Färbt die Welt orange: 16 Aktionstage gegen geschlechtsspezifische Gewalt

WHO

Am 25. November 2019 markiert der Internationale Tag für die Beseitigung der Gewalt gegen Frauen den Beginn der internationalen Kampagne „16 Aktionstage gegen geschlechtsspezifische Gewalt“, die bis zum 10. Dezember 2019, dem Tag der Menschenrechte, laufen wird. Unter dem Motto „Färbt die Welt orange: Generationengerechtigkeit setzt ein Zeichen gegen Vergewaltigung“ stellt die Kampagne in diesem Jahr das Thema Vergewaltigung als eine besondere Form der Gewalt gegen Frauen und Mädchen sowohl in Kriegs- als auch Friedenszeiten in den Mittelpunkt. Die WHO fordert mehr Maßnahmen zur Prävention und Beendigung von Gewalt gegen Frauen.

Frauen, die Opfer von Gewalt werden, weisen ein höheres Risiko für Tod und Verletzungen aber auch für psychische Erkrankungen wie Depressionen, Selbstverletzung oder Suizid, für alkoholbedingte Störungen sowie für mit sexueller und reproduktiver Gesundheit verbundene Probleme wie ungewollte Schwangerschaften, untergewichtige Babys und sexuell übertragene Krankheiten auf.

In der Europäischen Region der WHO wird jede vierte Frau Opfer sexueller bzw. körperlicher Gewalt durch einen Intimpartner. Schätzungen zufolge sind etwa 5% der Frauen sexuellen Übergriffen durch eine andere Person als ihren Partner ausgesetzt.

Gewalt kann jede Frau treffen, unabhängig von ihrem Hintergrund, und sie kann viele Formen annehmen.

Gesundheitsfachkräfte und der LIVES-Ansatz

Gesundheitsfachkräfte sind oft die erste professionelle Anlaufstelle für eine Frau, die Opfer von Gewalt geworden ist. Missbrauchte Frauen nehmen eher Gesundheitsleistungen in Anspruch, auch wenn sie nicht explizit gewaltbezogene Hilfe suchen.

Die erste Hilfe ist oftmals die wichtigste Form der Gesundheitsversorgung, die eine Gesundheitsfachkraft bieten kann. Der LIVES-Ansatz ruft fünf Aufgaben in Erinnerung, die zum Schutz des Lebens einer Frau beitragen können:

  1. Listen – genau zuhören, mit Einfühlungsvermögen und ohne Vorurteile
  2. Inquire – sich nach Bedürfnissen und Sorgen erkundigen
  3. Validate – die Erfahrungen der Patientin anerkennen, indem man Verständnis zeigt und ihr versichert, dass sie keine Schuld trifft
  4. Enhance – die Sicherheit der Patientin erhöhen
  5. Support – die Patientin unterstützen und sie auf weitere Informationen, Angebote und soziale Unterstützung hinweisen.

Termine für die pränatale Versorgung bieten geschultem Gesundheitspersonal Gelegenheit, Anzeichen von Gewalt zu erkennen und entsprechende Beratung und Unterstützung zu bieten. In der Europäischen Region soll die pränatale Gesundheitsversorgung in vielen Ländern auch die Aufdeckung von häuslicher Gewalt umfassen, doch in weniger als der Hälfte dieser Länder wird dieses Angebot auf nationaler Ebene auch umgesetzt.

Das Paket mit unentbehrlichen Leistungen der WHO für Überlebende von Gewalt umfasst u. a. eine speziell auf Frauen ausgerichtete Versorgung, erste Hilfe, Dokumentation, Behandlung und Überweisungspraxis.

Sexualerziehung

Eine wichtige Rolle bei der Prävention und Beendigung von Gewalt gegen Frauen spielt auch die Sexualerziehung für Jugendliche an Schulen, bei der Klischeevorstellungen und schädliche geschlechtsspezifische Normen hinterfragt werden. Die Sexualerziehung sollte eine Reihe von Themenbereichen zur Unterstützung junger Menschen abdecken, etwa die Vermeidung negativer gesundheitlicher Folgen, die Ermöglichung von Gesprächen über Sexualität und sexuelle Gesundheit, das Verständnis von gesunden und ungesunden Beziehungen, die Vermittlung von Selbstwertgefühl und Achtung für den eigenen Körper sowie der Respekt für die körperliche Unversehrtheit anderer und für eine andere sexuelle Orientierung oder andere Geschlechtsidentitäten.

Vom WHO-Regionalbüro für Europa gesammelte Daten zeigen, dass nur in 23 von 42 untersuchten Ländern die Sexualerziehung Teil des Lehrplans in Grund- und weiterführenden Schulen ist. Im „Aktionsplan zur Förderung der sexuellen und reproduktiven Gesundheit: Auf dem Weg zur Verwirklichung der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung in der Europäischen Region – Niemanden zurücklassen“ wird der Ausbau einer evidenzgeleiteten, umfassenden Sexualerziehung gefordert.

Einbindung von Jungen und Männern in die Gewaltprävention

Zur Beseitigung der Gewalt gegen Frauen müssen alle zusammenarbeiten. Die Daten zeigen, dass es in Kulturen, in denen die Gewalt unter Männern eher akzeptiert wird und weiter verbreitet ist, auch mehr Gewalt gegen Frauen gibt. Die Strategie zur Förderung der Gesundheit und des Wohlbefindens von Männern in der Europäischen Region der WHO sieht die Einbindung von Männern und Jungen in die Gewaltprävention vor, etwa durch Programme mit Schwerpunkt auf Lebensfertigkeiten, Elternschaft und sozialer Entwicklung. Darüber hinaus muss die Rolle von Männern als aktive Triebkräfte des Wandels gefördert werden, um der Normalisierung von Gewalt unter Männern entgegenzuwirken, und sie müssen an der Seite von Frauengruppen in Programme eingebunden werden, die auf die Beseitigung der Gewalt gegen Frauen abzielen.

RESPECT

RESPECT ist ein Handlungsrahmen zur Unterstützung politischer Entscheidungsträger, der die Schritte einer Gesundheits- und Menschenrechtspolitik für die Ausweitung von Programmen zur Prävention von Gewalt gegen Frauen aufzeigt. Jeder Buchstabe des Wortes RESPECT steht dabei für eine von sieben Strategien:

  • Relationship skills strengthened (Stärkung der Beziehungskompetenz)
  • Empowerment of women (Befähigung von Frauen zu selbstbestimmtem Handeln)
  • Services ensured (Gewährleistung von entsprechenden Angeboten)
  • Poverty reduced (Armutsbekämpfung)
  • Environments made safe (Schaffung sicherer Umfelder)
  • Child and adolescent abuse prevented (Vorbeugung des Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen)
  • Transformed attitudes, beliefs and norms (Veränderung von Denkweisen, Überzeugungen und Normen).