WHO ruft Partner zur Reaktion auf die gesundheitlichen und humanitären Bedürfnisse der ukrainischen Bevölkerung auf

WHO/Volodymyr Shuvayev

„Der Zugang zu hochwertiger Versorgung und hochwertigen Medikamenten ist beschränkt. Frauen, Kinder, Heranwachsende – mehr als 60% der Betroffenen – sowie Ältere sind unverhältnismäßig stark von einer drastischen Kürzung der Gesundheits-, Pflege- und Betreuungsleistungen betroffen.“

Dieses Bild der gesundheitlichen Lage in der humanitären Krise in der Ostukraine zeichneten die WHO und andere Organisationen bei einer gemeinsam von der Europäischen Kommission und dem Amt für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) der Vereinten Nationen veranstalteten hochrangigen Konferenz, die am 28. Februar 2018 in Brüssel stattfand. Bisher sind vom Konflikt in der Ukraine 4,4 Mio. Menschen betroffen, und er hat zur Vertreibung bzw. Umsiedlung von 1,6 Mio. Menschen geführt. Im Ostteil der Ukraine benötigen 3,4 Mio. Menschen humanitäre Hilfe. Rund 200 000 Bewohner in der Nähe der Kontaktlinie sehen sich weiterhin mit einer eingeschränkten Bewegungsfreiheit sowie einer Lebensmittel-, Brennstoff-, Kraftstoff- und Medikamentenknappheit konfrontiert.

Trotz fortlaufender humanitärer Anstrengungen steigen die gesundheitlichen Bedürfnisse weiter an

Dr. Nedret Emiroglu, Direktorin für Programm-Management und Leiterin der Abteilung Gesundheitliche Notlagen und übertragbare Krankheiten beim WHO-Regionalbüro für Europa, informierte die Konferenzteilnehmer über die Auswirkungen der seit vier Jahren andauernden Gewalt auf das Gesundheitssystem sowie über die dringendsten gesundheitlichen Bedürfnisse der Bevölkerung. Sie fasste die Unterstützung, die die WHO und ihre Partner im Gesundheitsbereich in den letzten Jahren geleistet haben, zusammen, wozu auch die Lieferung unentbehrlicher Medikamente und medizinischer Ausrüstung für 2,5 Mio. Menschen in den vom Konflikt betroffenen Gebieten, der Einsatz mobiler Kliniken für die psychosoziale Betreuung von 313 000 Menschen und die Aufstockung von Blutbanken für sichere Bluttransfusionen für rund 50 000 Menschen zählten.

Trotz dieser Anstrengungen steigen die gesundheitlichen Bedürfnisse weiter an, und das überlastete und fragmentierte Gesundheitssystem kann darauf kaum reagieren. Vorsorge, Behandlung und Pflege bei chronischen Krankheiten sind beschränkt. Dies trifft Menschen, die an nichtübertragbaren Krankheiten wie Krebs, Diabetes, Bluthochdruck und Herzkrankheiten leiden, genauso wie Menschen, die an Tuberkulose (TB) und ihren resistenten Formen sowie HIV erkrankt sind.  

Dr. Emiroglu betonte, dass die Ukraine eines der 18 Hochprävalenzländer für Tuberkulose in der Europäischen Region der WHO sei und zu den 30 Ländern weltweit mit dem höchsten Anteil an multiresistenter Tuberkulose zähle. Die Ukraine hat eine der höchsten TB-Mortalitätsraten in der Region.

Die Ukraine hat die zweithöchste Zahl an HIV-Neuinfektionen in der Europäischen Region und steht an vierter Stelle weltweit bei den Ländern mit den niedrigsten Impfraten, unter anderem gegen Polio. Die Impfrate bei Routineimpfungen ist infolge des Konflikts rückläufig. Dr. Emiroglu warnte: „Wir haben bereits einen Polioausbruch erlebt und sehen uns nun massiven Masern- und Diphterieausbrüchen gegenüber.“

Angriffe auf Gesundheitseinrichtungen

Bisher wurden während des Konflikts mehr als 150 Gesundheitseinrichtungen beschädigt oder zerstört. 2017 meldeten ungefähr 66% der Gesundheitseinrichtungen in der Ukraine in einem Umkreis von 5 Kilometern von der Kontaktlinie Schäden. Die WHO verurteilt diese Angriffe, die Auswirkungen auf Familien und die Gesellschaft im Allgemeinen haben und ein gut funktionierendes Gesundheitssystem und langfristige Wiederaufbaumaßnahmen untergraben.

In die Zukunft der Ukraine investieren

Verschiedene Stimmen auf der Konferenz griffen die Bedenken der WHO auf und unterstrichen, dass eine unzureichende humanitäre Hilfe – für Gesundheitsleistungen, Lebensmittel und Bildung – eine ganze Generation zerstören werde. Die Bereitstellung von Finanzmitteln für die fortlaufende humanitäre Hilfe im Jahr 2018 wird darüber entscheiden, inwieweit die gesundheitlichen Bedürfnisse der vom Konflikt betroffenen Menschen erfüllt werden können.

Die Europäische Union (EU) habe sich zu weiterer humanitärer Hilfe in Höhe von 24 Mio. € verpflichtet, um den Opfern des Konflikts in der Ostukraine zu helfen, bestätigte Christos Stylianides, der Europäische Kommissar für humanitäre Hilfe und Krisenmanagement, bei Eröffnung der Konferenz.

Stylianides erklärte, dass die neue Nothilfe dabei helfen werde, die grundlegenden Bedürfnisse – Lebensmittel, Gesundheitsleistungen und Bildung für Kinder – der schwächsten Bevölkerungsgruppen entlang der Kontaktlinie, einschließlich in den nicht von der Regierung kontrollierten Gebieten, abzudecken. Dies wird auch denen helfen, die aus den Konfliktgebieten in Nachbarländer geflüchtet sind.

Mit dieser neuen Finanzierung erhöht sich die von der EU seit Beginn des Konflikts im Jahr 2014 für die Menschen in der Ostukraine bereitgestellte Summe auf mehr als 677 Mio. €.