Surveillance-Teams riskieren alles, um Krankheitsausbrüche in Nordsyrien zu identifizieren

EWARN

Zakaria beeilte sich, die türkische Grenze zu erreichen. Der kleine blaue Behälter, den er bei sich hatte, enthielt eine kostbare Fracht, die er in einem der am stärksten belagerten Gebiete Nordsyriens eingesammelt hatte. Sein Inhalt musste zum Nationalen Polio-Labor in der Türkei gebracht werden, und zwar unter Einhaltung der Kühlkette, sonst wären Zakarias Arbeit und die Bemühungen Dutzender anderer syrischer Gesundheitsfachkräfte umsonst gewesen. Und was noch schlimmer wäre: Das Leben von Kindern wäre in Gefahr.

Dieses Mal sollte Zakaria es nicht über die türkische Grenze schaffen. Er wurde bei einem Luftangriff getötet, bevor er die Grenze erreichen konnte, und die kostbaren Proben, die er bei sich hatte, wurden zerstört.

Zakaria arbeitete für das Frühwarn- und Reaktionsnetzwerk (EWARN), das 2013 in Gaziantep (Türkei) eingerichtet wurde, um Krankheitsmuster in Syrien zu identifizieren, bei Seuchenverdacht Alarm zu schlagen, und Ausbrüche von Infektionskrankheiten wie Polio, Cholera, Masern und Grippe nach deren Bestätigung zu überwachen. Die Arbeit macht es häufig erforderlich, dass Mitarbeiter von EWARN, wie Zakaria, in von Gewalt erschütterten Gebieten Proben sammeln und diese sicher in Labore bringen – dabei sind sie nicht nur extremen Wettereignissen, sondern auch Bomben und bewaffneten Grenzkontrollen ausgesetzt.

„Krankheitsüberwachung in Syrien ist mit großen Risiken verbunden, aber gleichzeitig auch eine unentbehrliche und lebensrettende Arbeit“, sagt Dr. Asm Amjad Hossain von der WHO-Außenstelle in Gaziantep, der die Ausbildung, Einarbeitung und Unterstützung der EWARN-Mitglieder durch die WHO koordiniert. „Es war allein dem Engagement dieser Risikoträger zu verdanken, dass vor etwas mehr als einem Jahr der neue Polio-Ausbruch in Syrien entdeckt wurde.“

Erkennung von Poliofällen durch Überwachung vor Ort allen Widrigkeiten zum Trotz

Dr. Naser Mhawish vom EWARN erinnert sich, wie der Ausbruch entdeckt wurde. Der erste Fall wurde bei einem kleinen Mädchen im Osten von Deir ez-Zor diagnostiziert, deren Mutter sie zu einem Kinderarzt brachte.

„Das Mädchen litt an Fieber und zeigte andere Grippesymptome, gleichzeitig konnte sie nicht richtig gehen“, erinnert sich Dr. Mhawish. Ihr Bein war schlaff, ein Symptom einer paralytischen Poliomyelitis.

Der Arzt meldete den Fall dem EWARN, das umgehend Mitarbeiter entsandte, um Stuhlproben zu nehmen.

Bei einem Verdacht auf Polio müssen Proben in einem von der WHO akkreditierten Labor getestet werden, das anschließend die Krankheit bestätigt. „In dem betreffenden Fall lag das nächste akkreditierte Labor in Ankara, etwa 1000 km Luftlinie entfernt“, erklärt Dr. Mhawish. „Angesichts zerstörter Dämme und Brücken und der Tatsache, dass die Route mitten durch den bewaffneten Konflikt führte, war es ein langer Weg, um die Proben ins Labor zu bringen.“

Den Erzählungen von Dr. Mhawish zufolge war der EWARN-Mitarbeiter, dem der Fall zugeteilt wurde, mehr als drei Wochen lang im umkämpften Gebiet eingeschlossen und nicht in der Lage, seinen Standort durchzugeben. Er sah sich scheinbar unüberwindbaren Hindernissen gegenüber, doch letztlich erreichte er die Türkei unbeschadet mit den Proben.

Die Tests ergaben bald, dass das Mädchen sich mit zirkulierenden von Impfstoffen abgeleiteten Polioviren (cVDPV) infiziert hatte. Vor dem Krieg war die Krankheit in Syrien ausgerottet, doch durch den Konflikt wurden die Routineimpfungen stark beeinträchtigt, wodurch Millionen von Kindern dem Risiko einer Ansteckung mit vermeidbaren und behandelbaren Krankheiten ausgesetzt wurden. Zudem schuf der Konflikt äußerst günstige Bedingungen für die Ausbreitung von Krankheiten: Massenmigration, beengte Lebensbedingungen, schlechte sanitäre Verhältnisse und kontaminiertes Wasser.

„Die hygienischen und sanitären Bedingungen waren in vielen Dörfern äußerst schlecht“, sagt Dr. Mhawish. „Und da Polio über Fäkalien übertragen wird, war den EWARN-Teams bewusst, dass eine Ausbreitung der Krankheit wahrscheinlich war.“

Es wurde dringend notwendig, von weiteren Verdachtsfällen Proben zu nehmen – selbst in gefährlichen oder schwer erreichbaren Gebieten Syriens. In den folgenden Monaten untersuchten EWARN-Mitarbeiter vor Ort trotz der andauernden Unruhen Hunderte von Polio-Verdachtsfälle, die von einem engen Netzwerk aus Ärzten, Pflegepersonal, Laborfachkräften und gemeindenahen Gesundheitsfachkräften gemeldet wurden, und nahmen Proben.

„Anhand dieser aktuellen Daten von EWARN waren die WHO und unsere Partner im Gesundheitsbereich in der Lage, schnell auf den Ausbruch der Krankheit zu reagieren und Informations- sowie Notfall-Impfkampagnen zu organisieren, um diesen zu bekämpfen“, sagt Dr. Hossain von der WHO.

Um den Polioausbruch einzudämmen und Kinder in ganz Syrien vor dieser hochansteckenden und zu Lähmung führenden Krankheit zu schützen, beschaffte die WHO den Polio-Impfstoff und führte im Jahr 2017 gemeinsam mit Partnern und Teams vor Ort eine Reihe von Massenimpfungen durch, mit deren Hilfe Hunderttausende Kinder immunisiert werden konnten. Die jüngste von der WHO unterstützte Impfkampagne gegen Polio wurde im März 2018 durchgeführt und erreichte mehr als 2 Mio. Kinder in jeder Provinz des Landes.

Seit der Erklärung des Ausbruchs im März 2017 wurden 74 Poliofälle (cVDPV) in Ostsyrien bestätigt. Der letzte Krankheitsfall wurde im September 2017 diagnostiziert.

Surveillance bildet die Grundlage für Gegenmaßnahmen

Dr. Radwan Al-Obeid vom EWARN zufolge ist die Wirksamkeit des Frühwarnsystems den Teams vor Ort und dem Netzwerk an Gesundheitsfachkräften zu verdanken, mit denen sie zusammenarbeiten.

„Das Team bringt enorme Opfer und sich selbst in große Gefahr, um Proben zu sammeln und sie zur Prüfung ins Labor zu bringen“, sagt Dr. Al-Obeid. „Erst durch ihre Arbeit sind wir in der Lage, sich abzeichnende Trends in Verbindung mit einem Ausbruch zu untersuchen und gemeinsam mit Partnern im Gesundheitsbereich über Art und Ort der Gegenmaßnahmen nachzudenken.“

Für Dr. Al-Obeid war Zakaria das perfekte Beispiel für dieses Engagement: „Ich erinnere mich sehr gut an ihn. Er liebte seine Arbeit und hat sein Leben für sie geopfert. Er war einer unserer besten Mitarbeiter.“