jahrzehnt um 18% gestiegen, sodass diese Erkrankungen in Tadschikistan inzwischen die führende Ursache für Behinderung und Tod sind. Damit stieg auch die Zahl der durch nichtübertragbare Krankheiten verursachten Behinderungen wie Amputation, Erblindung oder Lähmung, was eine erhebliche Belastung für das Gesundheits- und Sozialsystem des Landes darstellt.

Verbesserung der Rehabilitationsangebote aus gesundheitlicher Sicht

Zur Unterstützung des Ministeriums für Gesundheit und soziale Sicherheit in Tadschikistan bei der Verbesserung von Qualität und Zugänglichkeit der Rehabilitationsangebote für Menschen mit Behinderungen hat die WHO 2013 ein Rehabilitationsprogramm für Menschen mit Behinderungen eingerichtet, dessen Schwerpunkt auf an Polio erkrankte Personen gelegt wurde.

Nach der Durchführung von Hausuntersuchungen in allen von Polio betroffenen Bezirken konnten mit Rehabilitationsmaßnahmen 85% aller an der Krankheit leidenden Kinder und jungen Erwachsenen erfasst werden. Die WHO war dem Ministerium bei der Durchführung komplexer orthopädischer Operationen und bei der Schulung von Gesundheitsfachkräften in den betroffenen Bezirken im Bereich der Rehabilitationsmaßnahmen für Polio behilflich.

„2013 begann die Behandlung in dem Rehabilitationszentrum sich zu verändern“, erzählt die Mutter. „Robia ging nun zur Physiotherapie, und wir wurden in alltäglichen Lebensfertigkeiten unterwiesen, die ihr zu einem unabhängigen Leben verhelfen sollen. Das Staatliche Orthopädiezentrum fertigte eine bequemere Orthese für Robia an, die an ihr Wachstum angepasst werden kann. Im Rehabilitationszentrum lernte sie, wie man mit der Orthese und dem Stock läuft. So bekam Robia mehr Selbstvertrauen, dass sie unabhängig leben kann.“

Frau Rahimova bemerkte, welche Wirkung dies auf ihre Tochter hatte: „Mein Kind fühlte sich besser, aktiver und fröhlicher. Wir gehen noch regelmäßig zu Untersuchungen in das Rehabilitationszentrum. Jetzt kann sie mit der Orthese und einem Stock selbständig gehen. Sie hat Freunde und hilft mir mit der Hausarbeit. Sie geht in die Schule und bekommt zu Hause Einzelunterricht. Auf dem letzten Frühjahrsfest trat sie sogar auf der Bühne auf. Ich freue mich so darüber, wie mein Kind sich entwickelt hat.“

Dieser und andere Erfolge des Rehabilitationsprogramms der WHO stellen seinen Nutzen unter Beweis, aber auch die Notwendigkeit eines nationalen Rehabilitationskonzepts nach internationalen Normen.

Ausweitung des Programms und Einbeziehung anderer Ressorts

Die WHO war der tadschikischen Regierung bei der Entwicklung ihres ressortübergreifenden nationalen Rehabilitationsprogramms für Menschen mit Behinderungen (2017–2020) behilflich. Dies geschah durch einen Beratungsprozess, an dem verschiedene Vertreter von Ministerien, Behindertenorganisationen, nationalen und internationalen nichtstaatlichen Organisationen sowie Gebern beteiligt waren.  Die Internationale Entwicklungsbehörde der Vereinigten Staaten (USAID) und die Partnerschaft der Vereinten Nationen zur Förderung der Rechte von Menschen mit Behinderungen (UNPRPD) haben die Entwicklung des ressortübergreifenden nationalen Programms finanziell unterstützt.

2016 nahm die tadschikische Regierung das nationale Programm an, um eine Verbesserung von Gesundheit, Rehabilitation, Bildung und Lebensgrundlagen zu bewirken und Menschen mit Behinderungen sozialen Schutz und Chancengleichheit zu bieten.

Ein nationales Programm zielt darauf ab, niemanden zurückzulassen

Das nationale Programm zielt auf alle Menschen mit langfristigen Beeinträchtigungen (körperliche, sensorielle und geistige Beeinträchtigungen und psychische Gesundheitsprobleme) sowie Menschen mit funktionellen Schwierigkeiten (aufgrund von nichtübertragbaren Krankheiten, Erkrankungen nach Operationen, Infektionskrankheiten, neurologischen Störungen, Verletzungen oder alterungsbedingt) ab. Es soll mit hochwertigen Angeboten dafür sorgen, dass sie ihre Menschenrechte und ihre Menschenwürde uneingeschränkt und gleichberechtigt in Anspruch nehmen können.

„Im Namen der 80 000 Menschen mit Behinderungen aus den 50 Mitgliedsorganisationen des Nationalen Verbands der Menschen mit Behinderungen in Tadschikistan möchte ich all jenen meinen aufrichtigen Dank aussprechen, die an der Entwicklung und Annahme des nationalen Rehabilitationsprogramms beteiligt waren,“ erklärt Asadullo Zikrihudoev, der Vorsitzende des Nationalen Verbands der Menschen mit Behinderungen in Tadschikistan.

„Das Programm ist ein großer Schritt nach vorne, und wir sind zuversichtlich, dass es positive Auswirkungen auf die Gesundheit von Menschen mit Behinderungen haben und ihrer Bildung, ihren Beschäftigungschancen und ihrem Selbstwertgefühl im Hinblick auf eine volle Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zuträglich sein wird.“

Ein Schritt hin zur Verwirklichung der Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDG)

Die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung mit ihren 17 SDG setzt auf einen ganzheitlichen Ansatz und auf die Maxime, bei der Verwirklichung von Gesundheit und Wohlbefinden niemanden zurückzulassen. „Gesundheit 2020“, das gesundheitspolitische Rahmenkonzept für die Europäische Region, beinhaltet eine Vielzahl von gemeinsamen Ansätzen und Prioritäten mit der Agenda 2030 und bildet ein Sprungbrett für die Verwirklichung der SDG in der Europäischen Region.

Ohne leicht zugängliche hochwertige Leistungen ist Behinderung oft gleichbedeutend mit Ausgrenzung, Armut und Isolation. Die im nationalen Programm Tadschikistans vorgesehenen ressortübergreifenden Maßnahmen und Leistungen wirken einer solchen Entwicklung entgegen und stehen im Einklang mit dem globalen Aktionsplan der WHO für Menschen mit Behinderungen (2014–2021) sowie mit „Gesundheit 2020“ und den SDG.

Diese Interventionen und Angebote tragen zur Verwirklichung von SDG 3 („Ein gesundes Leben für alle Menschen jeden Alters gewährleisten“) und SDG 1 („Armut beenden“) bei, indem ökonomische Sicherheit und die Beschäftigung von Menschen mit Behinderungen gefördert werden. Sie schaffen auch Chancen auf Bildung (SDG 4) durch inklusive Bildungsprogramme und bewirken eine Befähigung von Frauen zur Selbstbestimmung und fördern damit eine Gleichstellung der Geschlechter (SDG 5).

Tadschikistan hat sein nationales Programm im Zuge von Partnerschaften und Kooperationen mit anderen Politikbereichen und mit Beteiligung der Zivilgesellschaft entwickelt und umgesetzt – ein Ansatz, der mit der in der Agenda 2030 empfohlenen Art der Umsetzung vereinbar ist.

„Das nationale Rehabilitationsprogramm für Menschen mit Behinderungen (2017–2020) soll ein befähigendes Umfeld mit Chancengleichheit für alle schaffen“, erklärt Dr. Saida Umarzoda, Erste Stellvertretende Ministerin für Gesundheit und soziale Sicherheit in Tadschikistan. „Die Unterstützung der WHO bei der Einbeziehung verschiedener Akteure im Bereich Behinderung und Entwicklung hat maßgeblich dazu beigetragen, das Programm patientenfreundlicher zu gestalten.“