Von der Notversorgung hin zu Wiederaufbau und Entwicklung

ВОЗ

WHO delivers medical supplies to a Syrian hospital

Der Konflikt in der Arabischen Republik Syrien und seine Folgen in der Türkei sowie die Unruhen in der östlichen Ukraine stellen eine nie da gewesene Belastung für die betroffene Bevölkerung dar, die sich in sozialen und ökonomischen Härten sowie in Defiziten im Gesundheitsbereich äußert. Die Gesundheitsversorgung ist unterbrochen, und viele Gesundheitseinrichtungen beschädigt. Angriffe auf Krankenhäuser, Gesundheitspersonal und humanitäre Konvois sind schwerwiegende Verstöße gegen Menschenrechte.
In dem dritten aus einer Serie von Beiträgen über humanitäre Hilfsmaßnahmen befassen wir uns mit der Arbeit des WHO-Regionalbüros für Europa und seiner Partner zur Bewältigung langwieriger humanitärer Krisen – von der Notversorgung hin zu Wiederaufbau und Entwicklung – im Rahmen des neuen Programms für gesundheitliche Notlagen.

Die Rolle der WHO bei humanitären Krisen

Das WHO-Regionalbüro für Europa verfügt über umfassende Erfahrung bei der Bewältigung der humanitären Krisen in der Arabischen Republik Syrien (durch ihre Präsenz im türkischen Gaziantep) und in der Ukraine seit deren Beginn.

„Wir haben die Federführung bei den gesundheitlichen Gegenmaßnahmen übernommen und helfen Menschen in Not mit lebensrettenden Interventionen. Konkret bedeutet das, dass wir die Normen für die Versorgung festlegen, fachliche Beratung anbieten und Finanzmittel mobilisieren. Außerdem koordinieren wir die Arbeit einer Reihe von Partnerorganisationen im Gesundheitsbereich, die vor Ort medizinische Hilfsgüter liefern, Gesundheitsleistungen erbringen, Impfmaßnahmen durchführen und medizinisches Personal schulen“, erklärt Dr. Nedret Emiroglu, Leiterin der Abteilung Übertragbare Krankheiten und Gesundheitssicherheit beim WHO-Regionalbüro für Europa. „Besonders wichtig ist, dass wir unsere Hilfe mit Maßnahmen für Wiederaufbau und Entwicklung verbinden und gemeinsam mit den Ländern darauf hinarbeiten, dass ihre Gesundheitssysteme uneingeschränkt in der Lage sind, gesundheitliche Notlagen zu bewältigen.“

Das neue Programm für gesundheitliche Notlagen ermöglicht es der WHO, als vollständig operative Organisation mit einer einheitlichen Organisationsstruktur zu arbeiten. Wenn die Kapazitäten der Länder überlastet sind, nutzt die WHO ihre feste Infrastruktur auf der nationalen, regionsweiten und globalen Ebene, um den betroffenen Menschen zu helfen.

Die Rolle der WHO in der Arabischen Republik Syrien und der Türkei

Seit 2013 dient die Feldpräsenz der WHO im türkischen Gaziantep als Schaltzentrale für die gesundheitlichen Hilfsmaßnahmen in Syrien. Von dort koordiniert die WHO die gesundheitlichen Sofortmaßnahmen im nördlichen Syrien im Rahmen eines landesweiten Ansatzes und koordiniert die Arbeit der Partner im Gesundheitsbereich, die die türkischen Behörden bei der gesundheitlichen Versorgung der syrischen Flüchtlinge in der Türkei unterstützen.

Im Rahmen einer grenzüberschreitenden Operation erreicht die humanitäre Hilfe schließlich das nördliche Syrien. Bisher wurden im Laufe des Jahres 2016 insgesamt 177 Tonnen an Hilfsgütern im Wert von 1,7 Mio. US-$ an 175 Einrichtungen von 19 Partnerorganisationen geliefert. Die WHO und ihre Partner unterstützen die Früherkennung und Behandlung von Infektionskrankheiten, organisieren Impfkampagnen und stellen eine nachhaltige Versorgung mit unentbehrlichen Arzneimitteln in den Bereichen Kindergesundheit und psychische Gesundheit sowie zur Bekämpfung von nichtübertragbaren Krankheiten und Mangelernährung sicher.

Doch die gesundheitlichen Maßnahmen werden häufig durch Angriffe auf Gesundheitseinrichtungen, humanitäre Konvois und Lagereinrichtungen gefährdet. „Wir verurteilen alle Angriffe auf humanitäre Helfer, Gesundheitspersonal und Zivilisten auf das Schärfste. Die Menschen haben ein uneingeschränktes Recht auf gesundheitliche und humanitäre Unterstützung“, erklärt Dr. Dorit Nitzan, Koordinatorin für gesundheitliche Notversorgung beim WHO-Regionalbüro für Europa.

In der Türkei arbeitet die WHO in den Bereichen Krankheitsprävention, Behandlung und Beratung für die syrischen Flüchtlinge eng mit der Regierung zusammen. In der Türkei leben gegenwärtig etwa 2,7 Mio. Flüchtlinge, ein Zehntel von ihnen in Lagern. Um ihren Zugang zur Gesundheitsversorgung zu verbessern, wurden insgesamt 70 Gesundheitszentren für Migranten eingerichtet, und die WHO hat Schulungen für syrische Ärzte und Pflegekräfte organisiert, die den Patienten Gesundheitsleistungen in ihrer eigenen Sprache anbieten können. Die WHO stellt weiterhin fachliche und finanzielle Unterstützung für Gegenmaßnahmen bei Krankheitsausbrüchen, für Impfkampagnen, für Medikamente und medizinische Geräte, für die Bewertung der gesundheitlichen Erfordernisse und für die Entwicklung von Informationsmaterial für die Flüchtlinge bereit.

Ukraine: eine humanitäre Notlage, die unsere Aufmerksamkeit verlangt

Im Februar 2014 übernahm die WHO die Federführung bei der gesundheitlichen Notversorgung in der Ukraine. In den vergangenen 18 Monaten konnten mit den von der WHO gelieferten Hilfsgütern über 2 Mio. Patienten behandelt werden. Die mobilen Gesundheitsteams der WHO – für viele Vertriebene in der Ukraine der einzige Zugang zur Gesundheitsversorgung – haben Arzttermine für 250 000 Patienten absolviert.

Trotz dieser umfangreichen Unterstützung verfügt ein Großteil der ca. 1 Mio. Menschen, die ihre Häuser verlassen mussten, immer noch nicht über eine gesundheitliche Grundversorgung. Zu ihren wichtigsten gesundheitlichen Bedürfnissen zählen der Zugang zu lebensrettenden Medikamenten, die Behandlung chronischer Krankheiten, Impfmaßnahmen sowie der Zugang zu Diagnose- und Behandlungsangeboten für Tuberkulose und HIV. Doch sowohl die Aufmerksamkeit der internationalen Gemeinschaft als auch die Finanzmittel für eine Bewältigung dieser humanitären Notlage nehmen rapide ab.

Die WHO wird ihre Hilfsmaßnahmen angesichts der Krise in der Ukraine weiter fortsetzen und auch über diese Krise hinaus nach Wegen suchen, um Entwicklung und Wiederaufbau in der Ukraine voranzutreiben.

Mitgliedstaaten stehen hinter dem neuen Programm für gesundheitliche Notlagen

Die Mitgliedstaaten haben über das neue Programm für gesundheitliche Notlagen und seinen Betrieb zunächst auf der globalen Ebene und später auf Ebene der Europäischen Region, auf der 66. Tagung des WHO-Regionalkomitees für Europa, diskutiert. Sie haben das neue Programm begrüßt und ihre Entschlossenheit zum Ausdruck gebracht, ihm unter der Regie der WHO zum Erfolg zu verhelfen.

„Gesundheitliche Notlagen sind für uns ein wichtiges Anliegen, und wir sind entschlossen, unsere Kapazitäten in den Bereichen Bereitschaftsplanung und Gegenmaßnahmen auszubauen“, sagte Dr. Zsuzsanna Jakab, WHO-Regionaldirektorin für Europa.