Zum Welttag der humanitären Hilfe: Interview mit einem syrischen Arzt

WHO

Dr Ghassan Sabri Bako is a Syrian doctor now living in Turkey.

Der syrische Arzt Ghassan Sabri Bako praktiziert schon seit 36 Jahren. Vor zwei Jahren zog er in die Türkei, um dem Konflikt in Syrien zu entkommen, und lebt jetzt im südöstlichen Teil des Landes, wo er in einer offiziellen Einrichtung einer nichtstaatlichen internationalen Organisation anderen Flüchtlingen hilft. Anfang dieses Monats nahm er an einer Anpassungsschulung für syrische Ärzte teil, die vom WHO-Büro in Gaziantep mit finanzieller Unterstützung durch die Abteilung Humanitäre Hilfe und Katastrophenschutz (ECHO) bei der Europäischen Kommission und den Zentralen Fonds für die Reaktion auf Notsituationen (CERF) organisiert und durchgeführt wurde. 

Diese einwöchige Schulung über die primäre Gesundheitsversorgung wurde eingeführt, um syrische Ärzte mit der Praxis im türkischen Gesundheitswesen vertraut zu machen. Die Schulung beinhaltet u. a. Informationen über Impfpläne und die Verfügbarkeit von Medikamenten.

In Zahlen: Gesundheitsversorgung für syrische Flüchtlinge in der Türkei

  • In der Türkei leben gegenwärtig ca. 1,9 Mio. syrische Flüchtlinge; damit hat die Türkei mehr Flüchtlinge aufgenommen als jedes andere Land der Welt. 
  • Seit Juni 2014 ist die Zahl der Flüchtlinge um etwa 1 Million gestiegen.
  • 85% der Flüchtlinge leben inmitten der türkischen Bevölkerung, die verbleibenden 15% sind in Lagern untergebracht.
  • Die Regierung der Türkei ist entschlossen, dafür zu sorgen, dass die Flüchtlinge freien Zugang zu den öffentlichen Gesundheitsdiensten und zur Gesundheitsversorgung haben.
  • Zwischen Januar und Juni 2015 haben die Flüchtlinge u. a. folgende Gesundheitsleistungen in Anspruch genommen:  6 Mio. Arztbesuche, 240 000 stationäre Aufenthalte, 200 000 Operationen und die Impfung von 2 Mio. Kindern gegen Polio im Rahmen von Impfkampagnen.
  • Dabei treten vor allem folgende Probleme zu Tage: die Sprachbarriere für Flüchtlinge beim Zugang zu Gesundheitsleistungen; die hohe Prävalenz nichtübertragbarer Krankheiten; die erhöhten Fallzahlen bei übertragbaren Krankheiten (einschließlich impfpräventabler Krankheiten) wegen des fehlenden Zugangs zu Routineimpfungen; und die beschränkte Verfügbarkeit von Angeboten der psychischen Gesundheitsversorgung.

Die Reaktion der WHO in der Türkei

Die WHO richtete im Oktober 2013 eine Feldpräsenz in Gaziantep im Südosten der Türkei ein, die sie nachfolgend im Zuge der Verstärkung ihrer Kapazitäten und Aktivitäten ausweitete. Der Schwerpunkt der Bemühungen des Büros liegt auf einigen kritischen Funktionen innerhalb des Rahmens der WHO für die Reaktion im Krisenfall: gesundheitspolitische Koordination, Informationsmanagement, Bereitstellung von Sachverstand und unentbehrliche Leistungen. Die WHO ist die federführende Instanz unter den in der südlichen Türkei und im Norden Syriens tätigen nationalen und internationalen Partnerorganisation im Gesundheitsbereich.

Die WHO hat bisher 116 Gesundheits-Kits an die Türkei geliefert, mit denen die primäre Gesundheitsversorgung von insgesamt 170 000 Menschen drei Monate lang bestritten werden kann; zusätzlich sind die Notfallbehandlung von 1300 Verletzten sowie 4000 Operationen möglich. Die Lieferung von Geräten und Arzneimitteln und die Veranstaltung von Schulungen zur Integration syrischer Gesundheitsfachkräfte in das türkische Gesundheitssystem sind nur zwei Beispiele für die Bemühungen der WHO, den syrischen Flüchtlingen in der Türkei einen ständigen Zugang zu chancengleichen, lebensrettenden Gesundheitsangeboten zu sichern. 

Weitere Maßnahmen sind die technische Unterstützung für Ausbruchsbekämpfung und Impfkampagnen, die psychologische Unterstützung für die Flüchtlinge und die Entwicklung und Verbreitung von Informationsmaterial. 

Der Schlüssel zu einem glücklichen Leben

„Als ich ein Junge war", erzählt Dr. Bako, „wollte ich unbedingt Arzt werden." 1977 schloss er sein Medizinstudium an der Universität Aleppo ab. „Während ihres Studiums lernen Medizinstudenten als Erstes die Grundsätze der Humanität – und was es bedeutet, Mensch zu sein. In der ärztlichen Ausbildung hat man uns gesagt, der Schlüssel zu einem glücklichen Leben liegt darin, Gutes für andere zu tun.

Die syrischen Patienten haben vor allem mit gesundheitlichen, sozialen und ökonomischen Problemen zu kämpfen. Wenn wir ihnen helfen wollen, ihr Leben zu verbessern, müssen wir ihre ökonomische und gesundheitliche Situation verbessern. Ein wesentlicher Aspekt meiner Arbeit als Arzt besteht darin, die Menschen psychisch in die Lage zu versetzen, ihre Probleme zu bewältigen."

Er fügt hinzu: „Wenn Sie die Schmerzen eines Patienten lindern, wenn Sie ihm dabei helfen, gesund zu werden und seine Krankheit zu überwinden, dann ist das ein großes Glücksgefühl. Dieses Gefühl empfinde ich auch heute noch und bin dankbar dafür."

Zum Welttag der humanitären Hilfe 

„Es tut mir zutiefst weh, wenn ich einen anderen Mann, eine Frau oder ein Kind leiden sehe. Auch wenn ich sie nicht kenne und sie nicht zu meiner Familie gehören oder in der Nachbarschaft wohnen – es tut mir einfach weh. In vielen Teilen der Welt kommt es zu Katastrophen und Kriegen. Ärzte arbeiten unter schwierigen Bedingungen an Orten, die von Katastrophen betroffen sind, weil sie den betroffenen Menschen helfen wollen. Sie sind übermenschlich", sagt Dr. Ghassan Sabri Bako.

Der Welttag der humanitären Hilfe wird jährlich am 19. August begangen, um all jene Menschen zu würdigen, die unter gefährlichen und widrigen Umständen anderen helfen, und um die Gesinnung zu feiern, die dieser humanitären Arbeit in der ganzen Welt zugrunde liegt. Er wurde von der Generalversammlung der Vereinten Nationen ausgerufen und fällt mit dem Jahrestag des Anschlags auf das Hauptquartier der Vereinten Nationen in Bagdad im Jahr 2003 zusammen.

In diesem Jahr wollen die Vereinten Nationen und ihre humanitären Partnerorganisationen die Menschen in aller Welt dazu ermutigen, zu aktiven Botschaftern der Humanität zu werden. Anlässlich des Welttages der humanitären Hilfe möchte die WHO den Gesundheitsberufen für ihren Einsatz im Dienste der öffentlichen Gesundheit danken (#ThanksHealthHero).