Nach sechs Jahren Bürgerkrieg setzt sich Impfpersonal im Norden Syriens heldenmutig für Kinder ein

SIG

The Syria Immunization Group (SIG) bring vaccines to children in hard-to-reach and besieged areas.

Dieser Monat stellt auf tragische Weise einen Meilenstein dar: Vor sechs Jahren brach der Konflikt in der Arabischen Republik Syrien aus. Die aktuelle Krise hat zu 5 Mio. Flüchtlingen sowie zu 6 Mio. Binnenvertriebenen und 13,5 Mio. Menschen in Not im ganzen Land geführt.

Eine Reihe von Partnern der WHO bildeten im Norden des Landes gemeinsam die sogenannte Syria Immunization Group (SID), eine von Mitarbeitern der WHO von der Außenstelle Gaziantep (Türkei) aus koordinierte Impfungsgruppe. Die Arbeit dieser Gruppe findet im Rahmen eines landesweiten Ansatzes statt, der sowohl innerhalb des Landes als auch in den Nachbarländern humanitäre Akteure zusammenführt, um über Grenzen und Frontlinien hinweg Gesundheitsleistungen zu ermöglichen.

Die SIG besteht aus Menschen, die oft ihr eigenes Leben aufs Spiel setzen, um Kindern in schwer erreichbaren und belagerten Gebieten Impfstoffe zu bringen. Dieses mutige Gesundheitspersonal benutzt Boote, wenn Brücken zerstört worden sind. Sie gehen zu Fuß über landwirtschaftliche Flächen und tragen die Kühlboxen mit den Impfstoffen. Sie versorgen Gemeinden mit Impfstoffen, während in ihrer Nähe Bomben fallen. Sie setzen sich einer enormen Gefahr aus, um Kinder vor tödlichen Krankheiten zu schützen.

Die folgenden Geschichten sind nur für einige Beispiele für die vielen unerschrockenen Impffachkräfte, die in enger Partnerschaft mit der WHO im Norden Syriens Kinder vor durch Impfung vermeidbaren Krankheiten schützen.

Letzte Hoffnung: Beförderung von Impfstoffen über den Wasserweg

Ein im Norden Syriens am Assadsee gelegenes Dorf war für die Impfteams der SIG unzugänglich. Das Dorf hatte 8200 Einwohner, darunter Hunderte von Kinder unter fünf Jahren. Die hohe Anzahl bewaffneter Truppen in der Region bedeutete, dass es von allen Seiten her belagert wurde und insbesondere Heckenschützen eine ernsthafte Bedrohung darstellten. Angesichts dieser Herausforderungen und Gefahren, konnte das Dorf nur mit dem Schiff erreicht werden.

Im März 2016 entschloss sich ein Team der SIG für die Masernimpfung trotz der bestehenden Gefahr dazu, einen Versuch zur Erreichung des Dorfes über den Wasserweg zu unternehmen. Das Gesundheitspersonal ging an Bord eines kleinen Bootes und führte die Impfgerätschaften mit sich. Die Überfahrt bis zum Erreichen des Dorfes dauerte sehr lange, doch wurden sie bei ihrer Ankunft mit großer Gastfreundschaft in Empfang genommen. Der Dorfvorsteher, dessen vierjähriger Sohn tödlich von Artilleriefeuer getroffen worden war, beherbergte das Impfteam fünf Tage lang und half ihm bei der Durchführung seiner Arbeit. Insgesamt wurden 622 Kinder unter 5 Jahren gegen die Masern geimpft, bevor das Team zum nächsten Dorf weiterzog.

Nur knapp entronnen

Eines der Impfteams der SIG wurde zu einem Lager für Binnenvertriebene in der Nähe der Stadt Harem unweit der türkisch-syrischen Grenze entsandt. Die Bewohner des Lagers hatten alles verloren und kämpften ums nackte Überleben. Demzufolge wurde die Impfung anfänglich nicht als ein vorrangiges Anliegen angesehen.

Das Impfteam tat viel, um mit den Menschen des Lagers in einen Dialog über die Wichtigkeit der Impfung zu treten, und bald erschienen die Eltern mit ihren Kindern und baten um die Impfung. Einmal verließ das Gesundheitspersonal das Lager um die Arbeit eines in der Nähe gelegenen Gesundheitszentrums zu prüfen. Auf ihrem Weg dorthin hörten sie Explosionen in der näheren Umgebung. Minuten nachdem sie das Gesundheitszentrum erreicht hatten, trafen Fahrzeuge ein, die verwundete Menschen mit sich führten, die dringend behandelt werden mussten. Kriegsflugzeuge hatten das Lager bombardiert, welches das Impfteam gerade verlassen hatte. Die Mitglieder des Teams waren zwar unversehrt, doch über ihr knappes Entrinnen zutiefst erschüttert.

Engagiertes Teammitglied von Tragödie heimgesucht

Ein Teammitglied der SIG namens Khaled arbeitete in der Provinz Hama mit der Förderung der Kinderimpfbeteiligung in den dortigen Gemeinden. Er traf mit den Dorfvorstehern zusammen und sprach mit ihnen über die Impfkampagnen und redete auch mit den Scheichs der Moscheen und den Gläubigen, um sie zur Impfung ihrer Kinder zu bewegen. Khaled fuhr auch mit einem Auto durch die Dörfer und verkündete über einen Lautsprecher die Ankunft des Impfteams. Seine Bemühungen ermutigten viele Leute zur Impfung ihrer Kinder durch die Teams der SIG.

In einem Fall führte Khaled‘s harte Arbeit dazu, dass ein Dorfvorsteher das mobile Impfteam in seinem eigenen Haus aufnahm; während ihres Aufenthaltes wurde jedes Kind des Dorfes geimpft. Khaled kehrte an jenem Abend müde aber glücklich zu seiner Familie zurück. Er ging früh zu Bett, erschöpft von einem langen Tag. Am nächsten Tag erschien Khaled allerdings nicht auf der Arbeit. Im Laufe der Nacht war sein Haus von Flugzeugraketen getroffen und zerstört worden. Er und seine Familie verloren ihr Leben.

Kinder vor Polio schützen

Die SIG führte im Februar 2017 im Norden Syriens mit Schwerpunkt auf den Provinzen Idleb, Hama, Aleppo und Homs eine Impfkampagne gegen Polio durch. Im Vorfeld dieser großangelegten Kampagne wurden insgesamt 2730 Menschen geschult, hierunter 2305 Männer und 425 Frauen. Das Team der impfenden Fachkräfte bestand aus 1754 Leuten und für die Kampagne kamen 438 Fahrzeuge zum Einsatz, um die Versorgung von 616 937 Kinder mit dem bivalenten oralen Polioimpfstoff zu leisten.

Anfang März zeichnete die WHO ihre Impfpartner im Rahmen einer Preisverleihung in Gaziantep (Türkei) für ihre außergewöhnlichen Anstrengungen mit der Impfung der Kinder im Norden Syriens aus.

Die Arbeit der WHO in der südlichen Türkei und im Norden Syriens

Im Oktober 2013 richtete die WHO eine Feldpräsenz in Gaziantep in der südlichen Türkei ein und hat seither deren Kapazitäten und Aktivitäten ausgeweitet. Durch ihre Präsenz vor Ort leitet sie die Zusammenarbeit mit Partnern im Norden der Arabischen Republik Syrien. In dieser Rolle ermöglicht die WHO eine Vielfalt von lebensrettenden Interventionen für die äußerst gefährdeten Bevölkerungsgruppen im Norden Syriens. Hierunter fällt auch die Koordinierung der Impfmaßnahmen für Millionen von syrischen Kindern, denen wegen des Bürgerkriegs entscheidende Impfungen nicht verabreicht wurden. Die WHO und ihre Partnerorganisationen setzen auch ihre Maßnahmen gegen Krankheitsausbrüche fort, wie etwa im Januar 2017 während eines Masernausbruchs in einem Lager für Binnenvertriebene.

Von den für eine Weiterführung des wichtigen Impfschutzes für 2017 benötigten 11 Mio. US-$, hat die WHO Anfang März 4,2 Mio. US-$ erhalten.